Jogi Löw findet Gefallen an Ilkay Gündogan

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Von Für SPOX in Tourrettes: Stefan Rommel
Dienstag, 22.05.2012 | 18:19 Uhr
Ilkay Gündogan (M.) hat bisher ein A-Länderspiel für Deutschland bestritten
© Getty
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Er gilt als Streichkandidat, schon seine vorläufige Nominierung war überraschend. So schlecht stehen Ilkay Gündogans Chancen auf eine EM-Teilnahme aber gar nicht. Bundestrainer Joachim Löw findet im Trainingslager des DFB-Teams immer mehr Gefallen an dessen Können.

Einen seiner größten Siege erlebte Ilkay Gündogan nicht mehr auf dem Rasen. Er saß bereits auf der Bank, die Trainingsjacke übergestreift, die Schienbeinschoner ausgezogen.

Vor ihm spulte die Bundesliga ihren spektakulärsten Streifen der vergangenen Spielzeit ab. Das 4:4 des BVB gegen den VfB Stuttgart hatte Gündogan über eine Stunde lang mit beeinflusst - es soll aber erst sein Austausch gewesen, der einer vermeintlich entschiedenen Partie erst jene fulminante Wendung brachte.

Gewinner beim Unentschieden

Dortmund verspielte binnen weniger Minuten eine 2:0-Führung. In unmittelbarer Folge nach dem Wechsel, Sven Bender für Ilkay Gündogan, war das Dortmunder Spiel plötzlich wie von Sinnen, ohne Linie und Ordnung und geprägt von einzigartigen Fehlern.

Danach wurde heftig spekuliert, inwieweit Gündogans Auswechslung dem BVB beinahe den einen Punkt, die schöne Serie und das üppige Polster auf die Bayern gekostet hätte. Erwiesen ist trotz kontroverser Diskussionen bis heute nichts. Aber hängen blieb: Ohne Gündogan brach die Hölle los.

Anders als sein Boss Hans-Joachim Watzke hält sich Jürgen Klopp mit Ratschlägen für Joachim Löw eigentlich angenehm zurück, im Fall Gündogan aber bekannte Dortmunds Trainer: "Ich will dem Bundestrainer nicht reinreden, aber Ilkay hätte ich auch nominiert."

Probleme als Herausforderung

Sein Spieler hat sich enorm entwickelt in den letzten Monaten, aus der Ferne stets und aufmerksam beobachtet vom DFB-Trainerteam. Der Kontakt war immer da, auch als Gündogan zwischenzeitlich zur U 21 umgelagert wurde. Das sah wie ein großer Rückschritt aus. Gündogan begriff die vorübergehende Versetzung aber als Chance, weiter im Blickfeld zu bleiben.

Heute kann man sehen, auf welch hohes Niveau er sich in seinem ersten Jahr in Dortmund gehievt hat. Seine Denkweise ist nüchtern-strategisch, die spielerische Umsetzung aber durchaus spektakulär. Dann jagt er einen bezaubernden Pass in die Tiefe oder verlagert das Spiel gewitzt. Als stellten vertrackte Situationen für ihn kein Problem dar, sondern jedesmal eine neue, spannende Herausforderung.

BVB-Kaderstruktur als Vorteil

Eine Parallele zwischen Nationalmannschaft und Borussia Dortmund ist ja auch, dass beide Mannschaften die größtmögliche Spannkraft in ihrem Kader haben. Vom Torhüter bis zum letzten Ergänzungsspieler ist die Truppe homogen besetzt, jeder Einzelne permanent in der Lage, sofort für einen Kollegen einzuspringen und dessen Aufgaben ohne große Substanzverlust zu übernehmen.

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Bei Bayern München etwa war das in der abgelaufenen Saison anders. Da stand die erste Elf, mit kleineren Ausnahmen. Das Leistungsgefälle zwischen Stamm- und Ergänzungsspielern war aber zu groß, als dass die Mannschaft einen Ausfall mehrerer Spieler über ein paar Wochen schnell hätte auffangen können.

Gündogan war die Dortmunder Ausgeglichenheit sowohl Ballast als auch Hilfe. Er war erst drin im Team, rotierte dann nach dem verkorksten Saisonstart raus aus der ersten Mannschaft, raus aus dem Kader, rauf auf die Tribüne. Und damit auch aus raus dem öffentlichen Blickfeld.

Schwierigkeiten mit der Anpassung

Ihm fehlte das körperliche und geistige Tempo für den Fußball der Dortmunder, die Umstellung auf die brutales Gegenpressing und Umschalten binnen weniger Sekunden bereitete ihm Schwierigkeiten. Gündogan verschleppte unfreiwillig das Tempo. Weil er anderes gewohnt war und sich erst an die neuen Gegebenheiten anpassen musste.

