Freitag, 08.06.2012

Frank Wormuth im Interview, Teil I

"Erst spanisch, dann augsburgisch"

Das Löw-Optimum und die Hummels-Debatte: Im ersten Teil des Taktik-Interviews spricht Frank Wormuth über die Synchronisierung gegensätzlicher Ideen. Und warum Augsburg eine Rolle spielt. Wormuth, Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung und Coach der deutschen U-20-Nationalmannschaft, wird bei der EM als SPOX-Eperte tätig sein.

Wormuth traut den Dormundern Hummels (M.) und Schmelzer zu, sich umzugewöhnen
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Wormuth traut den Dormundern Hummels (M.) und Schmelzer zu, sich umzugewöhnen

EM-Auftakt: Deutschland - Portugal, 20.15 Uhr im LIVE-TICKER!

SPOX: Im SPOX-Interview nach der Hinrunde bezeichneten Sie die Leistungsunterschiede der Dortmunder in der Bundesliga und in der Champions League als "Rätsel". Aber kann man zumindest festhalten, dass das kein Zufall ist, nachdem Mats Hummels und Marcel Schmelzer in der EM-Vorbereitung ähnliche Probleme zeigten wie in der Champions League?

Frank Wormuth: Wenn es stimmt, müsste man beiden Spielern die internationale Klasse absprechen. Dem ist beileibe nicht so. Insbesondere Hummels hat diese Klasse schon mehrmals bewiesen und er wird in der Nationalmannschaft mittelfristig, wenn nicht sogar schon kurzfristig bei der EM, eine wichtige Komponente werden. Bei Schmelzer muss man abwarten. Grundsätzlich sind Leistungen bei der EM-Vorbereitung kein Indikator von Qualität, sondern von hartem Vorbereitungstraining und diverser anderer Faktoren.

Das DFB-Offensivkonzept: Das Passspiel und Müllers List

SPOX: Nämlich?

Wormuth: Speziell im Falle der A-Nationalmannschaft sind diese mentalen Ursprungs. Auch wenn die Bayern-Spieler Profis sind, sind es nur Menschen. Und dauernd Zweiter zu werden, ist mental nicht immer leicht zu verarbeiten. Das hat zumindest kurzfristig Einfluss auf die Leistung. Zudem sind Endspiele Saisonhöhepunkte, die danach zu einem kräftigen Durchatmen und einem Nachlassen der Spannung führen, was sich auf eine Leistung in einem Freundschaftsspiel auswirkt.

Daten & Fakten

Das ist Frank Wormuth
Geboren am 13. September 1960

95 Zweitliga-Spiele für Hertha und Freiburg

Diplom-Betriebswirt und Sportlehrer. Erwirbt 1997 mit der Abschlussnote "sehr gut" die Fußball-Lehrer-Lizenz

Arbeitet von 1998 bis 1999 als Co-Trainer von Jogi Löw bei Fenerbahce

Stationen als Cheftrainer: Pfullendorf, Reutlingen, Union Berlin, Aalen

Seit 2007 der Leiter der Fußball-Lehrer-Ausbildung des DFB. Damit ist er der Chef-Ausbilder für Trainer in Deutschland

Übernahm im Sommer 2010 außerdem die U-20-Nationalmannschaft des DFB

SPOX: Kölns Ex-Trainer Stale Solbakken hatte im "Kicker"-Interview eine systematische Erklärung für das schwache internationale Abschneiden der Dortmunder: Weil beim BVB der Innenverteidiger und nicht der offensive Außen dem Außenverteidiger beim Doppeln an der Seite aushelfen würde, stünden die Innenverteidiger "oft nicht zentral vor dem Tor", weswegen deutlich mehr Gegentoren fielen. Ist diese These stichhaltig - auch mit Blick auf das DFB-Team?

Wormuth: Bei dieser Aussage war ich zunächst selbst ein wenig überrascht, denn ich hatte dieses Verhalten der Dortmunder ganz anders in Erinnerung. Ich bin in der letzten Saison mit einem Vortrag durch die Republik gereist, der da hieß: "Der große Fußball entscheidet sich im Detail." Dabei habe ich beim Themenpunkt "elementares Abwehrverhalten", worunter "schieben, stellen, sichern, doppeln, Zweikampfverhalten" fällt, Dortmunder Szenen als Beispiele gezeigt. In denen hatte Großkreutz als 11er seinem Kollegen Schmelzer als 3er unterstützt. Auf der rechten Seite war es nicht anders. Okay, ich sehe nicht alle Spiele der Dortmunder und von daher kann es schon solche Situationen, wie von Stale Solbakken beschrieben, gegeben haben. Das jedoch alleine als Erklärung internationaler Schwäche zu bezeichnen... ich weiß nicht. Außerdem hat der 1. FC Köln mit seinen innen gebliebenen Innenverteidigern nicht gerade Erfolg gehabt. So einfach ist der Unterschied der Dortmunder Leistung nicht zu erklären.

