Deutschlands Defensivkonzept

Chancen ohne Ballbesitz

Von Für SPOX beim DFB-Team: Stefan Rommel
Montag, 04.06.2012 | 12:03 Uhr
Die deutsche Defensive wurde in den letzten zwei Jahre umgebaut
© Getty
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Die deutsche Mannschaft musste ihre Defensivstrategie in den letzten Jahren ändern. Gefordert ist jetzt mehr Risiko und Verantwortung des Einzelnen. Das birgt Nachteile - aber auch einen sehr großen Vorteil.

Das deutsche Pressing

Vor der WM 2010, mit einem Team überwiegend junger, nicht eingespielter und unerfahrener Akteure, lautete der Merksatz deutscher Pressingbemühungen spätestens für alle drei Mannschaftsteile: Ball und Gegner ins Zentrum lenken.

Joachim Löw wählte damals die riskantere Variante, das Abdrängen des Balles an die Seitenlinie, um dort mit der natürlichen Spielfeldbegrenzung leichteren Zugriff zu bekommen. Das deutsche (Offensiv-)Spiel war insbesondere auf wenig Ballbesitz und schnelles Umschalten ausgelegt. Mit Konterattacken zermürbte Löws Mannschaft dann in der K.o.-Runde auch England und Argentinien.

Die veränderte Aufgabenstellung - Deutschlands Gegner spielen seitdem ihrerseits aus einer geordneten Defensive und überlassen dem DFB-Team größtenteils den Ball - erforderte ein verändertes Offensiv- und damit zwangsläufig auch ein etwas variableres Defensivkonzept.

Angreifer und Offensive attackieren

In der grundsätzlich zu erwartenden Ausrichtung im 4-2-3-1 oder 4-1-4-1 bleibt das Ziel in den meisten Spielsituationen, dem Gegner den scheinbar günstigeren und einfacheren Spielvortrag durch die Mitte anzubieten. Die Strategie zieht sich dabei durch alle Mannschaftsteile.

Im ersten Drittel sollen die Innenverteidiger zunächst so angelaufen werden, dass der Passweg vertikal ins Mittelfeld zu ist. Der Angreifer und einer der beiden offensiven Mittelfeldspieler jagen in hohem Tempo nach dem Ball. Hier sind Nuancen schon entscheidend. Frontal anlaufen macht kaum Sinn, weil so immer zwei Optionen zum Abspiel auf die Außen bleiben. Also muss der Angreifer einen leichten Bogen laufen, um raumorientiert anzulaufen und den Innenverteidiger ins Laufen (nach vorne) zu bringen.

Folgt jetzt unter Druck das Zuspiel auf die Außen, ist die erste Falle gestellt: Im besten Fall attackiert der offensive Mittelfeldspieler jetzt so, dass entweder der Ball die Linie entlang gespielt werden muss - um dann den Zugriff nur noch eine Stufe nach hinten zu verschieben. Oder aber der Ball geht rund um die Mittellinie ins Zentrum.

Im besten Fall sind alle Passwege so zugestellt, dass dem Gegner nur der lange, hohe Ball bleibt, der dann für die kopfballstarken deutschen Innenverteidiger zur leichten Beute wird.

In der Mitte werden Räume eng gemacht

Hier macht die deutsche Mannschaft dann alles eng, steht im besten Fall mit der Viererkette hoch und eng dran an den defensiven Mittelfeldspielern. Auf deren Geschick kommt es im Verbund mit den offensiven Mittelfeldspielern oder Angreifern jetzt an.

Einer der beiden Offensivspieler läuft nach und macht den Passweg nach hinten zu. Miroslav Klose ist in dieser Disziplin eine Klasse für sich. Der Routinier ist ein Spezialist im Ballklau, setzt manchmal sogar bis tief in die eigene Hälfte aggressiv nach.

Der Ballführende wird davor von den beiden defensiven Mittelfeldspielern empfangen, die eng beieinander stehen und von der dicht dahinter postierten Viererkette quasi doppelt gesichert werden. In der Mitte bleibt so plötzlich kaum noch Platz, die Zweikampffähigkeiten von Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger sollten hier schon die meisten Angriffe des Gegners beenden.

Ist der Zugriff auf den Ball zu gefährlich oder unsicher, wird der Angriff des Gegners begleitet, um ihn dann direkt in die Beine der Viererkette zu lenken.

Kontrolliertes Verteidigung auf Außen eingeübt

Spielt der Gegner über die Außen, wird mit dem jeweiligen Pärchen aus offensivem Mittelfeldspieler und Außenverteidiger gedoppelt. Dabei bleibt der Mittelfeldspieler auf ca. fünf Metern Abstand zum Außenverteidiger, leicht nach hinten und innen versetzt.

Der Passweg in die Tiefe, also in die Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger muss unter allen Umständen dicht sein. Auch den toten Raum hinter dem Außenverteidiger sollte der Ball nicht zielgerichtet erreichen. Dann wäre der Ball im Rücken der Abwehr, was größtmögliche Gefahr bedeutet.

BLOG Die Löwsche Abwehrformel I

In den Trainingseinheiten in Tourrettes wurde das kontrollierte Verteidigen auf den Außenbahnen gründlich einstudiert, selbst kleinste Verfehlungen beim Abstand beider Spieler sofort gerügt. Dem Angreifer soll so nur der Rückpass oder maximal der Querpass ins Zentrum bleiben - wo dann wiederum die deutschen defensiven Mittelfeldspieler oder bei überschaubarem Risiko einer der beiden Innenverteidiger antizipieren und den Ball gewinnen können.

