Der Synthese auf der Spur

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Samstag, 16.06.2012 | 23:29 Uhr
Mesut Özil (r.) muss sich offenbar noch etwas an die Sturm-Konstellation im DFB-Team gewöhnen
© Getty
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Deutschland hat bei der EM die Freude am Verteidigen entdeckt. Um die Mischung aus Defensive und Offensive perfekt zu machen, bedarf es jedoch vor dem letzten Gruppenspiel gegen Dänemark (So., 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) noch einiger Kleinigkeiten. Der eingeschlagene Weg ist aber der richtige.

Wenn man belegen mag, wie das Standing der deutschen Nationalmannschaft derzeit ist, sollte man einen Blick in die ausländische Presse wagen. Die "Daily Mail" musste neulich fast schon frustriert feststellen, dass "diese Deutschen so hart arbeiten wie immer, dabei aber jetzt auch ständig ein Lächeln auf den Lippen haben."

Was erreicht Deutschland bei der EM? Mittippen und absahnen!

Die Klischees über den deutschen Fußball bröckeln schon seit ein paar Jahren. Die bisherigen Leistungen bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine heben die Arbeit der DFB-Auswahl jetzt schon auf ein neues Level. Dabei ist noch nicht einmal das Viertelfinale erreicht, trotz der gefährlichen Gruppe B das Mindestziel von Bundestrainer Joachim Löw.

Im abschließenden Spiel gegen Dänemark muss mindestens ein Unentschieden her, um auf Nummer sicher zu gehen. Dann wäre Deutschland als Gruppensieger für die Runde der letzten Acht qualifiziert und könnte das erste K.o.-Spiel quasi vor der Haustür in Danzig bestreiten. Auch das mögliche Semifinale in Warschau wäre aus logistischer Sicht für alle Beteiligten akzeptabel. Die strapaziöse Tour nach Donezk, wo das zweite Halbfinale stattfinden wird, wäre hinfällig.

Die Aufgabe: den Trend bestätigen

Damit es aber so weit kommt, muss die deutsche Mannschaft erst ihren Trend bestätigen. Dem besten Turnierstart bei einer EM seit 16 Jahren sollen jetzt konsequenterweise die nächsten Schritte folgen.

Am Donnerstag hatte sich Joachim Löw im Danziger Stadion einen Eindruck machen können von den Spaniern, die doch immer irgendwie im Hintergrund auftauchen, wenn es um die deutsche Mannschaft und ihre Chancen bei diesem Turnier geht. Löw konnte sich anschauen, wie man gegen den Welt- und Europameister nicht verteidigen sollte, in einer für ein Endturnier ungekannten Art dominierte Spanien den Gegner aus Irland.

Seine Mannschaft ist von den Spaniern zuletzt auch zweimal dominiert worden, beide Male standen die Iberer einer möglichen Krönung im Weg. Der bisherige deutsche Stil bei der Europameister macht Hoffnung, dass es nicht auch ein drittes Mal so einseitig verläuft wie 2008 und 2010. Mehr kann die Mannschaft nicht tun, das Ergebnis wird letztlich die Wahl der Mittel rechtfertigen.

Auf dem richtigen Weg

Dass der eingeschlagene Weg aber der richtige sein muss, belegen die beiden Siege gegen die vermeintlich stärksten Gruppengegner. Deutschland war nach zwei Spieltagen die einzige Mannschaft des Turniers mit der maximalen Punktausbeute. Die Niederlande, immerhin Vizeweltmeister und in der Weltrangliste auf Platz drei gelistet, wurde zum zweiten Mal binnen weniger Monate weitgehend beherrscht.

Das war vielleicht nicht immer spektakulär, aber es war gefestigt, kompakt, willensstark. Löws Mannschaft ist dabei, den besten Mix zu finden aus spielerischer Leichtigkeit und den alten deutschen Tugenden. Zu denen auch die trotzige Arbeit in der Rückwärtsbewegung zählt.

Fokus auf der Defensive

"Der Fokus liegt auf der Defensivarbeit", sagte Lukas Podolski, so etwas wie der sichtbare Beweis deutscher Widerspenstigkeit. "Das will der Bundestrainer so, das ist die Vorgehensweise." Podolskis Qualitäten liegen erwiesenermaßen in der Offensive. Dafür blieb dem Bald-Londoner bisher aber schlicht kaum Zeit. Zu sehr war Podolski in der Arbeit nach hinten gefordert, schaffte seinem Kompagnon Philipp Lahm auf der linken Seite allerhand Übel vom Hals.

