Mario Gomez im Interview

"Ich habe mich an unser CL-Finale erinnert"

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Dienstag, 26.06.2012 | 13:45 Uhr
Für Mario Gomez ist der Zusammenhalt der DFB-Elf die große Stärke der Mannschaft
© Getty
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Mario Gomez war mit seinen drei Treffern in der Vorrunde entscheidend am deutschen Einzug ins Viertelfinale der Europameisterschaft beteiligt, doch gegen Griechenland setzte ihn Bundestrainer Joachim Löw auf die Bank. Im Interview spricht der 27-Jährige über seine Enttäuschung vor dem Spiel, das Gefühl, wenn Miro Klose trifft und seine Erfahrungen beim Public-Viewing.

Frage: Herr Gomez, hat sich Mehmet Scholl bei Ihnen noch einmal persönlich gemeldet nach dem Wirbel um seine Aussagen nach dem Auftaktspiel gegen Portugal?

Mario Gomez: Nein, hat er nicht. Das ist längst vorbei für mich. Ich glaube, für ihn auch.

Frage: Sie haben in den Partien gegen Portugal und Holland drei Tore erzielt, sind vor den Halbfinals immer noch an der Spitze der Torjägerliste - und das, obwohl Bundestrainer Joachim Löw Sie vor dem Viertelfinale gegen Griechenland auf die Bank gesetzt hat. Wie schmerzvoll war das?

Gomez: Es ist doch klar, dass man als Spieler enttäuscht ist, keine Frage. Das dauert dann eine oder zwei Stunden. Und dann geht es weiter. In den letzten Jahren findet in der Nationalmannschaft eben dieser Konkurrenzkampf zwischen Miro und mir statt. Er hat bei den letzten Turnieren meist die wichtigere Rolle gespielt, jetzt war und bin ich froh, endlich auch mal eine wichtige Rolle in einem Turnier zu spielen.

Frage: Bei der EM 2008 gab es diese unglückliche Szene beim Österreich-Spiel, bei der WM in Südafrika 2010 kamen Sie an Miroslav Klose nicht vorbei. Was überwiegt jetzt: Die Freude über die drei Spiele in der Vorrunde oder der Frust über die Verbannung auf die Bank für das Griechenland-Spiel?

Gomez: Es ist doch so: Bei der WM in Südafrika war ich die Nummer 16, 17, 18 oder 19. Damals habe ich mich immer gefreut für die Spieler, die reinkamen und mal ein Spiel machen durften. Davon lebt letztendlich eine Mannschaft. Es macht ein Team aus, wenn möglichst viele Spieler am Erfolg beteiligt sind, es ist ja eine Mannschaftssportart. Das Allerwichtigste ist, dass wir nach Kiew zum Finale fahren und gewinnen.

Frage: Wie lief das Gespräch ab?

Gomez: Joachim Löw hat mir gesagt, dass ihm die Entscheidung schwer gefallen ist, aber als Spieler hast du das zu akzeptieren. Es war ein gutes Gespräch. Begründet hat er es genau so wie gegenüber der Öffentlichkeit: Dass die drei Spiele in der Vorrunde gegen richtig gute Mannschaften Kräfte zehrend waren, dass er Spieler braucht, die fit sind und einen 100-Prozent vollen Akku haben. Der Poldi und der Thomas waren auch enttäuscht, dass sie draußen saßen. Aber wir haben 4:2 gegen Griechenland gewonnen, das ist das Wichtigste. Der Bundestrainer hat alles richtig gemacht.

Frage: Gerade ausländische Medien sind völlig überrascht gewesen, dass der Top-Torjäger im ersten K.o.-Spiel draußen sitzen muss.

Gomez: Jeder Spieler der Welt wäre da enttäuscht gewesen - wenn nicht, wäre ja auch irgendwas verkehrt. Es ging jetzt um das eine Spiel. Ich habe ja auch die Hoffnung, dass ich noch einmal spielen werde. Für mich war es kein Rückschritt, kein Weltuntergang. Ich habe mich wie die anderen auch gefreut, dass wir das Halbfinale erreicht haben. Das ist ein ganz wichtiger Baustein unseres Erfolges.

Frage: Was meinen Sie?

