Kleine Schritte Richtung Maracana

Mittwoch, 20.11.2013 | 18:11 Uhr
Jogi Löw musste schon herbe Kritik wegen seinen Personalentscheidungen einstecken
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Bundestrainer Joachim Löw hat seinen Führungs- und Kommunikationsstil zumindest nach außen verschärft. Dem Ziel WM 2014 wird alles untergeordnet. Die Probleme sind bekannt, aber schon länger vorhanden.

Der Höhepunkt des deutschen Fußballjahres fand in Wembley statt. Nicht das Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Dienstagabend gegen England, sondern das Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund.

Zwei deutsche Klubs im Endspiel des wichtigsten Vereinswettbewerbs Europas, das hatte es noch nie gegeben. Der deutsche Fußball wurde binnen einer Saison zum Vorbild für viele andere Nationen, zumal Bayern und Dortmund mit unterschiedlichen Spielstilen zum Erfolg kamen.

Schließlich ging der erste internationale Titel eines deutschen Vereins seit 2001 nach München, wo die Spielergeneration um Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger gezeigt hat, dass sie nach mehreren verlorenen Endspielen Titel gewinnen kann.

Druck auf Löw gewachsen

Der Erfolg von Bayern und Dortmund hat auch den Druck auf Löw erhöht. Wenn die Öffentlichkeit und Experten den Spielern zuvor das Siegergen abgesprochen haben, ist dieser Makel verflogen. Was auf Vereinsebene gelang, soll jetzt auf Nationalmannschaftsebene veredelt werden.

Nach dem Aussscheiden bei der EM 2012, das Löw herbe Kritik an seinen Personalentscheidungen einbrachte, ist der Ton schon rauer geworden. Im Jahr 2013 ist die Erwartungshaltung durch den Champions-League-Sieg erneut gestiegen.

Deutschland gehört bei der WM im kommenden Jahr zu den Favoriten, auf einer Höhe mit Spanien, Brasilien und Italien. Weniger als das Finale wird kaum erwartet, selbst das Erreichen des Halbfinals könnte schon als zu wenig gelten. Denn Löws Amtszeit ist von ernüchternden Niederlagen in entscheidenden Turnierspielen gegen Spanien (2008, 2010) und Italien (2012) überschattet.

Kann Löw auch Turnier?

Von Löw wird erwartet, dass er in Brasilien zeigt, dass er auch ein Turniertrainer ist. Die WM wird auch zum endgültigen Stimmungsbarometer seiner Amtszeit.

Der DFB hat den Vertrag mit Löw im September vorzeitig bis nach der EM 2016 gewertet. Präsident Wolfgang Niersbach betonte, dass der Verband trotz fehlender Trophäen mit der konzeptionellen Arbeit des Bundestrainers zufrieden ist.

Es war ein Zeichen an die Öffentlichkeit, aber vor allem ein Schachzug um die Diskussionen über einen auslaufenden Vertrag während des Turniers besser zu managen als dies unter Dr. Theo Zwanziger 2010 der Fall war.

Denn auch beim DFB sind sie sich bewusst, dass Löw im Falle eines vorzeitigen Ausscheidens nicht mehr haltbar wäre und bei einem WM-Titel auf dem Höhepunkt vermutlich selbst Adieu sagen würde.

Klare Ansage an die Vereine

Löw und sein Mitarbeiterstab haben alles auf die WM in Brasilien ausgerichtet, das Ziel heißt Titelgewinn am 13. Juli im Maracana. Um das zu erreichen, hat der Bundestrainer zumindest nach außen seinen Führungs- und Kommunikationsstil verschärft.

Mehrmals, zuletzt vor dem Spiel gegen England, hat Löw auf Pressekonferenzen sein Revier klar gegenüber den Vereinen abgesteckt. Ein Bundesliga-Spitzenspiel könne einen Tag vor einem Länderspiel nicht sein Thema sein, "ich als Nationaltrainer schaue auf die beiden wichtigen Tests, die bis zur Nominierung im Mai noch bleiben".

