Der Fluch der zweiten Spiele

Von Für SPOX bei der EM: Stefan Rommel
Dienstag, 12.06.2012 | 20:42 Uhr
Lukas Podolski (M.) verschießt im zweiten Spiel bei der WM 2010 gegen Serbien einen Elfmeter
© Getty
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Seit 16 Jahren liest sich die Statistik der jeweils zweiten Turnierspiele verheerend, in sieben Spielen gab es nur einen Sieg. Das bedeutete bisher immer: Zittern bis zum letzten Gruppenspiel. Eine Chronologie.

Deutschland kann am Mittwoch (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) gegen die Niederlande bereits den Einzug ins Viertelfinale klarmachen - oder aber, wie es zuletzt bei großen Turnieren unschöne Tradition war, die Spannung noch einmal auf die Spitze treiben.

"Wir haben uns bei den letzten Turnieren immer wieder in Schwierigkeiten gebracht, weil wir gegen unangenehme Gegner verloren haben", umschrieb es Teammanager Oliver Bierhoff vor dem Abflug der deutschen Mannschaft nach Charkiw - das Problem mit den zweiten Turnierspielen. Eine Chronologie.

WM 1998 in Frankreich, Deutschland - Jugoslawien 2:2

Der 21. Juni in Lens, er sollte nicht wegen des Fußballspiels in schlechter Erinnerung bleiben. Deutsche Hooligans prügelten den französischen Polizisten Daniel Nivel beinahe zu Tode, die Schande von Lens ist bis heute eines der dunkelsten Kapitel deutscher Turniergeschichte. Angeblich habe DFB-Präsident später sogar den Rückzug der deutschen Mannschaft aus dem Turnier erwogen. Auf dem Platz spielte die Rest-Republik Jugoslawien, die später Serbien und Montenegro werden sollte, die deutsche Mannschaft eine Stunde lang in ihre Einzelteile auseinander.

Mijatovic vor der Pause und Stojkovic nach einem katastrophalen Köpke-Patzer nach dem Wechsel ließen die spielerisch turmhoch überlegenen Jugoslawen schon wie die sicheren Sieger aussehen. Innerhalb von sechs Minuten machten Tarnat per abgefälschtem Freistoß und Bierhoffs Kopfball dann aber wenigstens noch ein Remis draus. "Berti, wir brauchen eine neue Elf!", flehte die "Bild". Im letzten Gruppenspiel gegen den Iran musste mindestens ein Unentschieden her. Bierhoff und Klinsmann schossen einen 2:0-Sieg heraus.

EM 2000 in Belgien und den Niederlanden, Deutschland - England 0:1

12. Juni in Charleroi: Wieder kommt es auch wegen deutscher Hooligans zu teilwiese schweren Ausschreitungen. Sportlich stehen beide Mannschaften unter Druck. Deutschland hat zum Auftakt gegen Rumänien nur remis gespielt, England gegen Portugal sogar verloren. Es wird eine Partie zum Abgewöhnen, die Alan Shearer per Kopf entscheidet. Jener Shearer, der mittels Cortison fitgespritzt wurde, obwohl er davor über 500 Länderspielminuten nicht mehr getroffen hatte. "Jämmerliche Rumpelfüßler" nennt Franz Beckenbauer den deutschen Haufen mit Erich Ribbeck als Teamchef an der Spitze.

Am letzten Spieltag kann nur noch ein Wunder helfen, die Vorzeichen dafür sind aber gar nicht so schlecht: das bereits qualifizierte Portugal tritt nur mit einer B-Elf an und im Parallelspiel vergeigt England gegen Rumänien. Aber ein Conceicao ist zu viel für Deutschland. Das 0:3 bedeutet das erste Vorrunden-Aus nach 16 Jahren bei einem großen Turnier und Ribbecks Sturz als Teamchef.

WM 2002 in Japan und Südkorea, Deutschland - Irland 1:1

Deutschland ist beim 8:0 gegen Saudi-Arabien zum Auftakt nur knapp an einem zweistelligen Ergebnis vorbeigeschrammt. Gegen Irland läuft aber fast gar nichts mehr zusammen. Klose trifft mit seinem vierten Turniertor zwar zum 1:0, danach aber spielen fast nur noch die Iren. Kahn hält, was er zu halten gibt. In der Nachspielzeit ist er dann gegen Keanes Schuss aus kurzer Distanz auch machtlos.

