Fitness- und Athletikcoach Benjamin Kugel im Interview

"Keine geheime Wunderwaffe"

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Mittwoch, 27.06.2012 | 19:23 Uhr
Benjamin Kugel (r.) bei einer Trainingseinheit mit Nationalspieler Mario Götze
© Getty
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Wie bekommt man Miroslav Klose fit? Wie regeneriert man richtig? Haben die älteren Italiener jetzt ein Problem? Und ist Cristiano Ronaldo der perfekte Athlet? Benjamin Kugel, Fitness- und Athletikcoach der deutschen Nationalmannschaft, gibt die Antworten.

SPOX: Herr Kugel, was genau sind Ihre Aufgaben als Fitness- und Athletiktrainer der deutschen Nationalmannschaft?

Benjamin Kugel: Zusammen mit Mark Verstegen, Shad Forsythe und Darcy Norman von "Athletes' Performance" bin ich zuständig für alles, was nicht direkt das fußballerische Training anbelangt. Also: Schnellkraft- und Sprinttraining, Korrektiv- und Regenrationstraining, Rehabilitationstraining. Grob gesagt.

SPOX: Für die Spieler hat die Mission Europameisterschaft am 11. Mai begonnen. Wann beginnt für Sie so ein Großereignis?

Kugel: Im Prinzip ist das ein fließender Prozess, weil wir mit jedem Klub, in dem ein Nationalspieler unter Vertrag ist, in dauerndem Austausch stehen. Wir halten den Kontakt zu den Kollegen in den Vereinen. Nur so können wir jederzeit über den Leistungsstand jedes einzelnen Spielers informiert sein. Die Zusammenarbeit funktioniert top.

SPOX: Bekommt Ihr Team da dann "nur" eine gefühlte Wahrnehmung übermittelt oder auch handfeste Daten?

Kugel: Unser Teamarzt Dr. Tim Meyer hat die Leistungsdaten im Januar abgefragt. Die Vereine sind da sehr kooperativ. Nur so können wir uns einen Überblick verschaffen, wie die Jungs drauf sind und wo es vielleicht noch Defizite gibt. Darauf basierend konnten wir dann die individuelle Planung und -periodisierung für die EM-Trainingslager vornehmen. Die große Herausforderung war dieses Mal, mit der terminlich unterschiedlichen Ankunft vieler Spieler umzugehen.

SPOX: Vom Idealzustand, dass nahezu alle Spieler ein einheitlich hohes Fitnesslevel mit zur Nationalmannschaft bringen, sollte man sich also schnell verabschieden?

Kugel: Normalerweise haben schon alle in etwa das gleiche Niveau, wenn sie ankommen. Es sei denn, sie waren vorher verletzt. Es kommt kein Spieler zu uns und muss neu aufgebaut werden. Bei einigen Spielern mussten wir aber schon sehen, wo sie gerade stehen und wie wir sie wieder eingliedern konnten ins Mannschaftstraining. Deshalb waren wir in der Vorbereitung auch zu Viert, nur so konnten wir die Individualprogramme fahren, zum Beispiel mit Per Mertesacker oder Miro Klose. Wir definieren einen Tag X und bis dahin muss der Spieler soweit sein, um ins Mannschaftstraining einsteigen zu können.

SPOX: Das Problem ist ja, dass das Team der Athletikcoaches nicht autark einfach so vor sich hin arbeiten kann - sondern immer auch in enger Absprache mit dem Trainerteam, den Physiotherapeuten, den Ärzten und sogar den Köchen stehen muss.

Kugel: Das sehe ich nicht als Problem, sondern als eine Herausforderung. Das Besondere an unserem gesamten "Team hinter dem Team" ist eben diese hervorragende Kommunikation. Die Justierung muss da sehr fein sein, deshalb haben wir auch fast täglich Sitzungen, in denen die nächsten Einheiten genau abgesprochen werden. Da geht es in der Tat bis in den Ernährungsplan: Braucht ein Spieler mehr Kohlenhydrate als andere? Braucht er eine Diät? Da muss ein Rädchen ins andere greifen.