SPOX: Liegen die Probleme von Hummels und Schmelzer in der Nationalmannschaft darin begründet, dass Ihnen die Umstellung aus Dortmund nicht gelingt?

Wormuth: An der These ist meiner Meinung nach nichts dran, um die Frage dennoch konkreter zu beantworten, möchte ich darauf hinweisen, dass die Spielweise der Nationalmannschaft und der von Dortmund in einigen Situationen sehr ähnlich oder sogar identisch ist. Spieleröffnungen laufen nicht mehr mit langen Flugbällen ab, sondern mit flachen, scharfen und vertikalen Pässen. In beiden Mannschaften wird hoch verteidigt, entsprechend muss die Viererkette schnell nachrücken, die Räume eng halten und immer auf der Hut sein, wenn der Gegner sich aus dem ersten Pressing befreien kann oder mit langen Bällen agiert. Die Außenverteidiger müssen sich ständig hoch aufstellen und nach vorne agieren. Also: Wo müssen sich die Dortmunder verändern? Wenn, dann nur im Zusammenspiel mit den vielen Bayern auf dem Platz. Doch dafür sind sie Profis und haben Trainer, die ihnen da behilflich sind.

Alle EM-Finals von 1972 bis 2012
1972: Deutschland wird zum ersten Mal Europameister. Zuvor holten die UdSSR (1960), Spanien (1964) und Italien (1968) den Pokal
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1972: Deutschland wird zum ersten Mal Europameister. Zuvor holten die UdSSR (1960), Spanien (1964) und Italien (1968) den Pokal
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In Brüssel holte die wohl beste deutsche Mannschaft aller Zeiten mit einem 3:0 gegen die UdSSR den Titel
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In Brüssel holte die wohl beste deutsche Mannschaft aller Zeiten mit einem 3:0 gegen die UdSSR den Titel
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Gerd Müller im Strafraum, das heißt Tor für Deutschland. Hier netzt der Bomber zum 1:0 ein
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Gerd Müller im Strafraum, das heißt Tor für Deutschland. Hier netzt der Bomber zum 1:0 ein
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1976: Schon wieder Europameister? Nein, Nach dem Trikottausch posieren die Tschechoslowaken im deutschen Dress
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Uli Hoeneß donnerte seinen Elfer in den Himmel von Belgrad
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Uli Hoeneß donnerte seinen Elfer in den Himmel von Belgrad
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Und Antonin Panenka schoss einen der berümtesten Elfmeter der Fußballgeschichte. Endstand 7:5 für die CSSR
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Und Antonin Panenka schoss einen der berümtesten Elfmeter der Fußballgeschichte. Endstand 7:5 für die CSSR
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1980 durfte das DFB-Team seinen zweiten EM-Triumph feiern
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1980 durfte das DFB-Team seinen zweiten EM-Triumph feiern
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In Rom setzten sich die Deutschen mit Vorstopper Karl-Heinz Förster mit 2:1 gegen Belgien durch
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In Rom setzten sich die Deutschen mit Vorstopper Karl-Heinz Förster mit 2:1 gegen Belgien durch
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In der 89. Minute machte Horst Hrubesch den Sieg perfekt - per Kopf versteht sich
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In der 89. Minute machte Horst Hrubesch den Sieg perfekt - per Kopf versteht sich
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1984 triumphierten die Franzosen um Kapitän Michel Platini vor heimischen Publikum in Parc des Princes zu Paris gegen Spanien mit 2:0
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Die Iberer gingen knallhart zur Sache. Hier bekommt dies Bruno Bellone zu spüren
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Platini war der überragende Mann des Turniers. In fünf Spielen erzielte der Spielmacher neun Tore
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Ausgerechnet in Deutschland wurde Holland 1988 durch ein 2:0 gegen die UdSSR Europameister
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Ausgerechnet in Deutschland wurde Holland 1988 durch ein 2:0 gegen die UdSSR Europameister
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Marco van Basten traf mit seinem Jahrhunderttor zum 2:0 und sorgte damit für die Vorentscheidung
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Marco van Basten traf mit seinem Jahrhunderttor zum 2:0 und sorgte damit für die Vorentscheidung
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Igor Belanow scheiterte in der 70. Minute mit einem Strafstoß an Hans van Breukelen
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Igor Belanow scheiterte in der 70. Minute mit einem Strafstoß an Hans van Breukelen
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Die Dänen wurden 1992 in Göteborg Überraschungs-Europameister
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Die Dänen wurden 1992 in Göteborg Überraschungs-Europameister
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Unter dem Berg Dänen muss irgendwo Kim Vilfort sein, der Schütze des entscheidenden 2:0
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Unter dem Berg Dänen muss irgendwo Kim Vilfort sein, der Schütze des entscheidenden 2:0
