Joachim Löw: Der Fixpunkt

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Mittwoch, 27.06.2012 | 23:52 Uhr
Joachim Löw steht mit dem DFB-Team vor seinem ersten großen Titel als Bundestrainer
© Getty
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Joachim Löw Superstar: Der Bundestrainer zieht die Fans in seinen Bann. Dabei muss er auch ein guter Mime sein, um sein großes Ziel endlich zu erreichen.

Am Sonntag hat Joachim Löw seine Spürhunde nach Kiew geschickt. Italiener und Engländer haben sich dort getroffen, um den Gegner der deutschen Mannschaft im Halbfinale auszuspielen. Also machten sich die Scouts Frank Wormuth und Christopher Clemens auf den Weg in jenes Stadion, das Löw in ein paar Tagen als Herberge für seinen größten Triumph dienen soll.

Viele fleißige Helferlein werkeln derzeit am ersten Titelgewinn einer deutschen Nationalmannschaft seit 16 Jahren. Der Tross des Deutschen Fußball Bundes in Polen und der Ukraine umfasst knapp 50 Personen, vom DFB-Präsidenten bis zu den Mannschaftsköchen.

Löw lobt - auch unfreiwillig sich selbst

Joachim Löw lobt seine Mannschaft und er lobt sein Trainerteam und das Team hinter dem Team. Und damit lobt er unfreiwillig immer auch sich selbst. Er ist die Projektionsfläche dessen, was die Nation in diesen Tagen bewegt. Millionen meinen den Schlachtplan zu kennen, mit dem die Italiener am Donnerstag (20.15 Uhr im LIVE-TICKER) zum ersten Mal überhaupt bei einem großen Turnier zu schlagen sind. Aber nur einer darf ihn am Ende auch vorgeben.

Eurokrise, Syrienkonflikt, Bundeshaushalt. Nichts hält Löw und seiner Mannschaft in den großen deutschen Boulevardzeitungen derzeit stand - und nicht nur da. Er kann nichts dafür, dass er von den wichtigen Themen des Sommers ablenkt und unfreiwillig zur Nebelkerze wird für die Politik, die kaum bemerkt weiter stagniert in der Lösung elementarer Fragen.

Der Rausch um seine Person nimmt teilweise groteske Züge an. Umfragen weisen ihn längst als beliebtesten Deutschen aus, das goldene Jogi-Händchen wird zum Markenzeichen. Eine Lippenleserin habe seine Botschaften entschlüsselt. Ob er deshalb also konsequenterweise bald zum Bauchredner umschulen müsse? Joachim Löw sitzt da, rührt in seinem Espresso und lächelt.

Tiefenentspannter Löw: Keine Lüge

In Interviews und auf Pressekonferenzen gibt er sich so locker und unbeschwert wie nie.

Alles wirkt mühelos und authentisch, auch immer wiederkehrende oder völlig absurde Fragen bringen ihn nicht aus dem Konzept. Darauf kann er sich vorbereiten, mit seiner Eloquenz umschifft er auch größere Klippen spielend.

Scheinbar druckresistent bewältigt er diese Zeit, dabei kann der Druck für eine einzelne Person kaum größer sein. Tiefenentspannt sei er, hat er zum Beginn der Mission auf Sardinien gesagt. Das ist mittlerweile sechs Wochen her. Damals waren seine Worte die Reaktion auf die vielen Unwägbarkeiten, mit denen er in sein drittes Turnier als Cheftrainer starten würde.

Viele glaubten ihm das nicht und vermuteten stattdessen eine Art Schutzschild, das den schönen Schein und den Optimismus aufrecht erhalten sollte. Mittlerweile ist klar, dass Löw allenfalls ein wenig geflunkert hat, im Kern trifft die Beschreibung seiner Gemütslage aber bis heute zu. Wären da nur nicht die Spiele.

Reus trieb Löw in den Spielertunnel

Marco Reus hatte gegen Griechenland nach 25 Minuten gerade die fünfte oder sechste große Möglichkeit der deutschen Mannschaft neben das Tor genagelt, als Löw aus dem Innenraum verschwand. Die Verschwendungssucht seiner Mannschaft trieb ihn fassungslos in den Spielertunnel, wo er einige Sekunden verharrte.

Auf Momente wie diese, oder wenn die erlösenden Treffer gelingen, kann sich auch Löw nicht vorbereiten. Dann sprudeln die Emotionen aus ihm heraus und man kann ermessen, wie immens der Druck sein muss, der einen wie ihn beinahe zu einem wie Jürgen Klopp macht, der ähnlich extrovertiert seinen Gefühlen freien Lauf lässt.

In einer Mannschaft, die so homogen und untereinander neidlos daherkommt und keine Weltfußballer in ihren Reihen hat wie die Portugiesen oder eine Ansammlung an Allesgewinnern wie die Spanier, ist er der Fixpunkt.

