WM-Qualifikation: Deutschland - Schweden

Ein ziemlich großes Rätsel

Von Für SPOX in Berlin: Stefan Rommel
Mittwoch, 17.10.2012 | 23:17 Uhr
Deutschland verschenkte gegen Schweden einen Vier-Tore-Vorsprung
© Getty
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Die deutsche Nationalmannschaft überrascht sich und ihre Fans einmal mehr in negativer Art und Weise. Aber warum findet das Team keine Stabilität, mangelt es immer mal wieder an der Einstellung? Und welche Rolle spielt der Bundestrainer dabei? Eine Einordnung.

Es ist ja nicht so, als hätten sie es nicht versucht. Als Mikael Lustig soeben den Ball durch Manuel Neuers Beine ins deutsche Tor geschummelt hatte, scharte Bastian Schweinsteiger seine beide Mitstreiter Toni Kroos und Mesut Özil zum kurzen Gespräch.

In den Minuten davor war einiges aus dem Ruder gelaufen innerhalb der deutschen Mannschaft. Schweinsteiger versuchte offenbar, die Dinge wieder geradezurücken, vielleicht ahnte er schon, dass es nicht nur der zweite Treffer zur Beschönigung des Ergebnisses aus Sicht der Schweden bleiben könnte.

Schweinsteigers Intervention blieb allerdings nichts weiter als ein Versuch. Am Ende gab die deutsche Nationalmannschaft zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Vier-Tore-Vorsprung noch her und lieferte ein ebenso historisches, wie verstörendes Resultat ab.

Auf der Suche nach Gründen für den totalen Zusammenbruch aller Systeme stolpert man über viele altgediente Vorwürfe. Eine Einordnung.

Die Unwucht im Kader

Seit zwei Jahren trimmt Joachim Löw seine Mannschaft in verschiedenen Disziplinen zur Verbesserung. Vor allen Dingen im Offensivbereich hat das Team dabei die gewünschten Fortschritte gemacht, kann mittlerweile auch gegen tiefstehende Gegner dominant und durchschlagskräftig agieren - die ersten 60 Minuten gegen die Schweden waren mit das Beste, was das Team unter Löw abgeliefert hatte.

Die personellen Ressourcen mit einem Überangebot an offensiven Mittelfeldspielern geben Löw in der Offensive enorm viele Variationsmöglichkeiten. Es ist nur verständlich, dass der Bundestrainer deshalb seinem Dogma vom schnellen Offensivspiel weiter folgt. Deutschland gehört sicherlich zu den drei, vier stärksten Mannschaften der Welt im Offensivbereich.

Nicht zuletzt die Erkenntnisse der EM haben aber auch gezeigt, dass das Team beim Spiel ohne Ball noch nicht zur Weltspitze gehört. Löw hat das Spiel gegen den Ball im vorderen Angriffsdrittel ins Visier genommen. Auch hier scheint die Mannschaft auf einem guten Weg, wenn man die sehr dominanten Phasen gegen Irland oder die Schweden betrachtet, als sich der Gegner kaum aus der eigenen Hälfte befreien konnte.

Nur ergeben die einzelnen Teilgebiete immer noch kein stimmiges Gesamtkonzept, indem Defensive und Offensive austariert sind. Hier leidet das Defensivverhalten über den gesamten Platz gesehen teilweise so sehr, dass Gegentor-Orgien wie jetzt gegen die Schweden, die Schweiz oder die Ukraine - allesamt eher Gegner aus der mittleren Preisklasse des Fußballs - allmählich überhand nehmen.

13 Spiele, 22 Gegentore

Im Kalenderjahr 2011 kassierte die Mannschaft in 13 Spielen 17 Gegentore, was schon zu viel war für ein Team mit höchsten Ansprüchen. In diesem Jahr sind es in genau so vielen Partien schon deren 22 und das letzte Spiel in den Niederlanden steht noch aus.

Es ist oft die Rede davon, dass die immer noch sehr junge Mannschaft die nächsten Schritte in ihrer Entwicklung nehmen müsse. Eine unbestritten gerechtfertigte These. Allerdings muss sie mit ihrem Trainer dann auch kapieren, Gegentore nicht mehr nur als Kollateralschaden zu verbuchen, die dem offensiven Spielstil immer mal wieder geschuldet sein können. Eine solche Denkweise kann auf Dauer nur zum Rückschritt führen.

