Testspiel: Frankreich - Deutschland

Schlau kommt weiter

Von Für SPOX im Stade de France: Stefan Rommel
Donnerstag, 07.02.2013 | 15:34 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft hat erstmals seit 1987 wieder gegen Frankreich gewonnen
© Getty
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Starke Ergänzungsspieler, ein gewagtes System und eine ausgewogene Balance machten den Start ins Länderspieljahr zu einer Erfolgsgeschichte. Dortmunds Ilkay Gündogan hat sich für weitere Aufgaben empfohlen.
 

Am Morgen danach erzählte die "L'Equipe" ihren Lesern, wie das war im Stade de France wenige Stunden davor. "Deutschstunde" stand da auf dem Titel, so wie es in vielen Stundenplänen französischer Schülerinnen und Schüler auch vermerkt ist.

Erste Tore im Stade de France

Die populärste Sportzeitung des Landes hat seit der Weltmeisterschaft 2010 ein Faible für die Nationalmannschaft des Nachbarn. Vielleicht deshalb die etwas überzogene Schlagzeile. Es passiert allerdings nicht oft, dass 70.000 Franzosen im eigenen Wohnzimmer derart laut aufstöhnen, wenn der Gegner den Ball hat.

Wenn Mesut Özil oder Ilkay Gündogan durch das Mittelfeld der Equipe Tricolore schnitten oder Thomas Müller wieder einmal zu schnell war für Gegenspieler Patrice Evra, waren die Fans gebannt.

Als das letzte Mal eine deutsche Nationalmannschaft im Pariser Norden vorbeischaute, war das noch ein ganz anderer Fußball gewesen. Und überhaupt hatte Deutschland im Stade de France vorher noch nicht einmal ein Tor erzielt.

Tolles Umschaltspiel in der Offensive

Dagegen war das Auftreten von Joachim Löws Mannschaft beim ersten Länderspiel des Jahres phasenweise richtig beschwingt. Es war wieder eine gewisse Selbstverständlichkeit zu sehen, der Ballvortrag besonders im Umschaltspiel in einigen Aktionen weltklasse.

"Wir haben zwei Teams gesehen, die auf Sieg gespielt haben. Es war in temporeiches Spiel mit vielen guten Aktionen nach vorne", sagte Löw. "Wir haben viele Dinge, die wir zuletzt gegen Holland nicht umgesetzt haben, heute klasse gemacht."

Allerdings hätte die deutsche Mannschaft noch deutlich mehr klare Chancen herausspielen müssen. Nur fanden einige starke Angriffe im und am gegnerischen Strafraum ein jähes Ende. Dann fehlte es an der letzten Konzentration und Präzision. "Was mir in der ersten Halbzeit manchmal gefehlt hat, war der letzte Pass", monierte Löw deshalb. Trotzdem lobte auch Müller die "in der ersten Halbzeit gute Spielanlage."

Augenmerk auf Defensive

Für den Bundestrainer waren in diesem ersten Spiel im neuen Jahr und nach der zuletzt aufkeimenden Kritik an ihm und seiner Mannschaft andere Dinge wichtiger. Also lag das Augenmerk eher auf der Defensivbewegung. "Da haben wir gut umgeschaltet nach hinten", erkannte Löw eine Verbesserung im Vergleich zu einigen Partien im letzten Jahr.

Dabei fehlten Löw einige wichtige Stammkräfte. Aber, auch das war eine seiner Forderungen im Vorfeld: Jetzt mussten es eben die anderen richten. "Jede Top-Mannschaft, die Titel gewinnen will, braucht 18, 19 Spieler auf Top-Niveau", so Löw.

Also machten sich die Spieler aus den hinteren Reihen auf den Plan, und ganz besonders der Dortmunder Gündogan. In seinem erst fünften Länderspiel zeigte Gündogan nicht nur eine erstaunliche Ruhe am Ball, sondern auch, wie reif er ein Spiel bereits lenken und wenn nötig verwalten kann.

Gündogan: Gespür für die Situation

Bastian Schweinsteigers Fehlen - das neunte des Müncheners in Folge in einem Testspiel - fiel kaum auf, weil Gündogan ebenso wie Schweinsteiger das Spiel ordnete und an sich riss. 111 Ballkontakte wurden später notiert, mit Abstand die meisten aller Akteure auf dem Platz.

Es war bemerkenswert, wie gut Gündogan sein eigenes Spiel einzuschätzen vermochte. Als ihm Ende der ersten Halbzeit zwei riskante Fehlpässe in Folge unterliefen, nahm er sich eine Spur zurück, suchte einfachere Lösungen und brachte so wieder Ruhe in sein eigenes und das Spiel der Mannschaft. Vermutlich ist es zu früh, den 22-Jährigen einen großen Strategen zu nennen. Schlau war seine Spielweise aber allemal. Ebenso wie seine Sicht der Dinge nach dem Spiel.