Gomez: Für Joachim Löw ist es eine unheimlich schöne Situation, dass er aus so einem qualitativ hochwertigen Kader auswählen kann und es dann funktioniert. Das spricht für unsere Mannschaft. Beim Spiel zwischen Spanien und Frankreich konnte man bei den Auswechslungen der Franzosen sehen, was bei denen wohl in der Mannschaft so abgeht - und das ist bei uns nicht der Fall, wenn man in die Gesichter sieht. Da freut sich jeder für den anderen, das ist unsere Stärke, das zeichnet uns aus.

Frage: Sie freuen sich also, wenn Miroslav Klose Tore erzielt?

Gomez: Natürlich freue ich mich, wenn Miro trifft.

Frage: Haben Sie diese Ruhe und Gelassenheit, die Sie hier im Gespräch ausstrahlen auch dadurch erhalten, weil Sie in Ihrem ersten Jahr unter Trainer Louis van Gaal derart leiden mussten.

Gomez: Ich hätte gerne auf schlechte Phasen verzichtet, aber man lernt dadurch, andere Dinge besser einzuschätzen. Dass ein Stürmer nicht spielt, das wird es doch immer wieder geben. Man muss sich eben ständig aufs Neue beweisen. Das ist Spitzensport, das ist ein täglicher Kampf. Es gibt jedoch keinen schöneren Part im Fußball für mich als den des Stürmers.

Frage: Vor der EM sprach Löw davon, bei bestimmten Gegnern oder in bestimmten Situationen auch mal mit zwei Stürmern spielen zu lassen. Ist dieser Plan, dieses 4-4-2-System nun in Vergessenheit geraten?

Gomez: Wir haben eine taktisch gute Ausrichtung mit dem 4-2-3-1-System, die Laufwege stimmen. Ich glaube nicht, dass es da im Moment Bedarf gibt, das zu ändern.

Frage: Andere Mannschaften wie die Spanier haben sogar schon ganz auf einen echten "Neuner" verzichtet. Macht Ihnen diese Entwicklung des Weltfußballs Sorge?

Gomez: Ich habe das Gefühl, dass immer nur mir diese Fragen gestellt werden. Aber: Es ist so wie es ist. Ich weiß, was ich kann. Ob es dann in zehn Jahren überhaupt noch Mittelstürmer geben wird, ist mir wirklich schnuppe.

Frage: Ihr Halbfinalgegner, die Italiener spielen mit Balotelli und Cassano - verwundert Sie das?

Gomez: Sie spielen mit zwei echten, gefährlichen Spitzen. Die beiden leben sehr von ihrer Physis, das wird nicht leicht für unsere Abwehr. Aber ich bin zuversichtlich, dass Badstuber und Hummels die beiden in Schach halten werden, sie spielen ein Super-Turnier.

Frage: Die meisten Experten sagen, Italien wäre die schwierigere Aufgabe als England.

Gomez: Die Italiener sind vielleicht schwieriger zu spielen, das stimmt. Es ist nicht mehr das typische Italien, sie verteidigen nicht nur. Sie haben mit Pirlo einen tollen Spieler, der den Takt vorgibt. Der Sieg gegen England war hoch verdient, sie waren viel aktiver, sie hatten viel mehr Chancen. Am Ende hatten sie dann Glück im Elfmeterschießen. Als ich vorm Fernsehen saß, habe ich mich an unser Champions-League-Finale erinnert gefühlt, als Chelsea so wie hier die Engländer nicht mehr wirklich mitspielen wollte und dann doch noch gewonnen hat.

Frage: Apropos Chelsea. Wie beobachten Sie ihren Bayern-Kollegen Bastian Schweinsteiger? Er quält sich angeschlagen durchs Turnier und hat zugegeben, dass er ab und an noch an das verlorene Champions-League-Finale gegen Chelsea denken muss.

Gomez: Wir konzentrieren uns hier auf unser großes Ziel mit der Nationalmannschaft, aber auch ich bin da noch nicht ganz drüber hinweg. Das dürfte doch allen klar sein.

Frage: Wie und wo haben Sie das WM-Halbfinale 2006 gegen Italien gesehen?

Gomez: Bei uns zu Hause im Garten.

Frage: Stimmt es, dass Sie vorher bei einem Spiel in München waren, zum Public Viewing?

Gomez: Ja, das war zum Achtelfinale gegen Schweden. Ich hatte eine Perücke und eine Brille auf, da konnte ich viel ausgelassener sein. Keiner wollte ein Autogramm.

Mario Gomez im Steckbrief

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