Nicht erst gegen die Schweden wurde sichtbar, dass die Mannschaft in ihrer grundsätzlichen Ausrichtung in bestimmten Spielsituationen in der Defensivbewegung überfordert ist. Wenn dann von den defensiv ohnehin schon schwächeren offensiven Mittelfeldspielern einer oder zwei nicht konsequent und konzentriert mit nach hinten arbeiten und das defensive Mittelfeld ohne echten Abräumer als Sechser (Khedira, beide Benders) besetzt ist, bekommt die Mannschaft regelmäßig größte Probleme - selbst gegen spielerisch überschaubare Gegner.

Löw muss sich hier zu einer Lösung durchringen, auch wenn ihm im speziellen Fall gegen die Schweden auf Grund der Verletzungen Khediras und der Bender-Zwillinge in gewisser Weise auch die Hände gebunden waren. Grundsätzlich, und das kann man nach nur fünf von 26 Spielen ohne Gegentor (Kasachstan, Niederlande, Israel, Portugal, Färöer) in den Jahren 2011 und 2012 feststellen, sollte der Bundestrainer seine Strategie nochmals modifizieren. Derzeit fehlt es jedenfalls an der nötigen Balance und Stabilität.

Gibt es ein Einstellungs- oder Mentalitätsproblem?

Dass die Mannschaft derzeit ein ziemlich fragiles Gebilde ist, zeigt die Tatsache, wie das Team durch die beiden Gegentore in schneller Abfolge in sich zusammengebrochen ist. Sehr wahrscheinlich hatte die nicht erst durch Schweinsteiger angestimmte Debatte um den Haussegen damit weniger zu tun, als die Tatsache, dass die Mannschaft sich durch große und manchmal auch kleine Rückschläge sofort verunsichern lässt. Dann erscheint jeder zu sehr mit sich selbst beschäftigt und im Kollektiv geht jegliche Ordnung verloren, die kurz davor noch scheinbar unumstößlich geprangt hatte.

Eine funktionierende Einheit lässt sich nicht so leicht aus der Bahn werfen, selbst durch zwei Gegentore nicht. Gute Ansätze, die Partie wieder in den Griff zu bekommen, torpedierte die Mannschaft in den letzten 15 Minuten gegen die Schweden selbst.

Toni Kroos bemängelte nach der Partie die Einstellung, dass jeder im Gefühl des sicheren Sieges ein paar Meter weniger absolviert hätte und dem Nebenmann nicht mehr in der Art geholfen hätte wie in den Minuten davor.

Eine nur schwer nachvollziehbare Erkenntnis: Sind es nicht die Spieler selbst, die immer wieder betonen, dass auf diesem Niveau Nuancen entscheiden und das kleinste Zurückweichen selbst von deutlich unterlegenen Gegnern auf diesem Level böse bestraft werden kann? Den Widerspruch konnte und kann bis heute keiner der Spieler erklären. Auch nach anderen ähnlich schwach geführten Spielen gab es Erklärungsansätze in diese Richtung. Und doch treten die Probleme immer wieder auf.

Bierhoff: "Irgendetwas fehlt uns"

"Irgendwo fehlt uns etwas, das gerade in kritischen Momenten gefragt ist. Wir müssen einfach lernen, in diesen Momenten der Schwierigkeit den Kopf zu bewahren, wieder ein System reinzubringen und zu unserem Spiel zurückzufinden", sagt Teammanager Oliver Bierhoff, der einigermaßen zermürbt wirkte ob der wiederholten Fahrlässigkeit der Mannschaft.

Dass sich die Mannschaft auch durch schwierige Partien beißen kann, hat sie in den engen Spielen der EM-Gruppenphase bewiesen. Warum sie es nicht flächendeckend schafft, bleibt vorerst ein Rätsel.

Man bekommt jedenfalls das Gefühl nicht los, das in der Nacht von Warschau im Juni mehr zerplatzt ist als nur der Traum vom EM-Titel. Dort scheint ein Teil der deutschen Selbstverständlichkeit begraben. Dieses Vertrauen in die eigenen Stärken wieder uneingeschränkt zurückzugewinnen, dürfte ein sehr schwieriges Unterfangen werden.

Die Rolle des Bundestrainers

Der Bundestrainer seit ein paar Monaten nicht mehr vollumfänglich unumstritten. Er habe sich nicht verändert, sagte Löw noch vor dem Spiel. Vielleicht muss der Bundestrainer seinen Umgang mit der Mannschaft und sein eigenes Handeln aber doch nochmal überdenken.

Löw reagierte gegen die Schweden - unabhängig vom taktischen Mittel der Auswechslung - fast gar nicht auf das, was sich ab Mitte der zweiten Halbzeit abspielte. Er habe Kroos angewiesen, tiefer zu stehen. Bis zum Abpfiff aber befolgte der die Anweisung nicht bedingungslos.

