Donnerstag, 21.03.2013

Überangebot im Mittelfeld

Deutschland, deine Zehner

Bundestrainer Joachim Löw hat ein Überangebot an zentralen Mittelfeldspielern. Alle haben den Anspruch, Stammspieler zu sein. Die Qualitäten der Kreativköpfe in die Mannschaft zu integrieren, wird eine der Aufgaben des Bundestrainers in den nächsten Jahren.

Zwei der vielen Spielermacher der DFB-Elf: Mesut Özil und Mario Götze
© getty
Zwei der vielen Spielermacher der DFB-Elf: Mesut Özil und Mario Götze

Wenn Jupp Heynckes Bundestrainer wäre, dann wäre die Pressekonferenz der deutschen Nationalmannschaft am Dienstag wahrscheinlich anders abgelaufen. Dann hätte dort vermutlich Stefan Kießling die Fragen beantwortet und nicht Mario Götze.

Der Trainer des FC Bayern hat sich erst am Wochenende anlässlich des Aufeinandertreffens seiner Mannschaft mit Bayer Leverkusen wieder für den Mittelstürmer der Werkself eingesetzt und versucht, ihn Joachim Löw irgendwie schmackhaft zu machen für dessen Kader.

13 Mittelfeldspieler im 23er-Kader

Der wirkliche Bundestrainer Löw lässt sich aber nur sehr ungern hineinreden in seine Arbeit, schon gar nicht von Bundesligatrainern. Mit seiner Nominierung einige Tage zuvor hatte er ohnehin mal wieder ein deutliches Zeichen gesetzt. Kießling ist auch für die zwei WM-Qualifikationsspiele gegen Kasachstan (Fr. 18.45 Uhr im LIVE-TICKER) nicht nominiert worden, obwohl Miroslav Klose weiterhin verletzt fehlt.

Mario Gomez ist damit der einzige Spieler, der auf dem offiziellen Nominierungsblatt in der Kategorie Angriff geführt wird. 13 der ursprünglich nominierten 23 waren dagegen Mittelfeldspieler, mit den beiden Benders und Toni Kroos haben drei davon mittlerweile abgesagt.

Anders als zu Netzers Zeiten

Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft mit Carsten Ramelow, Dietmar Hamann und Jens Jeremies besetzt. Allesamt - ohne Zweifel - starke Zweikämpfer, Abräumer, Abfangjäger oder wie auch immer man das nennen will.

Wichtig für die Balance und Stabilität einer Mannschaft, für Kreativität standen diese Namen aber nicht. Diese Aufgabe lastete meist auf den schmalen Schultern eines Mehmet Scholl oder Sebastian Deisler.

Nun hat sich der Fußball und gerade der in Deutschland in den letzten Jahren enorm entwickelt und verändert. Die Zeiten, in den zwei Spielmacher wie Günter Netzer und Wolfgang Overath nicht zusammen spielen konnten, sind vorbei. Heute ist spielerisches Potenzial ausdrücklich erwünscht. Löw fordert und fördert diese Spielertypen.

Götze und Özil als Neuner

Die DFB-Elf hat jetzt jede Menge spielerisch starker Spieler, aber kaum noch Stürmer. Dieser Mangel begleitet Löw schon seit geraumer Zeit. Also sucht er nach alternativen Lösungen. Im letzten Testspiel 2012 gegen die Niederlande spielte Götze in der vordersten Linie als hängende Spitze oder falsche Neun.

Beim ersten Test des Jahres in Paris nahm Löw nach knapp einer Stunde den Zentrumsstürmer Gomez runter und brachte mit Kroos einen weiteren Mittelfeldspieler, Özil rückte eine Position nach vorne.

Götze musste sich deshalb auch auffällig vielen Fragen zu seiner Rolle als Stürmer stellen. Es wird eine Aufgabe Löws werden, sein massives Angebot an kreativen Mittelfeldspielern auf die drei bzw. vier Positionen in der Offensive zu verteilen.

