Matthias Sammer: Leiser Revolutionär

Von Stefan Rommel
Dienstag, 03.07.2012 | 12:53 Uhr
Matthias Sammer war vom 1. April 2006 bis zum 30. Juni 2012 Sportdirektor beim DFB
© Getty
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Mit Matthias Sammer verliert der DFB eine seiner Vorzeigefiguren und einen Querdenker. Der Verband steht unter Druck, die Nachfolgeregelung ist von immenser Bedeutung auch für die A-Nationalmannschaft.

Als er kam, wurde vieles anders. Es gab im Vorfeld sehr viel Getöse um Matthias Sammer und seine neue Rolle. Im Zuge der Umwälzungen beim Deutschen Fußball Bund brachte Jürgen Klinsmann den Posten des Sportdirektors ins Spiel.

Der damalige Bundestrainer hatte ja angekündigt, keinen Stein auf dem anderen lassen zu wollen beim angestaubten DFB und schritt alsbald forsch zur Tat.

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Neu geschaffene Stelle

Aber einen Sportdirektor? Nachdem bereits mit Teammanager Oliver Bierhoff eine Stelle geschaffen war, an die vorher noch nicht einmal kühnste Reformierer im Verband - so es sie denn gegeben hat - gedacht hatten?

Der DFB gab nach, wollte aber wenigstens diese eine Stelle nicht mit einem von Klinsmanns Kandidaten besetzen. Bernhard Peters, der Hockeynationaltrainer der Herren, war Klinsmanns Wunsch. Letztlich wurde es aber dann doch der vom DFB favorisierte Matthias Sammer.

Sammers Zehn-Punkte-Programm

Am 1. April 2006 trat Sammer seinen Dienst an und schon bald musste den Bossen beim DFB klar geworden sein, dass auch der nicht lange fackeln würde, um erste Neuerungen auf den Weg zu bringen. Es dauerte kein halbes Jahr, da stellte Sammer sein "Zehn-Punkte-Programm zur Eliteförderung" im Nachwuchsbereich vor.

Die wichtigsten Eckpunkte darin: Eine ganzheitliche Eliteförderung, die Leistungszentren der Profiklubs, die Traineraus- und fortbildung und - Sammers Steckenpferd - die Persönlichkeitsentwicklung junger Spieler. Quasi unfreiwillig schaffte sein Kontrahent Klinsmann mit den Erfolgen bei der WM 2006 eine Plattform für seine Bestrebungen.

Beim DFB wurde begriffen, Neues als Chance und nicht als Angriff auf bestehende (Macht-)Strukturen zu begreifen.

Chef (fast) aller U-Mannschaften

Sammer machte sich schnell an die Arbeit und krempelte die Jugendmannschaften des DFB um. Von der U 15 bis hoch zur U 21 wurde eine einheitliche Spielausrichtung installiert, Sammer suchte dazu die passenden Trainer. Steffen Freund (U 16), Stefan Böger (U 17), Christian Ziege (U 18) und Frank Wormuth (U 20) wurden in Sammers Amtszeit eingestellt.

Horst Hrubesch, derzeit U-19-Trainer, war schon lange vor Sammer da, wurde von dem aber sehr erfolgreich immer wieder unterschiedlichen Jahrgängen zugewiesen. Frank Engel (U 15) kam nur wenige Wochen vor Sammer zum DFB. Der hatte überall das letzte Wort, lediglich beim Unterbau der Nationalmannschaft gab es immer wieder Dissonanzen.

Rainer Adrion war von Beginn an Joachim Löws Kandidat als Nachfolger des erfolgreichen Hrubesch bei der wichtigsten aller Juniorenmannschaften. Zuvor gab es immer wieder Streit darüber, wem die U 21 unterstellt sei: Sammer als Chef der Jugendausbildung in Deutschland oder Löw, der sich aus dem Unterbau gezielt bedienen wollte und letztlich auch konnte.

Nachdem die U 21 als amtierender Europameister in der Qualifikation für die EM 2011 gescheitert war, kam es zu einem letzten großen Machtkampf zwischen Sammer und Löw, den der damalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger zugunsten von Löw entschied. Adrion durfte bleiben, die U 21 war zumindest offiziell Löw unterstellt.

