Wolfgang Niersbach: "Evolution statt Revolution"

SID
Freitag, 02.03.2012 | 19:10 Uhr
Der neue DFB-Präsident Wolfgang Niersbach: "Zurück zum Kerngeschäft", formuliert er seine Devise
© Getty
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Sein Telefonverzeichnis ist ein "Who is Who" des deutschen Profi-Fußballs. Mit Hunderten von früheren und aktuellen Spielern der Bundesliga, insbesondere deutschen Nationalspieler, pflegt Wolfgang Niersbach rege Kontakte. Diese außergewöhnlich große Nähe wurde am Freitag überdeutlich.

Als der 61-Jährige in Nachfolge von Theo Zwanziger zum elften Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gewählt wurde, hatte Niersbach viele Europa- und Weltmeister aus allen Generationen des deutschen Fußballs persönlich einladen lassen. Fast alle kamen, denn die Beziehungen sind zweiseitig. Die Fußballer schätzen den neuen DFB-Chef als ihren Mann.

Für den DFB, mittlerweile auf fast 6,7 Millionen Mitglieder angewachsen, beginnt mit der Präsidenten-Übergabe von Zwanziger zu dem in Nettesheim bei Grevenbroich geborenen und in Düsseldorf aufgewachsenen Rheinländer ein Paradigmenwechsel.

Niersbach: "Keine Revolution, sondern eine Evolution"

Er strebe "keine Revolution, sondern eine Evolution" an, erklärte Niersbach. "Zurück zum Kerngeschäft", formulierte er seine Devise. "Der Fußball ist das Wichtigste", sagte er. Die Botschaft klingt einfach, und Niersbach versteht auch seine Aufgabe einfach. "Wir Funktionäre sind dafür da, dass der Laden läuft."

Als wichtigstes Feld des DFB bezeichnete er die Nationalmannschaft, wobei der natürlich die Männer meint, wobei er auch Zwanzigers intensive Frauen-Förderung fortsetzen möchte. Niersbach, der in den vergangenen 40 Jahren rund 400 Länderspiele live erlebte, bekannte sich als einer der größten Fans des DFB-Teams.

Auch die hohe Bedeutung der Bundesliga und die Nachwuchsförderung der jungen Eliten hob er hervor. Zum "DFB-Kern" zählt er auch den Spielbetrieb der 26.000 DFB-Vereine mit 80.000 Spielen an fast jedem Wochenende.

Mit Ex-Profis wie Franz Beckenbauer, seinem besten Freund, Günter Netzer, aber auch aktuellen Nationalspielern ist Niersbach per du. Mit Reiner Geye, Stürmer von Fortuna Düsseldorf, machte er schon in den 1970er Jahren die Stadionzeitung des Vereins.

Als Mediendirektor noch näher an der Nationalelf

Die Düsseldorfer Spieler einigten sich nach dem Gewinn des DFB-Pokals darauf, dass er die Trophäe über eine Nacht mit nach Hause nehmen sollte, bevor sie sich darum streiten würden. Eishockey und die Düsseldorfer EG waren die zweite Leidenschaft des Sportredakteurs Niersbach, der auch Freundschaften zu Spielern wie Walter Köberle, Erich Kühnhackl oder Trainer Xaver Unsinn pflegte.

Nachdem er 1988 noch in seiner Eigenschaft als sid-Angestellter als Pressechef der Europameisterschaft in Deutschland tätig war, rückte er ein Jahr später als Mediendirektor des DFB noch näher an die Nationalelf heran. Und er brachte in den DFB, der damals mehr wie eine Behörde als ein Unternehmen arbeitete, die Kontakte zur Bundesliga ein.

Wenn Niersbach in seine neue Rolle schlüpft, wird er sich in seinem Wirken wahrscheinlich weniger an den Präsidenten Egidius Braun, Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger, denen er gedient hat, sondern an Neuberger orientieren. Den Saarländer, der in der Öffentlichkeit recht umstritten war, bewunderte und verehrte der künftige DFB-Präsident. Und zu Neuberger besteht durchaus eine Parallele, denn auch er war früher Sportjournalist.

"Pressekonferenzen zu führen ist leichter"

Für den Vater zweier Töchter war der Fußball immer Dreh- und Angelpunkt des Berufslebens. Wegen seiner unkomplizierten, oft humorvollen, schlagfertigen Art wird er von den Kollegen und Mitarbeitern geschätzt. Seine 37-Minuten-Rede, mit denen er die Delegierten auf dem DFB-Bundestag abschließend zu seiner einstimmigen Wahl überzeugte, wirkte er ungewohnt nervös.

"Die Anspannung war da. Pressekonferenzen zu führen ist leichter als eine Rede zu halten, die diesem Amt entspricht", sagte er danach. Auffassungsschnell, effektiv arbeitend, teamorientiert wirkte Niersbach zuletzt als DFB-Generalsekretär und oberster Dienstherr der 220 Angestellten.

In dieser Rolle wird er von Helmut Sandrock abgelöst, der ebenfalls einstimmig gewählt wurde. Langatmige rhetorische Ausflüge mit philosophisch-moralischen Botschaften hat Niersbach nicht vorgesehen. Der DFB ist nach Niersbachs Verständnis letztlich nur ein Sportverband, der seinen Mitgliedern den bestmöglichen Service anzubieten hat. Predigten zu Gott, der Welt und dem Fußball a la Zwanziger sind nicht geplant.

Das DFB-Team im Überblick

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