Aufkommende Kritik aus der Liga sei ihm ziemlich egal. Da tut es nichts zur Sache, ob die von Uli Hoeneß, Hans-Joachim Watzke oder Rudi Völler kommt. Löw zieht jetzt sein Ding durch.

Zwei bekannte Probleme

"Der Bundestrainer hat immer eine klare Linie gehabt", sagte Kapitän Philipp Lahm vor dem Spiel gegen Italien. "Und die führt er ganz klar weiter. Deshalb: keine Veränderung." Für den Umgang mit den Spielern und seiner Idee vom Spiel der deutschen Mannschaft mag das stimmen, nur die Kommunikation dessen ist eine andere geworden.

Löw erwartet von seiner Mannschaft nach wie vor offensiven, aktiven Fußball. Er ist aber gerade dabei, die beiden eklatanten Problemfelder des Teams zu bearbeiten. Da ist zum einen die Defensivarbeit (15 Gegentore in 12 Spielen) und das Spiel im letzten Drittel, wie Löw es immer nennt.

Defensive auf dem Prüfstand

In den Tests gegen Italien und England agierte die Mannschaft kompakt, ließ nur ganz wenig zu und konnte vorne pressen, aber sich auch mal in die eigene Hälfte zurückziehen. "Insgesamt haben wir uns als Mannschaft verbessert, defensiv zu arbeiten, wenn es darauf ankam - auch im Pressing", sagt Löw.

Die meisten Gegentore gab es allerdings gegen Mannschaft aus der zweiten Reihe wie Ecuador (2), USA (4), Paraguay (3) und Schweden (3), die Deutschlands Anfälligkeit im Konter ausnutzten. "In Sachen Umschaltspiel und Kompaktheit müssen wir uns verbessern", sagt Löw.

Durch den Kreuzbandriss von Sami Khedira ist ihm vorerst eine wichtige Stütze bei dieser Aufgabe weggefallen. Noch ist offen, wie Löw langfristig ohne seinen Abräumer plant.

Zu viele Zocker

"Was den Ballbesitz betrifft, das schnelle Spiel, Übergewicht zu schaffen, sind wir auch gut", sagt Löw. Die fehlende Konsequenz, Cleverness und Präzision im Abschluss, die das deutsche Team immer wieder an den Tag legt, sind weitere altbekannte Ansatzpunkte. Für schnelle Abhilfe dürfte eine Rückkehr von Miroslav Klose und Mario Gomez nach ihren Verletzungen sorgen.

Allerdings müssen vor allem Mario Götze und Marco Reus, der zwar beim BVB immer besser in Fahrt kommt, beim DFB seinen Platz aber an Andre Schürrle verloren hat, mehr Zielstrebigkeit in ihr Spiel bringen.

Das gilt auch für Mesut Özil, der als weiterer Kandidat für das Experiment falsche Neun in diesem Bereich deutlich Luft nach oben hat. Ohnehin scheint Deutschland mit einem Stürmer Klose oder Gomez deutlich gefährlicher, als mit den von Löw so titulierten "Zockern". Özil und Götze haben mit ihrer Position in der Spitze zuletzt deutlich gefremdelt.

Schritt nach vorne

Eine weitere, aber nur schwer in den Griff zu bekommende Unannehmlichkeit sind die vielen Verletzungen, die das Team über das gesamte Jahr über begleiteten. Mit Mats Hummels und Marcel Schmelzer erwischte es in England schon wieder zwei Spieler.

Leistungsträger wie Schweinsteiger, Klose, Gomez und Gündogan fehlen schon lange. "Allerdings ist klar, dass wir diese Spieler im nächsten Jahr in einer Topform brauchen", sagt Löw.

Insgesamt zeigte sich der Bundestrainer aber mit dem Jahr 2013 zufrieden: "Wir haben einen guten Abschluss geschafft, haben in der Qualifikation neun Spiele gewonnen. Wir waren in den entscheidenden Spielen sehr präsent. Wir haben einen Schritt nach vorne gemacht."

Das DFB-Team im Überblick

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