Fussball

"Die Erwartungshaltung ist mir fast zu hoch"

Von Stefan Rommel
Sonntag, 08.01.2012 | 13:30 Uhr
Oliver Bierhoff ist seit Mitte 2004 Teammanager der deutschen Nationalmannschaft
© Imago

Für Oliver Bierhoff wird das achte Jahr als Teammanager der deutschen Nationalmannschaft ein ganz besonderes: Bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine soll Deutschland den ersten Titel nach 16 Jahren holen. Auf dem Weg dorthin lauern aber viele Gefahren - auch recht ungewöhnliche, wie Bierhoff im Interview verrät. Borussia Dortmund gratuliert er zum Deal mit Marco Reus - und den Bayern traut Bierhoff den Einzug ins Champions-League-Finale zu.

SPOX: Herr Bierhoff, beim Mercedes-Benz Junior Cup in Sindelfingen war auch Erdal Keser in der Halle, Chefscout beim türkischen Verband. Zuletzt gab es ja immer mal wieder die Diskussion um das Abwerben von Spielern mit doppelter Staatsbürgerschaft. Wie stehen Sie dazu?

Oliver Bierhoff: Wir haben das ja schon oft genug betont: Wir bemühen uns sehr stark um diese Spieler und wollen auf sie zugehen. Dabei ist es wichtig, dass sie verstehen, was für eine Entwicklung und Erziehung sie in Deutschland genossen haben. Wir verstehen aber natürlich auch, wenn sich einige für andere Verbände entscheiden. Da sind wir relativ entspannt. Wir wollen, dass sich der Spieler von sich aus zu Deutschland bekennt - deshalb kommt es für uns nicht in Frage, die Spieler mit Geld oder der Aussicht auf einen Job zu überreden.

SPOX: Gibt es eigentlich Berührungspunkte mit den Verantwortlichen anderer Verbände oder fährt der DFB da grundsätzlich seine Linie?

Bierhoff: Das ist Teil der Aufgabe von Matthias Sammer. Die Jugendtrainer sind instruiert, entsprechend zu reagieren und durch viele Gespräche nah an den Spielern zu sein. Was die anderen Verbände machen, wissen wir zum Teil gar nicht. Und es beschäftigt uns auch gar nicht sehr. Wir müssen so überzeugend sein, dass sich der Spieler für uns entscheidet. Joachim Löw ist ein strikter Gegner davon, einen Spieler einzuladen und ihn dann fünf Minuten spielen zu lassen, nur um ihn dann sicher zu haben. Und dann geht er dir irgendwo unter.

SPOX: Werden Sie von den jugendlichen Nachwuchskickern denn eigentlich als Oliver Bierhoff, der Ex-Profi wahrgenommen - oder doch "nur" als Manager der Nationalmannschaft?

Bierhoff (lacht): Das wird immer weniger. Bei den Jugendlichen bin ich mehr und mehr der Manager der Nationalmannschaft, die vielen Kinder wissen gar nichts mehr über den Spieler Bierhoff. Die kommen dann an und wollen ein Autogramm. Und danach fragen sie ihren Papa: "Wer ist das eigentlich?" Dafür ist unser letzter Titel schon zu lange her. Bei unseren Nationalspielern ist das noch im Kopf, bei der nachrückenden Generation eben immer weniger. Aber damit muss man rechnen.

SPOX: Sie waren 1996 ja nicht eben unbeteiligt. Können Sie der Mannschaft aus Ihrem Erfahrungsschatz auch noch etwas mitgeben auf dem Weg zum großen Ziel in diesem Jahr?

Bierhoff: Ich denke nicht. Man kann nicht mehr tun, als immer wieder zu betonen, dass es langsam Zeit wird, wieder einen Pokal zu holen. Ich versuche immer, nicht von mir zu sprechen. Was ich gemacht oder erreicht habe, lasse ich immer außen vor. Man muss den Spielern immer wieder vermitteln, dass so ein Turnier in punkto Belastung, aber auch Einstellung, etwas Besonderes ist. Es ist alles so schnelllebig und ständig Druck da. Man muss sich bewusst sein, wie einmalig solche Chancen sind. Bei der EM wird das jetzt eine besondere Situation.

SPOX: Inwiefern?

Bierhoff: Bei der letzten WM haben die Fans nicht mit so viel gerechnet, da konnten wir einfach locker drauflos spielen. Jetzt ist die Erwartungshaltung enorm hoch, für mich fast zu hoch. Natürlich kann die Euphorie nie groß genug sein, aber ich bin ehrlich gesagt gar nicht so unglücklich über unsere schwere Gruppe, weil deutlich wird, dass das kein Spaziergang wird. Drumherum wurde ja nur noch darüber gesprochen, dass es nur noch die Spanier gebe. Glücklicherweise haben wir Spieler, die wissen was sie wollen, die die Herausforderung annehmen und die vor allen Dingen keine Angst vor diesem Druck haben. Aber auch für sie wird es eine besondere Situation werden.