Auch Ersatzspieler halten die Spannung hoch

Er ist gewiss auch der Gestalter einer sehr beneidenswerten Epoche. Noch nie hat sich eine deutsche Nationalmannschaft aus so vielen überragenden Einzelkönnern zusammengesetzt. Das schafft einem Trainer eine nicht geahnte Tiefe und Variationsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite muss aber auch der beste Kader überhaupt für jedes Spiel auf elf, maximal 14 Spieler zusammenschrumpfen. Daran hat sich nichts geändert.

Eines seiner großen Kunststücke ist demnach bisher, seine Mannschaft von der Nummer eins bis zur Nummer 23 bei Laune und auf Betriebstemperatur zu halten. Die Äußerungen der Spieler lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass dies bisher perfekt gelungen ist. Der Mannschaftsgedanke steht im Vordergrund, jeder Einzelne für sich hält aber die Anspannung. Selbst die Spieler, deren Einsatz im weiteren Verlauf des Turniers unwahrscheinlich erscheint.

Das erst ist die Grundlage dafür, dass Löw auf seine handwerklichen Vorarbeiten zurückgreifen kann. Jede taktische und systematische Grundausrichtung ist nur so gut wie die Spieler, die sie letztlich ausführen.

Müller über Löw: Ein Taktik-Guru

Gegen die Griechen hat Löw einiges riskiert. Niemand hatte ihm die Chuzpe zugetraut, drei Wechsel in der Offensive vorzunehmen. Er tat es trotzdem, in der Gewissheit, dass es aus taktischen Gesichtspunkten notwendig war - und dass ihn die vormaligen Ergänzungsspieler in keinem Fall enttäuschen würden.

Thomas Müller, einer derjenigen, die plötzlich aus der Mannschaft rotierten, nannte seinen Trainer danach einen Taktik-Guru. Dabei war Löw vor dem Viertelfinale mindestens genauso als Mediator gefragt gewesen. Neben Müller musste er ja auch Lukas Podolski aus dem Team nehmen, der seit Monaten auf nichts anderes hin fiebert, als in seiner zweiten Heimat Polen aufzutrumpfen. Und Mario Gomez, den führenden der Torjägerliste.

Es "habe schon auch weh getan", den Spielern seine Entscheidung näherzubringen, sagte Löw danach. Aber er musste eben auch mit aller Rationalität reagieren. Auf große Namen oder frühere Verdienste kann er keine Rücksicht nehmen. Ebenso wenig wie in den Jahren davor, als sich Michael Ballack oder Torsten Frings aus der Nationalmannschaft verabschieden mussten.

Löw: "Italien unseren Rhythmus aufzwingen"

Der schöne Nebeneffekt für die anstehende Partie gegen Italien ist, dass der Gegner sich kaum einstellen kann auf das, was ihn da erwarten wird. Da sich die Squadra Azzurra ihrerseits bisher als sehr vielseitig präsentiert hat, gibt der Partie noch eine besondere Note: Welcher Trainer findet das passende Gegenstück zu den Überlegungen des anderen?

Für Löw, und auch das ist ein Zeichen der deutschen Selbstverständlichkeit, spielt das aber gar keine so entscheidende Rolle. "Wir stellen die Wichtigkeit unserer Spielweise über alles andere", sagt er vielmehr. "Wir müssen versuchen, Italien unseren Rhythmus aufzuzwingen."

Was für ein Vorhaben gegen eine Mannschaft, die ein wahrer Meister darin ist, genau das ihren Gegner immer wieder aufzubürden. Ohne es zu merken, gehen auch große Teams den Takt der Italiener mit; zuletzt verfing sich selbst Welt- und Europameister Spanien beinahe in Prandellis Netz.

"Aber diesmal wird es anders sein!"

Im für diese Mannschaft irrelevanten WM-Halbfinale von 2006 überraschte Marcello Lippi seinen Gegenüber Jürgen Klinsmann in der entscheidenden Phase mit beinahe unerhörtem Offensivfußball seiner Mannschaft. Italien hat auch den in diesem Turnier schon gezeigt, erwartet wird aber gegen Deutschland eine grundsätzlich defensivere Ausrichtung.

Auch dafür gebe es eine Lösung, meint Philipp Lahm. "Inzwischen haben wir die Qualität und auch die Spieler, um total defensive Gegner in aller Ruhe zu besiegen. Das ist der große Unterschied zu 2010."

Das letzte Jahr hat der Bundestrainer als Zwischenjahr genutzt, um seine Mannschaft auf diesen Reifegrad zu bekommen, den sie mittlerweile erreicht hat. Bisher lief auch dank Löws Maßnahmen alles perfekt. Aber das ist alles Nichts, wenn am kommenden Sonntag nicht auch die Krönung erfolgen sollte.

Der kommende Gegner soll dafür nur die nächste Hürde darstellen, nicht schon wieder den Stolperstein. "Es stimmt, wir haben uns immer schwergetan gegen die Italiener", sagt Löw bestimmt. "Aber diesmal wird es anders sein!"

Er scheint derzeit auf der Höhe seines Schaffens, aber er ist eben auch noch nicht vollendet. Nach einem zweiten und einem dritten Platz passt jetzt nur noch der Titel zu seinen Ansprüchen.

Joachim Löw im Steckbrief

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