Sami Khedira: Der Realo

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 14.08.2013 | 14:24 Uhr
Die Saison 2013/14 wird für Sami Khedira im Klub wie in der Nationalmannschaft richtungsweisend
© getty
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Sami Khedira steht vor einer herausfordernden Saison, im Verein wie auch in der Nationalmannschaft. Ist der 26-Jährige nun Führungsspieler oder Wackelkandidat? Vielleicht liefert er die Antwort auf diese Frage bereits im Testspiel gegen Paraguay (Mi., 20.30 Uhr im LIVE-Ticker).

Wenn Sami spielt, ist bei der Tante in Hammamet die Wohnung voll. Zumindest bei den wichtigen Spielen. Und seit Sami Khedira bei Real Madrid spielt und in der deutschen Nationalmannschaft eine wichtige Größe geworden ist, werden aus gemütlichen Fußballabenden schnell Großveranstaltungen mit bis zu 30 Freunden und Verwandten.

Khediras Vater hat sich in seiner Heimat in der tunesischen Ferienhochburg vor einigen Jahren ein Häuschen bauen lassen. Früher waren Lazhar Khedira mit seiner Frau Doris und den Kindern Denny, Rani und Sami regelmäßig zu Besuch. Heute geht das nicht mehr so einfach.

Mentor Mourinho ist weg

Zwei von drei Khediras sind Profis geworden. Denny, dem seine beiden Brüder das größte Talent von allen dreien bescheinigte, kickt immer noch für den Heimatklub TV Oeffingen in der Landesliga. Eine gefühlte Ewigkeit davon entfernt hat es sein ältester Bruder Sami zum Stammspieler beim populärsten Klub der Welt geschafft.

Vor drei Jahren hat sich Khediras Leben innerhalb weniger Wochen grundlegend verändert. Michael Ballacks Verletzung sicherte ihm, dem ehemaligen Kapitän der U 21 und legitimen Nachfolger des Capitano, beim wichtigsten Turnier der Welt einen Stammplatz und wenig später die Offerte von Real Madrid.

Drei Spielzeiten hat Khedira im Mittelfeld der Königlichen den Dreck weggeräumt, den Defensivmuffeln wie Cristiano Ronaldo oder Angel di Maria hinterlassen hatten. Immer unter dem Schutzmantel seines Mentors Jose Mourinho, der den Transfer des Deutschen damals für vergleichsweise schlanke 16 Millionen Euro gegen einen Großteil der Belegschaft und der mürrischen Presse durchgedrückt hat.

Mourinho hat sich immer wieder schützend vor den Deutschen gestellt hatte, wenn Khedira seinen pflichtbewusst Job erledigt hat und dafür auch noch Prügel einstecken musste. Die Skala oszillierte von Frankenstein bis Attentäter der Kreativität. Am nächsten Wochenende stand Khedira wieder in der Startelf.

Gerüchte um einen Wechsel

Mourinho ist mittlerweile nicht mehr in Madrid und es gibt eine ganze Menge Experten, die Khedira bei Real ebenfalls nicht mehr viele Gestaltungsmöglichkeiten einräumen. Asier Illarramendi ist der neue Stern am Sechser-Himmel und seit ein paar Wochen Mitglied der königlichen Familie. Wohl nicht nur deshalb halten sich seit geraumer Zeit hartnäckige Gerüchte, Mourinho könnte seinen Ziehsohn nach London locken. Ein handfestes Dementi dazu war bisher jedenfalls noch nicht zu hören.

Aber eigentlich ist Sami Khedira nicht der Typ, der einfach davon läuft. Er hat sich nach seinem Wechsel nach Spanien schon rar gemacht, spricht nur noch mit ausgesuchten Medien. In letzter Zeit war er kaum mehr präsent. Dabei war er bei der deutschen Nationalmannschaft in den holprigen Monaten nach der EM einer der wenigen, die ungefiltert ihre Meinung geäußert hatten und Verantwortung übernahmen.

Verantwortung in schwerer Zeit

Im Herbst formulierte Khedira ein paar kernige Sätze, die das Innenleben der Mannschaft gut transportierten. "Es geht darum, konsequent als Einheit und Mannschaft aufzutreten. Diese Marschroute ist verloren gegangen. Wir haben im Erfolg die Kleinigkeiten vergessen, die ganz wichtig, ja elementar sind für unser Spiel. Das war schon vor der EM zu beobachten. Und selbst Färöer hatte zuletzt bei uns Kontermöglichkeiten."

Das war unmittelbar nach dem Auftakt in die WM-Qualifikation. "Wir haben durch die sehr erfolgreiche Phase 2010 und 2011 vergessen, weshalb wir eigentlich die Spiele alle gewinnen. Da schleicht sich etwas ein, dann kommen die ersten Niederlagen und schlechte Spiele", fügte er damals noch an. Kurz danach erfasste die Mannschaft nach dem 4:4 gegen Schweden ein mittelschweres Beben.

