Gegen zehntausend Wüstensöhne

Von Für SPOX in Wien: Stefan Rommel
Montag, 10.09.2012 | 21:02 Uhr
Die beiden Team-Kapitäne Karl-Heinz Rummenigge (l.) und Erich Obermayer vor dem Spiel
© Imago
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Deutschland, deine Lieblingsgegner: Die Duelle mit dem kleinen Nachbarn Österreich (Di., 20.20 Uhr im LIVE-TICKER) haben schon immer streitbare Geschichten geschrieben. Eine davon ganz besonders. Ein Rückblick.

7. Juni 1908 in Wien: Es ist das dritte Länderspiel des Deutschen Fußball Bundes überhaupt. Davor gab es gegen die Schweiz (3:5) und England (1:5) deutliche Niederlagen. Deutschland liegt im Cricketer-Stadion zweimal in Führung, bis zur Pause dreht Österreich aber das Spiel, siegt am Ende 3:2. Die Nationalmannschaft akquiriert der DFB via Zeitungsannonce, ein Trainer lässt sich allerdings nicht finden.

Die Spieler müssen sich selbst um die Anreise kümmern, der elfte und letzte kommt erst gut eine Stunde vor Anpfiff mit der Bahn in Wien an. Hermann Ehlers von Viktoria Hamburg hat die längste Anreise und erinnert sich. "Von der Mannschaft kannte ich außer Adolf Jäger und meinem Klubkameraden Weymar nur die Berliner, von dem Spielführer Hiller aus Pforzheim hatte ich noch nie ein Wort gehört. Am Freitagmittag versorgten unsere Freunde den Adolf Jäger und mich mit reichlich Zigaretten für die lange Fahrt. Dann ging's die Nacht durch über Berlin und Prag nach Wien. Zu Fuß ins Hotel."

Trotz großem Kampf reicht es am Ende nicht zu einem Remis. Erst im sechsten Länderspiel konnte Deutschland dann den ersten Sieg feiern (1:0 gegen die Schweiz). Das Spiel in Wien war der Auftakt zu insgesamt 37 Vergleichen mit 23 deutschen Siegen, acht Niederlagen und einem Torverhältnis von 84:54.

23. April 1922 in Wien: Die deutsche Mannschaft muss etliche Ausfälle verkraften, durch einen Zufall stoßen die zwei Pforzheimer Spieler kurzfristig zur Mannschaft. Einer von ihnen ist Viktor Weißenbach, von dem keiner seiner Mitspieler vormals je gehört hat.

70.000 Zuschauer im Stadion des First FC Vienna werden Zeuge, wie der Aushilfsspieler Weißenbach das 0:1 schießt. Wenig später trifft Adolf Jäger zum 0:2-Endstand. Der erste Sieg einer deutschen Mannschaft über Österreich. Viktor Weißenbach ward danach nie wieder gesehen. Es bleibt sein erstes und letztes Länderspiel für den DFB.

24. Mai 1931 in Berlin: Deutschland empfängt Hugo Meisls Wunderteam. Die Österreicher rauschen nur so durch Europa, bleiben insgesamt 14 Spiele am Stück ungeschlagen. Der famose Matthias Sindelar ist der Kopf der Mannschaft, die nach den Ideen des Engländers Jimmy Hogan funktioniert. Meisl adaptiert das 2-5-3-System und entwickelt es zur bis dato bedeutendsten Spielausrichting, dem WM-System.

Die Deutschen erleben in Berlin eine Demonstration österreichischer Fußballkunst, gehen am Ende 0:6 unter. Nur wenige Monate später missglückt die geplante Revanche in Wien, Austria-Star Sindelar erzielt einen Dreierpack. Zwei weitere Gegentore machen das 0:5 perfekt.

7. Juni 1934 in Neapel: Österreich ist im Halbfinale an Italien gescheitert und will sich im kleinen Finale gegen den großen Nachbarn trösten. Der Augsburger Ernst Lehner (zweimal) und Edmund Cohen machen die Enttäuschung für Meisls Mannschaft aber endgültig perfekt.

Politisch ist die Begegnung ebenfalls von einiger Brisanz. Die deutsche Mannschaft nimmt vor den Spielen schon mit dem Reichsadler auf der Brust Aufstellung und zeigt den Hitlergruß. Es sollte das letzte Länderspiele gegeneinander für die kommenden 17 Jahre bleiben.

Als Deutschland sich den kleinen Nachbarn 1938 einverleibt, werden auch die Nationalmannschaften vereinigt. Zumindest auf dem Papier. Die Breslauer Elf (Deutschland) soll mit dem "NS-Gau XVII Ostmark" (Österreich) verschmelzen. Eine "Wiener Melange mit preußischem Einschlag" entstehen, wie Trainer Sepp Herberger fabuliert.

Die beiden Spielsysteme und ihre Protagonisten sind aber viel zu unterschiedlich. Bei der WM 1938 scheidet die Großdeutsche Elf im Achtelfinale gegen die kleine Schweiz aus.

30. Juni 1954 in Basel: Nachdem Deutschland in einem der ersten Länderspiele nach dem Krieg überhaupt drei Jahre davor 2:0 in Wien gewonnen hat, kommt es im Halbfinale der WM zum bis dato denkwürdigsten Spiel.

Die Brüder Walter sind an diesem Tag nicht zu stoppen und zerlegen Österreich nach der Pause in seine Einzelteile. Abwechselnd erzielen Ottmar und Fritz die letzten vier Treffer zum 6:1. Vier Tage später wird Deutschland in Bern nach dem 3:2 gegen Ungarn zum ersten Mal Weltmeister.