Holger Badstuber interpretiert diese Rolle recht offensiv, was ihm im Klub bei den Bayern in der abgelaufenen Saison auch schon das eine oder andere Mal schlecht aussehen ließ. Im DFB-Team darf der Münchener ähnlich wie Mats Hummels nicht so risikofreudig lauern - und meist nur ohne direkte Zweikampfführung eingreifen.

Schnelle Gegenstöße durch die Mitte

Löw will Fouls im gefährlichen Raum hinter der Mittellinie um fast jeden Preis vermeiden. Deshalb sind Tacklings rund um den eigenen Strafraum auch so gut wie verboten. Mitlaufen, abdrängen, Gegner stellen, Mitspieler Abwehrposition einnehmen lassen: So soll stattdessen verteidigt werden.

Die Nachteile der Variante: In der Mitte ist der Weg für den Gegner zum Tor am kürzesten, dazu bleiben in alle Richtungen noch Ausweichmöglichkeiten. Der eine ganz große Vorteil: Wird der Ball erobert, kann der schnelle Gegenstoß sofort durch die Mitte eingeleitet werden.

So war die deutsche Mannschaft bei der WM durch die ersten beiden K.o.-Runde gepflügt, bis mit Spanien eine Mannschaft wartete, die eine Sache konnte, mit der das deutsche Team nicht zurecht kam: Der spätere Weltmeister jagte Löws Mannschaft immer und überall auf dem Platz.

Löw: "Wollen Gegner in der eigenen Hälfte attackieren"

Während alle anderen Mannschaften bei Ballverlust instinktiv zurückwichen, um den Gegner in der eigenen Hälfte kompakt im Empfang nehmen zu können, attackierten die Spanier. Die goldene Regel kam dabei vom FC Barcelona: Erst wenn der Ball nicht nach einigen Sekunden, die Rede ist von der 5-Sekunden-Regel, zurückerobert ist, beginnt der geordnete Rückzug. In der Phase davor aber wird gejagt.

Und das will jetzt auch, zumindest in Absätzen, Joachim Löw von seinen Spieler sehen. "Wir wollen den Gegner schon in seiner Hälfte attackieren, wenn wir dort den Ball verlieren", sagt der 52-Jährige. "Wir wollen schon vorne den Zugriff und nicht immer erst zurückweichen."

Für ein Team wie Deutschland, das sich bei eigenem Ballbesitz einer permanenten Mauer aus acht oder neun Feldspielern ausgesetzt sehen wird, ist das ein neuer Weg, zu Chancen und letztlich zum Torerfolg zu kommen. Das Kreieren einer Chance ohne Ballbesitz sozusagen.

Eins gegen Eins kein Problem

"Es wird für uns unglaublich schwierig, Freiräume zu bekommen", sagt der Bundestrainer, "deshalb liegt diesmal der Schwerpunkt darin, bei Ballverlust noch schneller umzuschalten als bisher. Da müssen wir gleich wieder Druck ausüben, damit der Gegner gar nicht aus den eigenen 20 Metern rauskommt."

Dabei wird auch immer mehr eine asynchrone Verteidigungstaktik gewählt. Wo früher im Block zur ballgewandten Seite verschoben wurde, gehen jetzt nur die Spieler jenseits einer imaginären vertikal eingezeichneten Linie zum Ball. Der offensive Mittelfeldspieler auf der gegenüberliegenden Seite bleibt quasi in Angriffsposition.

Wird der Ball nun auf der anderen Seite gewonnen, bietet sich dem Angreifer jede Menge Platz für den schnellen Gegenstoß - und das alles sehr nahe am gegnerischen Tor. Die Qualität solcher Torchancen sind aus dem "normalen" Angriffsspiel heraus gegen dicht gestaffelte Abwehrreihen eine Seltenheit.

Aber nicht nur im relativ ungefährlichen ersten Abwehrdrittel fordert Löw von seinen Spielern mehr Verantwortung und Risikofreude. Auch auf die beiden Innenverteidiger kommt eine etwas abgewandelte Aufgabenstellung zu. "Heutzutage ist es nicht mehr gefragt, immer eine Absicherung zu haben. Du musst auch mal in der Lage sein, hinten eins gegen eins zu bestehen."

Pressing braucht Zeit und Übung

Löw geht mit dieser neuen Variante durchaus ein großes Risiko ein. Im Sinne der Gesamtstrategie aber musste der Bundestrainer in den letzten beiden Jahren den Stil seiner Mannschaft ändern. In den 16 Spielen seit Anfang 2011 hat Deutschland nur dreimal zu Null gespielt, lediglich gegen die Niederlande, Kasachstan und zuletzt gegen Israel blieb die Mannschaft ohne Gegentor.

Löw kennt den Grund dafür. Wirklich verlässlich verhindern kann er ihn nicht. "Ein frühes Pressing muss in Fleisch und Blut übergehen, sonst ergeben sich riesige Lücken. Das braucht viel Zeit und Übung", sagt er. Nur: Mit der gesamten Mannschaft blieben bis Montag lediglich eine Handvoll intensiver Übungseinheiten.

Immerhin wurde so gut und oft geübt, wie es nur ging. Die Übungsform, die Bestandteil fast in jeder Trainingseinheit war: Acht gegen Acht, auf einem sehr begrenzten Spielfeld von 30 auf 20 Metern. Drei Minuten Vollbelastung, danach drei Minuten Pause. Das schnelle Umschalten von Angriff auf Defensive und umgekehrt wurde auf engstem Raum behandelt.

Teil 2: Die defensiven Standards und das Abwehrpersonal

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