Reform von innen

Khedira legte seine diplomatische Ader beiseite und forderte wie der klassische Realo die Reform des Systems von innen heraus. Er hat sich diesen Status erarbeitet mit glanzvollen Spielen seit der letzten WM. 36 Länderspiele hat der DFB in der Zeit bestritten. Khedira fehlte lediglich in drei Pflichtspielen, jedes Mal war er verletzt.

Darunter auch das 4:4 gegen die Schweden, als der deutschen Auswahl binnen 30 Minuten der Boden unter den Füßen wegbrach und einer wie Khedira ganz gut reingepasst hätte in ein Chaos historischen Ausmaßes - um die Kollegen wieder zur Räson zu mahnen.

Bei der Europameisterschaft war Khedira einer der besten deutschen Spieler, für viele sogar der Schlüsselspieler. Weil sich Bayerns Bastian Schweinsteiger aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sah, wie gewohnt das deutsche Spiel zu lenken.

Trotzdem ein Wackelkandidat?

Dem Bundestrainer ist Khediras Entwicklung in dieser Zeit natürlich nicht verborgen geblieben. Die Wertschätzung Löws für Khedira ist seitdem ungebrochen. Aber es gehört nicht nur zu dessen Rhetorik, mehrere Spieler für eine Position gleichbleibend ausdauernd zu loben. Löws Faible für die Leistungen des Dortmunders Ilkay Gündogan ist offensichtlich.

"Er macht das Spiel schnell, er ist präsent. Er ist unentbehrlich geworden für unseren Kader. Gündogan wird in den nächsten Jahren ein sehr wichtiger Spieler für uns werden", sagte Löw nach dem 4:1 über Kasachstan im März. Der Offensivgeist Löw sprach da vor den Kameras, wohlwissend, dass den Fans ein bisschen weniger Offensive und etwas mehr Defensivdenken durchaus auch zu erklären wäre.

"Wir hatten immer wieder auch Spiele, in denen unsere Organisation und unser Defensivverhalten nicht so perfekt funktionierte, wie wir uns das vorstellen. Da müssen wir uns verbessern", gab Löw im "Kicker" immerhin zu. Ein klar formulierter Auftrag, auch für einen wie Khedira.

Der steht nach sechs Jahren des permanenten Aufstiegs vor einer herausfordernden Saison. Die Lage in Madrid unter dem neuen Trainergespann Carlo Ancelotti und Zinedine Zidane ist ungewiss, ein Wechsel zum Start ins WM-Jahr zu einem neuen Klub, womöglich in ein anderes Land, wäre mit einem gewissen Risiko verbunden.

Und in der Nationalmannschaft drängeln viele nach Khediras Posten: Sven und Lars Bender, Lewis Holtby, Roman Neustädter, auch Toni Kroos kann theoretisch auf der Doppel-Sechs spielen. So sie denn bei Löw noch existent bleibt.

Noch keine Gedanken an die WM

"Nicht das System spielt die entscheidende Rolle, sondern die taktische Vorgabe und die Umsetzung", sagt Löw. Spielstarke, vorne attackierende Spieler fordert Löw, die gleichzeitig auch in der Defensive intelligent und gut arbeiten. Ein Anforderungsprofil wie geschaffen für Khedira, der seine offensive Seite in den Jahren unter Mourinho lediglich etwas unterdrücken musste. Gelernt hat er beim VfB Stuttgart auf der Position in den Mittelfeld-Halbräumen.

Über die Weltmeisterschaft in Brasilien im kommenden Jahr hat sich Khedira noch keine konkreten Gedanken gemacht. "Ich denke, das wird jedem Nationalspieler so gehen. Vom Kopf her ist die WM für mich noch ganz weit weg", sagt er.

Bis dahin ist ja auch noch eine komplette Saison zu spielen, mit dem Länderspielauftakt gegen Paraguay (Mi., 20.30 Uhr im LIVE-Ticker) und dem Start in die Primera Division am kommenden Wochenende als naheliegende Ziele. Dass er in einer der besten Mannschaften der Welt spielen darf, sieht er auch vor seiner vierten Spielzeit in Spanien als Privileg an.

"Wir haben alle die optimalen Bedingungen, da wir in Vereinen sind, von denen womöglich jeder in der Champions League spielen wird. Wir deutschen Nationalspieler werden auf höchstem Niveau gefordert sein. Das hat es so in Deutschland noch nicht geben: Mesut und ich bei Real, die Bayern, die Dortmunder - wir alle werden noch mehr Erfahrungen sammeln und unsere Qualität erhöhen", ist sich Khedira sicher.

Am Ende ist dann entscheidend, wie die verschiedenen Qualitäten zusammengefügt werden können. Aber dafür ist ausnahmsweise mal nicht Khedira verantwortlich.

Sami Khedira im Steckbrief

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