Die Begegnung in Basel bedeutet nicht nur den höchsten DFB-Sieg bis heute, sondern auch den endgültigen Wendepunkt im Vergleich beider Verbände. Von nun an ist der DFB die Nummer eins.

21. Juni 1978 in Cordoba: 24 Jahre treffen beide Mannschaften nicht mehr bei einem großen Turnier aufeinander. Dann kommt Cordoba. Deutschland hat als Titelverteidiger in der Vorschlussrunde noch minimale Chancen auf den Finaleinzug oder wenigstens auf das Spiel um Platz drei. Dazu muss aber unter anderem ein klarer Sieg gegen Österreich her.

"Denen hauen wir fünf, sechs Dinger rein", sagt Berti Vogts vor dem Spiel. Der Gladbacher will sich offenbar nicht lumpen lassen und trifft selbst - allerdings ins eigene Netz. Bis kurz vor Schluss steht es 2:2, was wenigstens den Einzug ins kleine Finale ermöglicht hätte.

Hans Krankl gelingt dann aber der Sololauf ins Glück, von dem er heute noch sehr gut leben kann. Jenes 3:2 hat den Krankl Hans unsterblich gemacht. Und mit ihm Edi Finger, den unnachahmlichen Kommentator des ORF.

"I wer' narrisch! Krankl schießt ein, 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals. Der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch - wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl. Er hat alles überspielt, meine Damen und Herren. Und warten's noch ein bisserl, warten's no a bisserl; dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen."

Die Niederlage geht in Deutschland als Schmach von Cordoba in die Geschichtsbücher ein. Genau genommen hat der Ausgang der Partie aber die siegreichen Österreicher mehr geschädigt. Der Sieg von Cordoba hat zu viele Jahre die Probleme und Unzulänglichkeiten im österreichischen Fußball übertüncht. Erst allmählich macht sich Rot-Weiß-Rot von diesem Mythos frei.

25. Juni 1982 in Gijon: Die schändlichste aller Episoden. Der wenig durchdachte Spielplan will es so, dass die Partie nach der der Algerier gegen Chile stattfinden sollte. Es ist klar, dass ein knapper deutscher Erfolg beide Mannschaften in die Zwischenrunde bringen würde und Algerien raus wäre.

Horst Hrubesch erzielt nach elf Minuten ein Tor. Was in den folgenden 79 Minuten passiert, ist ein Skandal und für die Reputation und das Image beider Mannschaften ein Desaster. Deutsche und Österreicher gehen einen Nichtangriffspakt ein. Die Zuschauer im Stadion rasen, algerische Fans winken schon zur Pause symbolisch mit Geldscheinen.

Eine spanische Zeitung sieht sich am Tag danach genötigt, die Partie nicht im Sportteil, sondern im Polizeibericht zu behandeln. Eine andere schrieb danach wenig diplomatisch von "El Anschluss".

Auch mit weitem Abstand bleiben einige Beteiligten bei ihrer Version, dass im Vorfeld nichts abgesprochen wurde. "Ich muss mich für nichts entschuldigen", sagt etwa Hans-Peter Briegel. "Damals war nichts abgesprochen, das ist im Spiel einfach so passiert."

Es gibt bis heute widersprüchliche Aussagen, Österreichs Walter Schachner etwa behauptet, einige deutsche und österreichische Spieler hätten sich zur Halbzeit darauf geeinigt, dass man es beim 1:0 belassen solle.

Paul Breitner betont, man habe das Spiel verwalten wollen, nur eben etwas früher als sonst damit angefangen, Hans Krankl sieht es ganz pragmatisch: "Ich weiß nicht, was die Leute wollen. Wir sind qualifiziert."

ÖFB-Delegationsleiter Hans Tschak greift mit seiner Sicht der Dinge allerdings voll daneben. "Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier zehntausend Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, dass die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können."

29. Oktober 1986 in Wien: Es ist nur ein unbedeutendes Testspiel, das zur Wiedereröffnung des Wiener Praterstadions stattfindet. Es soll aber die bislang letzte Sternstunde für die Österreicher werden. Die neu formierte Mannschaft ist gegen den Vizeweltmeister krasser Außenseiter.

Trotzdem wehrt sie sich in der ersten Halbzeit mit Bravour. Was dann im zweiten Abschnitt passiert, ist so manchem Sieger von damals auch heute noch unvergessen.

"Dieser Sieg war sicher eine Sternstunde in meiner Karriere und für mich genau so wertvoll wie das 3:2 1978 in Cordoba - vielleicht sogar noch etwas schöner", sagt Toni Polster, der mit zwei Elfmetertoren zum Sieg beiträgt. Reinhard Kienasts Doppelpack besorgt den Rest.

Aus deutscher Sicht fliegt zu allem Überfluss auch noch Lothar Matthäus wegen Meckerns mit Rot vom Platz.

16. Juni 2008 in Wien: Bei der Vorrunde ihrer Heim-EM bekommen die Österreicher den ewigen Rivalen im letzten Gruppenspiel vor die Flinte. Die ÖFB-Auswahl muss gewinnen, um selbst ins Viertelfinale einzuziehen und Deutschland aus dem Turnier zu werfen.

Nach Mario Gomez' legendärem Fehlversuch streiten sich Joachim Löw und Pepi Hickersberger auf die Tribüne - während Michael Ballacks Gewaltschuss zum 1:0-Siegtreffer einschlägt.

Vor dem Spiel war viel geschrieben worden, Jungspund Martin Harnik attestiert den Deutschen volle Hosen. Letztlich nimmt aber alles dann doch wieder den gewohnten Gang...

Österreich - Deutschland: Daten zum Spiel

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