Drei Zehner internationaler Klasse

Wo früher ein Loch an Kreativität klaffte, hat Löw jetzt drei Spieler zur Verfügung, die zur internationalen Klasse zählen. Mesut Özil hat sich als Regisseur bei Real Madrid etabliert, Toni Kroos ist bei Bayern im Zentrum ein Schlüsselspieler und Götze trägt die Dortmunder Offensive bisweilen alleine. Alle drei stehen mit ihren Teams im Champions-League-Viertelfinale. In der Nationalmannschaft ist jedoch nur ein Platz, der aktuell von Özil besetzt wird, dem mit 24 Jahren ältesten Zehner im DFB-Kader.

Erweitert wird das Portfolio an Zehnern durch den Schalker Julian Draxler, der in den letzten Wochen sein Potenzial dauerhaft andeutete und in den nächsten ein, zwei Jahren das Niveau seiner drei Konkurrenten erreichen kann. Dahinter steht mit U-21-Kapitän Lewis Holtby ein weiterer Spieler bereit, der von Löw schon mehrmals öffentlich gelobt wurde und jetzt in England den nächsten Schritt in seiner Karriere machen muss.

Trend

Wer soll im DFB-Team zukünftig auf der Zehn spielen?

Joachim Löw (l.) gab die Stimmen seinen Schützlingen Mesut Özil (l.) und Manuel Neuer
Mesut Özil
Toni Kroos
Mario Götze
Julian Draxler
Lewis Holtby

Alternative Außenbahn?

Kroos, Götze und Draxler haben in ihren Vereinen auf der Außenbahn, bevorzugt auf der linken, begonnen. Ihre natürliche Heimat ist aber das Zentrum, dort können sie ihre Stärken am besten einbringen. In der Nationalmannschaft stehen mit Thomas Müller, Marco Reus, Lukas Podolski und Andre Schürrle ohnehin genügend Flügelspieler zur Verfügung.

Da sich bis auf Podolski alle Spieler in einem Alter zwischen 19 und 24 Jahren bewegen, wird den Bundestrainer dieses Luxusproblem über die nächsten Jahre hin begleiten.

Was bleibt, ist eine Auslagerung in die Sturmspitze, wo Klose seine Karriere wohl nach der WM 2014 beenden wird und hinter Gomez kein Stürmer in Sicht ist, der Löws Anforderungen entspricht.

Anregungen aus Freiburg

Assistent Hansi Flick hat die Vorzüge der falschen Neun anhand von Götze erklärt. "Er kann auf engstem Raum den Ball behaupten und sich schon bei der Ballmitnahme einen Vorteil verschaffen. Er ist stark im Kombinationsspiel, hat eine hohe Ballsicherheit und strahlt Torgefahr aus."

Der Dortmunder scheint prädestiniert für diese Rolle, auch Draxler könnte als Stürmer eingesetzt werden. Flick ist "froh, dass wir diese Option haben." Kroos ist für Löw eher ein Kandidat für die offensivere Sechs.

Anregungen zur Weiterentwicklung seines Systems könnte sich Löw in seiner badischen Heimat holen. Dort hat Christian Streich beim SC Freiburg den klassischen Stürmer abgeschafft und agiert mit zwei "schwimmenden Neuneinhalbern".

Auch Löw ist ein Tüftler, ein Trainer, der innovativ und modern sein will. Deutschland wird sich über kurz oder lang daran gewöhnen müssen, dass die Nationalmannschaft ohne klassischen Stürmer aufläuft. Götze hat sich mit seiner Alternativposition schon arrangiert. "Das Spiel unterscheidet sich nicht stark von der Zehn. Man muss nur Nuancen verändern, um dort zu spielen."

Der Kader der deutschen Nationalmannschaft

Andreas Lehner

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Özil ist die Nummer eins, dahinter lauern vier weitere Kreativköpfe auf ihre Chance. Löw sucht nach Lösungen. Freiburg könnte als Vorbild dienen.

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