Die "Bild" rief Kahn zum Titan aus - der im letzten Spiel gegen Kamerun auch von Nöten war. Bei einer Niederlage wäre Deutschland nach Hause gefahren. In Unterzahl kämpfte sich Rudi Völlers Mannschaft aber zu einem 2:0 und überstand die Gruppenphase als Erster.

EM 2004 in Portugal, Deutschland - Lettland 0:0

Deutschland war mit einem beachtlichen 1:1 gegen die Niederlande ins Turnier gestartet und sollte sich gegen den Sparringspartner Lettland ein schönes Torepolster im Hinblick auf das letzte Gruppenspiel gegen Tschechien anschießen. Gegen die frechen Letten war die Kiste aber 90 Minuten lang wie vernagelt. Die wenigen guten Chancen wurde kläglich vergeben, da half auch der Einsatz aller vier Stürmer (Klose, Bobic, Kuranyi, Brdaric) nichts. Die "Bild", davor noch mit "Wir plätten die Letten" einigermaßen großspurig unterwegs, rief den Notstand aus. Zu Recht, wie sich wenige Tage später herausstellen sollte.

Gegen die zweite Garnitur der Tschechen, die sich bereits qualifiziert hatten, setzte es eine 1:2-Niederlage und Deutschland war nach 2000 zum zweitenmal in Folge bereits in der Vorrunde einer EM gescheitert. Völler trat wenige Stunden nach dem Aus als Teamchef zurück.

WM 2006 in Deutschland, Deutschland - Polen 1:0

Die Schlacht von Dortmund erzählte viele Geschichten in einer: Die von den Ergänzungsspielern Oliver Neuville und David Odonkor, die Deutschland den Sieg brachten. Die vom Startschuss des später als Sommermärchen nur unzureichend beschriebenen Treibens in Deutschland, die des polnischen Ausscheidens schon nach dem zweiten Spieltag - und natürlich die von der Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Deutschland und Polen lieferten sich in Dortmund ein packendes Spiel, das die Polen nach einem Platzverweis ab Mitte der zweiten Halbzeit nur noch zu zehnt spielen durften. Nach einer Serie von elf zu Null Torschüssen erlöste Neuville dann auf Flanke von Odonkor die deutsche Fußballseele in der ersten Minute der Nachspielzeit. Ein Treffer, der Odonkor in den Stand des Super-Einwechselspielers und später sogar bis in die Primera Division hievte. Bis heute der einzige Sieg einer deutschen Mannschaft im zweiten Spiel eines Turniers.

EM 2008 in Österreich und der Schweiz, Deutschland - Kroatien 1:2

Deutschland ging mit einem 2:0-Auftaktsieg über Polen relativ unbelastet ins Spiel und wurde von den Kroaten kalt erwischt. Die Mannschaft von Slaven Bilic war über die gesamten 90 Minuten klar besser und hätte höher gewinnen können. Srna und Olic trafen für Kroatien, ehe Podolski kurz vor Schluss noch für ein wenig Spannung sorgte. In der Nachspielzeit flog Schweinsteiger dann wegen einer Tätlichkeit auch noch vom Platz.

"Offenbar hatten einige bereits gedacht, wir hätten etwas erreicht", kommentierte Kapitän Ballack bissig. In den Tagen danach sorgte dann noch die so genannte Pool-Affäre für Aufsehen und eine angebliche Kluft innerhalb Teilen der Mannschaft. Trotzdem wurde das entscheidende letzte Gruppenspiel gegen Österreich dann aber mehr oder weniger souverän gewonnen.

WM 2010 in Südafrika, Deutschland - Serbien 0:1

Nach dem berauschenden 4:0 gegen Australien würde ein Sieg gegen Serbien bereits das Weiterkommen bedeuten. An diesem Tag in Port Elizabeth scheint sich aber einiges gegen Löws Truppe verschworen zu haben. Klose fliegt nach einer harten Entscheidung mit Gelb-Rot vom Platz, mit der nächsten Aktion trifft Serbien zum 1:0. Khedira dann nur die Latte, Podolski nicht vom Elferpunkt.

Die Tage bis zum entscheidenden Spiel gegen Ghana ziehen sich wie Kaugummi. Untergangsszenarien werden konstruiert, Löw müsse bei einem Ausscheiden seinen Hut nehmen. Dann schießt Özil gegen Ghana den Ball ins Netz, zur Absicherung verlieren die Serben parallel auch noch gegen Australien. Deutschland ist weiter und zeigt erst in der K.o.-Phase, was wirklich in dieser Mannschaft steckt.

EM 2012: Alle Ergebnisse im Überblick

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