Vor dem Turnier war die Frage gewesen, ob sich Podolski mit Lahm im Rücken wieder sicherer fühle. Mittlerweile könnte man umgekehrt fragen, wie wohl es Lahm mit Podolski vor sich ergeht.

Oder Mario Gomez. Der hatte sich die fachlich durchaus nachvollziehbare, im Vortrag aber überzogene Kritik zu Herzen genommen und seinen Bewegungsradius deutlich vergrößert. Gegen die Niederlande störte Gomez hartnäckiger, hatte sogar Ballgewinne tief in der eigenen Hälfte.

Zentrale wirkt gefestigter

Dazu kommt eine massive Erhebung in der Spielfeldmitte. Der Viererblock aus Innenverteidigern und den beiden Sechsern wird gefestigter als vor zwei Jahren bei der WM. Da suchte die deutsche Mannschaft ihr Glück in einem rasanten und teilweise mitreißenden Offensivfußball.

Jetzt gehen sie den Trend dieser Euro mit und legen mindestens ebenso großen Wert auf eine profunde Defensivarbeit - in der Gewissheit, dass im Spiel nach vorne genug Potenzial vorhanden ist, um jederzeit und gegen jeden Gegner für die nötigen Tore zu sorgen.

"Ich hoffe, dass wir unseren Stil noch besser durchbringen", sagte Bastian Schweinsteiger am Donnerstag nach dem Sieg über die Niederlande. "Beim Turnier wird jene Mannschaft weit kommen, die defensiv gut ist."

Spiele gewinnen wird aber auch die defensiv stärkste Mannschaft nur, wenn sie vorne auch Tore erzielt. Hier gibt es noch einige Verbesserungsmöglichkeiten.

Gomez: Die meisten Zuspiele kommen von Münchnern

Es sind noch nicht alle Akteure an den Spielfluss angedockt. Vielleicht fehlen Miroslav Kloses Bewegungen weit weg von seinem eigentlichen Kerngebiet in der Spitze, kaum zufällig kamen die meisten Zuspiele auf Gomez von seinen beiden Münchener Teamkollegen Schweinsteiger und Thomas Müller. Mesut Özil und Lukas Podolski dagegen haben sich auf Gomez' Spiel offenbar noch nicht so recht eingelassen.

Es sind die Kleinigkeiten, die es in der Offensive noch zu verbessern gilt. Schon gegen Portugal waren mehr als nur Teilstücke zu sehen. Nur wurden diese nicht zu einem flüssigen Kombinationsspiel zusammengefügt. Vielmehr wollten viele Beobachter eine wenig eingespielte Mannschaft erkannt haben - ein Irrtum, wie sich dann wenige Tage später gegen die Niederlande herausstellen sollte.

Dabei ist das Team zwar auf einem guten Weg, aber noch lange nicht bei einhundert Prozent seiner möglichen Schaffenskraft. Was wiederum eher ein Vorteil denn ein Nachteil ist. Eine gewisse Klimax hat einer Mannschaft während eines Turniers noch nie geschadet.

Niederlande sind beeindruckt

Zu viele Teams sind in den Vorrunden förmlich explodiert, nur um dann in der entscheidenden K.o.-Phase ganz schnell wieder zu verglühen. Es ist auch ein Geheimnis des Erfolgs, sich in einem Turnier von Spiel zu Spiel zu steigern.

Bert van Marwijk weiß das. Angesichts der sehr starken Leistung und in der Ahnung, dass da noch mehr kommen könnte von diesem Team, formulierte er in der Nacht der Niederlage seiner Elftal eine kleine Ode an den Nachbarn.

"Deutschland hat wirklich eine sehr gute Mannschaft. Es ist lange her, dass Deutschland so viele gute Spieler hatte", sagt van Marwijk. "Mit allem, was dazugehört: Kraft, Kreativität, Torgefahr. Ich glaube, dass sie eine große Chance haben."

Deutschlands EM-Gruppe B im Überblick

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