Ob er ein "perfektes Spiel" abgeliefert habe? "Das würde ich nicht sagen. Will man das überhaupt? Wo bleibt dann für später der Maßstab?", fragte Gündogan zurück. "Ich glaube schon, dass noch vieles ausbaufähig ist. Ich bin in Dortmund als Persönlichkeit gereift, lasse mich durch Fehler nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen."

Endlich wieder ein Spiel gedreht

Das galt im großen Ganzen auch für die Mannschaft. Es war schon eine ganze Weile her, dass Deutschland eine Partie nach einem 0:1-Rückstand noch gewinnen konnte. Im Mai 2010 besiegte eine unerfahrene deutsche Mannschaft eine nahezu untrainierte bosnische Mannschaft noch 3:1.

Danach folgten acht Spiele, in der das Team zuerst in Rückstand geriet und danach nicht mehr als Sieger vom Platz ging. Darunter auch die Niederlagen gegen Spanien, Italien, Argentinien, Frankreich. Dabei war die Situation nach Mathieu Valbuenas Führungstreffer Sekunden vor der Pause alles andere als einfach.

Deutschland hatte die Partie diktiert und trotzdem schon wieder einen (irregulären) Gegentreffer kassieren müssen. "Zur Pause war es ein ungerechtes Ergebnis, weil wir schon in der ersten Halbzeit sehr guten Fußball gespielt haben. Das Gegentor war unnötig, aber 90 Minuten lang die Franzosen ausschalten kann man nicht", sagte Sami Khedira, dem nach Müllers Ausgleich später noch der Siegtreffer gelang.

"Wir haben die Ruhe bewahrt"

"Wir haben die Ruhe bewahrt. Wir waren auch überzeugt und der Trainer hat uns gesagt, dass wir das Spiel noch drehen. Das zeigt auch den Charakter der Mannschaft und wie weit die Mannschaft jetzt schon ist, dass wir uns da nicht aus der Bahn werfen lassen und einfach weiter unser Spiel durchziehen", sagt Rene Adler, der nach 812 Tagen Abstinenz wieder einmal das deutsche Tor hüten durfte und dabei wie Gündogan als einer aus der zweiten Reihe zu überzeugen wusste.

Wobei der Bundestrainer das Spiel der Mannschaft Mitte der zweiten Halbzeit schon gravierend umstellte. Mit der Auswechslung von Mario Gomez stand fortan kein Stürmer mehr auf dem Platz. Diese Konstellation war an und für sich nichts Neues, die Mannschaft hat dieses Modell schon ein paar Mal praktiziert.

Klares Signal an Kießling

Das Besondere an der Gemengelage war aber, dass im Vorfeld mal wieder über Stefan Kießling diskutiert wurde. Löws Signal mit der Umstellung auf eine Spielweise ohne feste Angriffsspitze war eindeutig: Kießling dürfte es auch in Zukunft sehr schwer haben, nochmal nominiert zu werden. Im Grunde hat er bei einem gesunden Gomez und einem gesunden Miroslav Klose keine Chance mehr.

Löw baut statt auf einen dritten ähnlich veranlagten Stürmer, dessen unbestrittene Stärken im Verein bei Bayer Leverkusen voll zur Geltung kommen, im Nationaldress aber weniger gefragt sind, doch lieber auch die Systemrochade.

"Wir sind dadurch offensiv noch flexibler aufgestellt. Es kann immer mal wieder der eine oder andere vorne reinstoßen, wir haben auch viel die Positionen getauscht", sagte Gündogan.

"Ich denke, wir sind intelligent genug zu wissen, was dieser Formationstausch mit sich bringt und welche Aufgaben man zu erfüllen hat. Es ist wichtig, was auf eine Mannschaft zugeschnitten ist und mit welchem Personal man auch plant."

Löw bleibt noch Arbeit

Der letzte Satz hätte auch vom Bundestrainer stammen können, jedenfalls entspricht er eindeutig dessen Vorgehensweise. Allerdings: Dass im Gegenzug nun ein Spieler wie Heiko Westermann viermal in Folge nominiert wurde, bleibt verwunderlich.

Westermann hat in allen vier Spielen keine Sekunde gespielt und auf seiner Stammposition in der Innenverteidigung so starke und unüberwindbare Konkurrenz, dass man einen tieferen Sinn hinter seinen Berufungen bei aller Wertschätzung für den Hamburger kaum finden kann.

Löw muss im "Jahr der Konzentration" noch ein bisschen tüfteln. Wenigstens ist ihm, der ja auch unter Beobachtung stand, und seiner Mannschaft der Start nach einigen weniger erfolgreichen Spielen zuletzt schon mal eindrucksvoll geglückt.

Thomas Müller konnte sich deshalb auch einen launischen Kommentar für alle Pauschalisten unter den Kritikern zum Abschluss des Abends nicht verkneifen. "Wir haben ja jetzt mal wieder gewonnen - anscheinend haben wir die Siegermentalität in uns."

Frankreich - Deutschland: Daten zum Spiel

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