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Leidtragende waren die Deutschen. Das erste Turnier nach der Wiedervereinigung endete nicht mit dem erhofften Titel
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Leidtragende waren die Deutschen. Das erste Turnier nach der Wiedervereinigung endete nicht mit dem erhofften Titel
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1996 durften Deutschland zum dritten Mal die Arme hochreißen. 2:1 in Wembley gegen die Tschechische Republik
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1996 durften Deutschland zum dritten Mal die Arme hochreißen. 2:1 in Wembley gegen die Tschechische Republik
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Zwischendurch sah's nicht gut aus. Nach knapp einer Stunde senste Matthias Sammer Karel Poborsky im Strafraum um. Patrik Berger traf vom Punkt
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Zwischendurch sah's nicht gut aus. Nach knapp einer Stunde senste Matthias Sammer Karel Poborsky im Strafraum um. Patrik Berger traf vom Punkt
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Doch Oliver Bierhoff drehte das Spiel mit zwei Treffern. Sammer sah das ungefähr so...
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Doch Oliver Bierhoff drehte das Spiel mit zwei Treffern. Sammer sah das ungefähr so...
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2000 in Rotterdam holten die Franzosen durch ein 2:1 n.V. gegen Italien ihren zweiten Titel
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2000 in Rotterdam holten die Franzosen durch ein 2:1 n.V. gegen Italien ihren zweiten Titel
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Dabei hatte Marco Delvecchio die Azzurri in Führung gebracht. Den Ausgleich erzielte Sylvain Wiltord in der 90. Minute
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Dabei hatte Marco Delvecchio die Azzurri in Führung gebracht. Den Ausgleich erzielte Sylvain Wiltord in der 90. Minute
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In der Verlängerung machte David Trezeguet Frankreich per Golden Goal zum Europameister
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In der Verlängerung machte David Trezeguet Frankreich per Golden Goal zum Europameister
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Griechenland hatte 2004 keiner auf der Rechnung. Am Ende wurden sie durch ein 1:0 gegen Portugal Europameister
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Griechenland hatte 2004 keiner auf der Rechnung. Am Ende wurden sie durch ein 1:0 gegen Portugal Europameister
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In Lissabon erzielte Angelos Charisteas den entscheidenden Treffer
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In Lissabon erzielte Angelos Charisteas den entscheidenden Treffer
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Das verleitete König Otto in seinem Alter noch zu Luftsprüngen
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Das verleitete König Otto in seinem Alter noch zu Luftsprüngen
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Im Finale 2008 in Wien traf das deutsche Team um Christoph Metzelder (r.) auf Xavi und Spanien
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Im Finale 2008 in Wien traf das deutsche Team um Christoph Metzelder (r.) auf Xavi und Spanien
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Fernando Torres sorgte mit seinem Tor für grenzenlosen Jubel bei den Spaniern
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Fernando Torres sorgte mit seinem Tor für grenzenlosen Jubel bei den Spaniern
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Durch den 1:0-Erfolg gegen Deutschland beendeten die Iberer ihre 44 Jahre anhaltende Titelflaute
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Durch den 1:0-Erfolg gegen Deutschland beendeten die Iberer ihre 44 Jahre anhaltende Titelflaute
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Auch 2012 war an der Furia Roja kein Vorbeikommen. David Silva (l.) brachte Spanien im Finale gegen Italien früh per Kopf in Führung
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Auch 2012 war an der Furia Roja kein Vorbeikommen. David Silva (l.) brachte Spanien im Finale gegen Italien früh per Kopf in Führung
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Den 4:0-Endstand besorgte Juan Mata (r.). Gianluigi Buffon im Tor der Italiener war auch beim vierten Treffer chancenlos
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Den 4:0-Endstand besorgte Juan Mata (r.). Gianluigi Buffon im Tor der Italiener war auch beim vierten Treffer chancenlos
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So schnappte sich Spanien nach dem Gewinn der EM 2008 und der WM 2010 auch den EM-Titel 2012 und schrieb wieder einmal Geschichte
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So schnappte sich Spanien nach dem Gewinn der EM 2008 und der WM 2010 auch den EM-Titel 2012 und schrieb wieder einmal Geschichte
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Das DFB-Defensivkonzept: Löws Pressing - Wie gemacht für Miro Klose

SPOX: Um es mit Ihren Begrifflichkeiten "Grundordnung" und "System" zu illustrieren: Das DFB-Team und Dortmund spielen mit dem 4-2-3-1 in der gleichen Grundordnung. Gibt es allerdings beim System, also den Verhaltensweisen auf den einzelnen Positionen, ebenfalls keine grundlegenden Unterschiede?