SPOX: Welchen Spieler hat Ihr Team denn besonders gut hinbekommen?

Kugel: Da möchte ich keinen herausheben. Es gab schon einige Herausforderungen, gerade bei den Spielern, die davor lange Zeit verletzt waren. Letztlich haben wir es in relativ kurzer Zeit geschafft, alle Spieler zum Turnierstart fit zu bekommen. Dazu haben übrigens auch die beiden Länderspiele gezählt, die man für den einen oder anderen Spieler als zusätzliche Trainingseinheit werten musste. Das sind alles einkalkulierte Dinge. Deshalb hatten Per oder Miro auch eine gewisse Sonderbehandlung.

SPOX: Muss man einen Abwehrspieler dabei anders anleiten als einen Angreifer?

Kugel: Wir müssen besonders in den Bereichen Schnellkraft- oder Richtungswechseltraining positionsspezifisch trainieren. Ein Abwehrspieler hat da ganz andere Anforderungen als ein Angreifer. Das kann dann so aussehen: Zuerst die Schnellkraftübungen wie etwa "Schlittenläufe" für die ganze Mannschaft. Dann vielleicht für den Abwehrspieler eine Übung in Trippelschritten rückwärts laufen, weil er ja immer den Stürmer im Blick haben muss, mit schneller Drehung und explosivem Antritt. Ein Angreifer muss dagegen wegen der Abseitsfalle eher einen kurzen Bogen laufen, um dann erst loszusprinten. Das sind unheimliche wichtige Differenzierungen im positionsspezifischen Training.

SPOX: Das wichtigste Thema während eines Turniers ist die Regeneration der Spieler. Wie läuft die im Optimalfall ab?

Kugel: Anderthalb bis spätestens zwei Stunden nach dem Spiel sollten unbedingt Kohlenhydrate aufgenommen werden, wir reichen Bananen oder Nudeln. Unser Koch Holger Stromberg bereitet schon in der Kabine für die Mannschaft vor. Wir nutzen dann wie viele Vereine auch die Kaltwasserbecken zur Regeneration. Ein sehr wichtiger Regenerationsfaktor ist außerdem, gerade bei solchen kurzen Zeitabständen zwischen den Spielen, immer noch der Schlaf. Der Körper regeneriert da am besten. Am nächsten Tag steht Korrektivtraining an. Da muss der Spieler wieder langsam in die Bewegung reinkommen, mittels Radfahren zum Beispiel. Und dann ein paar individuelle Übungen, je nachdem, wo es den Spieler ein bisschen zwickt.

SPOX: Die Franzosen schwören auf eine Art Kältekammer für ihre Spieler.

Kugel: Wir haben unsere großen Eiswasserwannen, die nehmen wir auch überall mit hin. Aber sonst haben wir keine geheime Wunderwaffe.

SPOX: Zwischen dem Viertel- und dem Halbfinale liegen fast sechs Tage. Sollte die Mannschaft ins Endspiel einziehen, wären es nur knapp drei.

Kugel: Deshalb versuchen wir jetzt in der langen Phase ohne Spiel, auch die Köpfe der Spieler freizubekommen, eine Balance zu schaffen zwischen loslassen und fokussiert sein. Schon am Montag wurde der letzte intensive Trainingsreiz gesetzt, um den Fokus der Spieler wieder zu einhundert Prozent auf das anstehende Spiel gegen Italien zu lenken. Danach wäre es eine relativ kurze Zeit bis zum Finale - da ginge es dann nur noch um das Thema Regeneration.

SPOX: Was genau heißt "einen Reiz setzen"?

Kugel: Wir fahren dann für kurze Zeit die Intensität des Trainings stark nach oben, verringern aber den Umfang. Der Körper benötigt diese Stimulanz, um sich wieder an das zu erinnern, was da ist und Spannung aufzubauen.