Erschwerend kam dazu, dass er in Nuri Sahin den Spieler der (Meister-)Saison zu ersetzen hatte. Zumindest sah der Wechsel das im Protokoll so vor und auch Klopp baute schnell Druck auf: "Wartet mal, wie Ilkay Gündogan nächstes Jahr spielen wird..."

Rein- und durchgebissen

Wie reif ein Spieler schon ist, zeigt sich aber besonders in den Phasen, in denen es kaum bis gar nicht läuft. Gündogan saß an den Wochenenden auf der Tribüne, machte sich dazwischen aber gemein mit den gestellten Anforderungen. Er wurde besser, eins mit dem System. In der Rückrunde war er dann wieder in der Stammelf, im Saisonendspurt neben Mats Hummels deren wichtigster Taktgeber.

Sven Bender, dieser unverrückbare Bestandteil des Dortmunder Balleroberungsfußballs, der immer wieder "noch eine Gräte an den Ball bekommt", wie sein Trainer ehrfurchtsvoll sagt, war erst verletzt, dann nicht fit und am Ende nicht mehr gut genug, um Gündogan wieder rauszudrängeln aus der ersten Mannschaft. Oder anders: Gündogan war schlicht besser, unverzichtbar. Er hat sich wieder rein- und durchgebissen.

Einer der Streichkandidaten

Im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft in Südfrankreich kämpft er jetzt wieder. Sein neues Selbstbewusstsein hat er auf einer Pressekonferenz schon angedeutet. Die Nominierung sei vielleicht etwas überraschend gekommen, "weil die Hinrunde nicht so überragend für mich gelaufen ist. Aber ich glaube, dass ich es auch ein Stück weit verdient habe, hier zu sein."

In Tourrettes findet Bundestrainer Joachim Löw Gefallen an dem, was er von Gündogan geboten bekommt. In Abwesenheit der beiden Bayern Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos und weil bis Montagabend auch Sami Khedira noch mit seinem Klub unterwegs war, fiel Gündogan in den Trainingseinheiten eine zentrale Rolle zu.

Er ist einer der Herausforderer und wegen seiner überraschenden Nominierung relativ weit oben auf der Liste der möglichen Streichkandidaten. Am 29. Mai muss Löw seinen Kader von 27 auf die erlaubten 23 Spieler schrumpfen, ein Torhüter und drei Feldspieler werden dann nach Hause fahren müssen.

Da im vorläufigen Kader nur sieben Abwehrspieler stehen und es davon kaum einen treffen wird, konzentriert sich der Abzählreim auf die Mittelfeldspieler - und damit unweigerlich auch schnell auf Gündogan. Der Großteil der Fans und etliche Experten glauben, dass es den Dortmunder noch erwischen wird.

Starke Trainingsleistungen

Mittlerweile hat sich dieser erste Reflex aber verwässert. Gündogan trainiert stark, er kann sich kaum vorwerfen lassen, die kleine Chance zur Aufnahme in die Reisegruppe nicht mit allem, was er hat, nutzen zu wollen.

"Ich geben in jedem Training Vollgas und werde alles dafür tun, um im endgültigen Kader zu stehen. Natürlich glaube ich daran", sagt er. Eine Plattitüde zwar, Gündogan füllt sie auf und außerhalb des Platzes aber mit entsprechendem Leben.

Natürlich äußert sich die sportliche Leitung noch nicht im Detail zu einzelnen Spieler, das Casting läuft ja noch eine Woche. Klar ist aber jetzt schon, dass Gündogan einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

Löw schätzt die schnelle Auffassungsgabe und das Antizipationsgeschick des 21-Jährigen. Gündogan kann Räume erspähen, die sich erst ein, zwei Spielzüge später auftun. Dazu hat er ähnlich wie Kroos alle Mittelfeldpositionen in seinem Repertoire.

Löws Gedankenspiele als Pluspunkt

Als der Bundestrainer neulich von seinen Gedankenspielen für den Angriff erzählt hat, dürfte auch Gündogan genau zugehört haben. Marco Reus könne er sich in vorderster Linie sehr gut vorstellen, sagte Löw.

Bei der WM vor zwei Jahren hatte Deutschland mit Miro Klose, Mario Gomez, Stefan Kießling und Cacau gleich vier gelernte Stürmer im Kader. Derzeit stehen nur noch drei im vorläufigen Kader - und der Stuttgarter Cacau bedenklich auf der Kippe. Besonders dann, wenn sich Löw dazu durchringen kann, seine theoretischen Pläne mit Reus auch in die Praxis umzusetzen.

Dann hätte Cacau ein veritables Problem. Und Ilkay Gündogan noch bessere Chancen, am 4. Juni doch mit nach Danzig aufzubrechen.

Die EM im Überblick

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