Dass Jerome Boateng auf der rechten Seite mit Alexander Kakaniklic Probleme bekam und Kim Källström im Mittelfeld jene hohen Bälle einigermaßen bequem hinter die deutsche Viererkette spielen durfte, die schon in einigen Spiele davor zu ziemlicher Konfusion geführt hatten, hätte durchaus auch Löws Eingreifen erfordert. Löw aber ließ den Dingen ihren Lauf und vertraute bis zum Ende seinem vor der Partie ausgetüftelten, eine Stunde perfekt umgesetzten Plan. Nur: Sieht so unmittelbares Coaching aus?

Wie zur Veranschaulichung reagierte Löws Gegenüber Erik Hamren auf seine misslungenen Umstellungen zur Pause und brachte in Kakaniklic und Källström eben jene beiden Spieler, die der deutschen Mannschaft eine halbe Stunde lang besonders wehtun konnten.

Kein Alternativplan

Wie in einigen Partien zuvor in der jüngeren Vergangenheit, wenn sich der Gegner gut auf die deutsche Mannschaft eingestellt hatte, vermissten einige Beobachter einen Alternativplan und mehr Eingriffe von Außen.

In einigen Teilbereichen agiert die Mannschaft bisweilen so, als wäre sie gerade erst im Begriff, sich zu finden. Die fehlende Erfahrung darf da als Ausrede nicht gelten. Wenn Bierhoff elementare Dinge anspricht, an denen es hapert, muss die Frage erlaubt sein, ob das Team in Teilbereichen wieder bei Null anfangen muss?

Jedenfalls war es nicht das erste Mal, dass die Mannschaft sich selbst nicht mehr sortieren konnte, also auf Hilfe von Außen angewiesen war - diese Anweisungen die Spieler aber offenbar nur spärlich erreichte. Hier sollte Löw auch auf seine Einflussnahme während einer Partie hinterfragen...

Wann setzt der Lerneffekt ein?

Die deutsche Mannschaft bleibt weiter eine recht rätselhafte Truppe, mit allen Vor- und Nachteilen. So mysteriös war selten eine davor in der Geschichte des DFB. Das ist auf der einen Seite spannend, andererseits aber auch ein unbefriedigender Zustand.

Die gemachten Fehler sind jetzt keine neue Erkenntnis, es handelt sich größtenteils um Probleme, die schon länger offenkundig sind oder aber immer mal wieder auftreten. Was bleibt ist die entscheidenden Frage, wann das Team endlich anfängt, diese Krankheiten zu bekämpfen und die nachhaltigen Lehren aus seinen Fehlern zu ziehen?

"Wir können aus dem Spiel wahnsinnig viel lernen", sagt Löw und dürfte damit richtig liegen. Nur sagt er das eben nicht mehr das erste, zweite oder dritte Mal. Sondern es wiederholen sich seine Worte. Im September hatte er nach dem Österreich-Spiel ähnlich geklungen - am Dienstag dann konstatierten er und Bierhoff erneut genau die selben Fehler, die schon in Wien begangen wurden.

"Wir müssen daraus lernen, dass man das Spiel auch konsequent zu Ende bringt, wenn man führt. Wenn wir konzentriert sind, können wir auf unglaublich hohem Niveau spielen. Aber nur dann. Wenn wir nachlassen, passieren eben solche Dinge. Es soll uns eine Lehre für alle Zeiten sein", sagte Löw dann noch. Es bleibt zu hoffen, dass das dann auch der Fall sein wird.

Jahresabschluss gegen Elftal

Am 14. November bestreitet die DFB-Auswahl in Amsterdam ihren Jahresabschluss. Das handelsübliche Testspiel hat spätestens durch die Vorkommnisse von Berlin jetzt schon eine neue Qualität erfahren. Dann wird es gegen einen motivierten Erzrivalen mit dem Ex-Bayern-Coach Louis van Gaal nicht nur ums Prestige gehen, sondern um weit mehr.

Die Partie in Amsterdam wird den Tenor bestimmen, mit dem alle Beteiligten durch die Winterpause gehen bis zum ersten Spiel im neuen Jahr. Für die Mannschaft und ihren Trainer geht es in Amsterdam um ziemlich viel: Ob man im kommenden Jahr weiter Hoffnung darauf haben kann, dass das Team sein selbst definiertes Versprechen auch einhalten kann.

Deutschland - Schweden: Daten und Fakten zum Spiel

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