Wormuth: Beide spielen in der Tat die gleiche Grundordnung - grundsätzlich. Und auch die Verhaltensweisen sind sich immer ähnlicher geworden. Insbesondere für die kommende EM will Jogi Löw, und das hat er in vielen Interviews preisgegeben, wie Dortmund oder Barcelona nach Ballverlust innerhalb von vier bis sechs Sekunden den Ball sofort zurückerobern. In der Offensive wird es dagegen schon Unterschiede geben. Das Gros der ersten Elf ist bayrisch und von daher wird das schnelle Umschalten der Dortmunder mit der geduldigen Spielweise der Bayern konfrontiert. Aber das wird der Bundestrainer schon hinbekommen.

SPOX: Können Sie die Unterschiede in der Offensive konkreter beschreiben?

Wormuth: Die Bayern lieben es, den Ball in den eigenen Reihen zu halten, um den Schnittstellenpass als finalen Pass zu suchen. Geduld ist deren Maxime. Das heißt: Nach Balleroberung schalten sie nicht unbedingt schnell um. Dies hat sich zwar verbessert, es ist trotzdem nicht das erste Ziel. Im Gegenteil zu Dortmund, die sofort nach Balleroberung den Ball nach vorne bringen wollen. "Erster Blick nach vorne" heißt die Devise. Beide Verhaltensweisen sind in der Nationalmannschaft das Ziel. Nach Balleroberung sofortiges vertikales Spiel in die Spitze oder alternativ die Ballzirkulation in Gegners Hälfte, wenn der "erste Blick nach vorne" nicht funktioniert.

SPOX: Plakativ gefragt: Löw will das Beste von Dortmund von Bayern mischen?

Wormuth: Der optimale Fußball bei der A-Nationalmannschaft könnte in der Tat so aussehen, dass nach Ballverlust der Gegner erst "spanisch" gejagt wird, um in vier bis sechs Sekunden den Ball zurückzuerobern. Danach heißt es nur noch "augsburgisch" hinter den Ball kommen. Und dann entscheidet die Kompaktheit, wo man wieder klassisch gegen den Ball arbeitet. Nach der Balleroberung wäre der optimale Fall so, dass das Team sofort den aufgerückten Gegner durch ein vertikales Spiel in die Spitze "dortmundisch" aushebelt oder eben alternativ den Ball "bayrisch" in den eigenen Reihen, aber in Gegners Hälfte, hält und auf den finalen Pass spielt.

Spanien in der SPOX-Taktikanalyse

SPOX: Der Unterschied in der Offensive lässt sich an Hummels festmachen: Während Klopp in Dortmund Hummels dazu ermutigt, lange und hohe Pässe zu spielen, verbietet Löw dies und hält Hummels an, vor allem kurz und flach zu passen. Was spricht für und gegen die jeweiligen Vorgaben?

Wormuth: Ich glaube, dass Jürgen Klopp diese Ansicht schon ein wenig revidiert hat. Hummels spielt immer mehr eher flach die Bälle nach vorne als hoch. Lange Flugbälle haben den Vorteil, dass hinten kein Ballverlust entstehen und vorne ein gewonnener "zweiter Ball" zu einem Abschluss in Tornähe führen kann. Hier entsteht jedoch ein 50:50-Verhältnis zwischen Ballgewinn und Ballverlust. Wenn man den Ball eben nicht dauernd hinterherrennen will, sollte man ihn nach vorne flach tragen, um die "Red Zone" zu erreichen, also die Zone vor dem Strafraum des Gegners, aus der der finale Pass kommt. Flach erhöht die Wahrscheinlichkeit des Ballbesitzes und hat den Vorteil, den Zufall auszuschalten, einstudierte Angriffszüge umzusetzen und die Torabschlussquote zu erhöhen.

SPOX: Keine Nachteile?

Wormuth: Der Nachteil: Man kann unterwegs den Ball verlieren, während die eigene Abwehr "geöffnet" steht - was im Toplevel-Fußball einer EM sehr schnell zu einem Gegentor führen kann, weil dort Fehler eher bestraft werden.

Der zweite Teil des EM-Interviews mit Frank Wormuth erscheint am Samstag. Das Thema: Die Rückkehr der Manndeckung und die Krux mit den Standards.Wormuth wird während der EM als SPOX-Eperte tätig sein und sich regelmäßig zu Wort melden, um über taktische Trends bei der EM aufzuklären.

Was erreicht Team Deutschland bei der EM? Jetzt mittippen und absahnen!

Interview: Haruka Gruber / Daniel Börlein
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