SPOX: Wie würde diese Mannschaft, die die jüngste des Turniers ist, mit einem um fünf oder sechs Jahre höheren Durchschnittsalter regenerieren?

Kugel: Es ist in dieser Beziehung ein großer Vorteil, frische, junge Spieler zu haben. Aber es gibt auch Spieler wie Miro Klose. Er kennt seinen Körper unglaublich gut und weiß genau, was er braucht. Deshalb kann er mit 34 auch noch den gleichen Effekt erzielen wie ein jugendlicher Spieler. Aber generell spielt das Alter schon eine große Rolle.

SPOX: Italien hat zwei Tage weniger Zeit, sich auf das Halbfinale vorzubereiten. Ein Vorteil für die deutsche Mannschaft?

Kugel: Es ist gut für uns, so lange Zeit zu haben. Aber letztlich spielen so viele Faktoren zusammen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, dass ich nicht unbedingt von einem Vorteil sprechen würde. Trotz der Verlängerung und zwei Tagen weniger Regenerationszeit werden das die italienischen Spieler hinbekommen. Wichtig für uns ist jedoch allemal, dass wir unsere Hausaufgaben gemacht haben und uns optimal auf das Spiel vorbereiten.

SPOX: Sehen Sie mit Ihrem geschulten Auge, wenn ein eigener oder gegnerischer Spieler körperlich nachlässt? Und informieren Sie dann vielleicht auch die sportliche Leitung darüber?

Kugel: Natürlich kann man sehen, wenn ein Spieler abbaut. Kleine Tipps geben wir schon. Aber unsere Spieler und unser Trainergespann haben da selbst ein gutes Auge für solche Dinge.

SPOX: Ist Fußball aus Sicht der erforderlichen Energiebereitstellung eines der komplexesten Spiele überhaupt?

Kugel: Definitiv. Das ist auch der Grund, warum sich die Trainingslehre im Profifußball in den vergangenen Jahren so verändert hat. Zum Beispiel sind stundenlange Waldläufe ersetzt worden durch Intervalltraining oder repeated sprints. Nur so kann man der Komplexität gerecht werden.

SPOX: Auffällig viele Spieler haben in den letzten Jahren deutlich sichtbar Muskelmasse aufgebaut, auch im Oberkörper- und Rumpfbereich. Sind zu viele Muskeln aber nicht auch ein Hindernis für einen Profi-Fußballer?

Kugel: Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Muskelmasse aufbauen bedeutet im Umkehrschluss nicht gleich, unbeweglicher zu werden. Schauen Sie sich einen NBA-Profi oder einen Quarterback im American Football an. Diese Athleten sind sehr muskulös, aber sind die deshalb unbeweglich? Der entscheidende Satz lautet: Wir trainieren keine Muskeln, sondern Bewegungen. Wenn ich eine Bewegung trainiere, trainiere ich automatisch eine Muskelkette. Wir müssen schauen, dass wir alle Übungen fußballspezifisch verpacken. Die Spieler sollen trotz Muskelzuwachs beweglicher werden. Das eine schließt das andere definitiv nicht aus.

SPOX: Ist Cristiano Ronaldo der perfekte Athlet?

Kugel: Er ist mit Sicherheit ein sehr guter Fußballspieler, der versucht, sich ständig zu entwickeln. Ich begreife einen Fußballspieler nicht nur aus physiologischer Sicht als Athleten. Sondern der Spieler muss auch mündig sein, er muss das hinterfragen, was er macht. Wie funktioniert Training, was passiert da mit meiner Muskulatur? Warum muss ich regenerieren, warum ist es wichtig für mich, mich gut zu ernähren? Da hat im Fußball in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden, gerade die jungen Spieler wollen alles wissen. Anders als bei den Fußballern wird da nicht alles vorgegeben, deshalb müssen sie sich zwangsläufig damit auseinandersetzen. Das ist ein Bereich, in dem im Fußball noch ordentlich Luft nach oben ist.

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