Viele Erfolge gefeiert

Davor aber feierte Sammer einen Erfolg nach dem anderen. Die U 17, U 19 und die U 21 wurden binnen zwölf Monaten jeweils Europameister. Neben der reinen Ausbildung war Sammer auch immer der Erfolgsgedanke bereits in den Jugendmannschaften wichtig.

"Wir haben in den letzten Jahren zu wenig ergebnis- und erfolgsorientiert gedacht und wundern uns jetzt, dass wir zu wenig Siegertypen haben", sagte er bereits vor seinem ersten großen Turnier 2007, als die damalige U 17 bei der WM Dritter wurde. Im Leitfaden "Die Seele unseres Spiels" ließ er verankern: "Wir wollen auch Titel gewinnen!"

Auf der Suche nach dem Gleichgewicht

Stets suchte Sammer das Gleichgewicht zwischen den neuen spielerischen Elementen der DFB-Philosophie und den so genannten deutschen Tugenden. Nur zu oft wurde er darauf als der Ewiggestrige reduziert, was in der Art natürlich grober Unfug war.

"Es wurde zu lange der Fehler gemacht, sympathische und angepasste Spieler hervorzubringen. Das erzeugte flache Hierarchien in den Teams. Aber vor allem unangepasste Spieler gehen extrem kompromisslos an ihre Herausforderungen heran", sagte er bereits vor über drei Jahren im SPOX-Interview, als in der A-Nationalmannschaft noch Platzhirsche wie Michael Ballack oder Torsten Frings das Sagen hatten.

Und weiter: "Uns fehlen die großen Führungspersönlichkeiten, die eine Mannschaft leiten und in engen Duellen den Unterschied ausmachen. Ich bin vor allem davon überzeugt, dass viele Spiele im Kopf entschieden werden."

Zuletzt setzten Sammers Pläne zur Weiterentwicklung an der neuralgischen Schnittstelle zwischen Jugend- und Erwachsenenbereich an, wo viele Talente steckenbleiben oder nicht die Entwicklung nehmen, die ihnen zugetraut wird.

Absage an den HSV

Mit Pressemitteilung 43/2012, der offiziellen Freigabe von Matthias Sammer, endet für den Deutschen Fußball Bund jetzt nach über sechs Jahren auch eine Ära. Der Zeitpunkt für Sammers Weggang ist nicht gerade günstig.

Bereits vor anderthalb Jahren wollte er weg vom DFB. Sammer soll sich mit dem Hamburger SV bereits einig gewesen sein, nach einer stundenlangen internen Sitzung entschied er sich plötzlich anders, wollte seine Aufgabe beim Verband erfüllen.

"Nach reiflicher Überlegung und vor dem Hintergrund, dass eine schnelle Stellungnahme gefordert war, bin ich zu dieser Entscheidung gekommen. Das Interesse des HSV ehrt mich sehr, aber es warten beim DFB noch viele Aufgaben, auf die ich mich freue", sagte er damals. Die Causa warf nicht das beste Licht auf ihn.

Was macht der DFB?

Jetzt ist er dem Werben der Bayern erlegen, das offenbar schon lange vor der Europameisterschaft eingesetzt hatte. Und der DFB hat ein durchaus ernst zu nehmendes Problem. Auf Präsidentenebene gab es erst im März den Wechsel von Zwanziger zu Niersbach. Mit Sammer geht nun die wichtigste Figur auf sportlicher Ebene neben Löw.

Die Suche nach einem externen Nachfolger dürfte recht schwierig werden. Sowohl in der Nachwuchsförderung als auch in der Trainer aus- und fortbildung hat Sammer neue Maßstäbe gesetzt; da ist es sehr gut möglich, dass sich der Verband auf eine interne Lösung einigt, die die letzten Jahre bereits eng mit Sammer zusammengearbeitet hat.

"Im Nachwuchs müssen wir die sportlichen Inhalte für das A-Team im Detail noch besser vorbereiten. Die Spieler müssen noch komplexer sein, wenn sie oben ankommen", hatte Sammer in einem seiner letzten großen Interviews gesagt.

Diese sehr wichtige Aufgabe muss ab sofort ein anderer übernehmen.

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