SPOX: Sie stellen weiter die höchsten Ansprüche an Ihre Mannschaft?

Bierhoff: Als deutsche Nationalmannschaft geht man immer in ein Turnier mit dem Anspruch, es auch zu gewinnen. Die Chancen waren immer da, jetzt sind sie vielleicht ein bisschen besser. Es gibt dazu aber auch die Erwartung, noch besonders schön zu spielen. Da gab es auch schon andere Zeiten, als Deutschland weitergekommen ist, weil es eine Turniermannschaft ist, mit Ehrgeiz und Disziplin. Jetzt soll das auch noch mit Glanz passieren. Den Anspruch haben wir auch - aber wir wissen, dass da immer verschiedene Komponenten eine Rolle spielen. Bei früheren Turnieren sind viele der späteren Gewinner im Laufe des Turniers beinahe gestrauchelt oder haben glanzlos gespielt. 1990 beim 1:0 gegen die Tschechen oder 1996 beim glücklichen Sieg über die Kroaten. Auch Spanien hatte bei der WM einige Probleme.

Deine Wahl! Welche Spieler sollen mit zur EM?

SPOX: Es wurden Stimmen laut, die Danzig als Standort der deutschen Nationalmannschaft während der EM als ungeeignet einstufen - weil die Vorrundenspiele nun ja allesamt in der Ukraine stattfinden.

Bierhoff: Das ist kein Problem für uns. Die weiteste Reise wäre nach Donezk gewesen, rund zweieinhalb Stunden. Da müssen wir nicht hin. Bei der WM in Südafrika haben wir solche Strecken beinahe bei jedem Spiel zurücklegen müssen.

SPOX: Sie bleiben dabei: Danzig ist die beste Lösung?

Bierhoff: Auf jeden Fall. Dort ist die Infrastruktur bedeutend besser als in der Ukraine, es gab mehr Möglichkeiten, "richtig" unterzukommen für unsere Mannschaft.

SPOX: Die Spielorte in der Ukraine sind nicht nur für den DFB-Tross, sondern auch die Fans eine sehr große logistische Herausforderung, die Hotelsituation ist dazu unbefriedigend. Gibt es Pläne seitens des DFB, den Fans unter die Arme zu greifen?

Bierhoff: Wir werden uns im Fan-Club Nationalmannschaft und mit unserem Reisebüro das eine oder andere überlegen und versuchen kreativ zu sein. Aber es wird trotzdem schwer sein. Man muss sehen: Die ersten Anfragen sind kaum da. Bei anderen Turnieren gab es nach der Auslosung einen Run auf die Tickets. Der hat bis jetzt nicht stattgefunden.

SPOX: Haben Sie Angst, dass die deutsche Mannschaft von ihren Fans bei den Spielen unterrepräsentiert sein wird?

Bierhoff: Die Sorge ist: Haben wir zu wenige Fans im Stadion? Das Problem haben die anderen Verbände auch. Wir müssen - auch zusammen mit dem Veranstalter - kreative Möglichkeiten finden. Aber das wird nicht einfach.

SPOX: Glauben Sie, dass die UEFA sich einen Schritt auf die Fans zu bewegen wird, wenn die Nachfrage weiter so gering bleibt?

Bierhoff: Natürlich sollte der Tunierveranstalter auch daran denken. Aber wo jetzt noch keine Hotels stehen, wird man die in vier, fünf Montane auch nicht hinstellen. Das ist das Problem.

SPOX: ...das man leicht hätte beheben können. Die Turniervergabe war im Jahr 2007.

Bierhoff: Das wusste man. Es ist in einigen Bereichen problematisch... Hoffen wir darauf, dass die ukrainischen Fans Stimmung reinbringen, vielleicht überraschen sie uns. Aber es wird mit Sicherheit keine EM wie in Österreich und der Schweiz, wo das halbe Stadion mit türkischen Fans voll war und die andere Hälfte mit deutschen.

SPOX: Haben Sie Bedenken wegen der Stimmung in den Stadien?

Bierhoff: Wir lassen das jetzt mal auf uns zukommen. Das Gute ist, dass es dann für beide Mannschaften gleich wäre. Im weiteren Turnierverlauf, wenn zum Beispiel auch Polen weiterkommt oder wir in Polen spielen, hoffen wir, dass dann auch wieder genug deutsche Fans mitreisen.

SPOX: Bastian Schweinsteigers Verletzung war ein Verlust für die Bayern - könnte diese erzwungene Ruhephase aber im Hinblick auf die EM für die Nationalmannschaft vielleicht sogar noch ein Glücksfall sein? Viele Spieler leiden zum Ende einer Saison ja unter der enormen Belastung oder haben ihren Leistungshöhepunkt dann überschritten...

Bierhoff: Das ist schwer zu sagen. Bastian war in den letzten Jahren kaum verletzt, hat immer 60, 70 Spiele gemacht und die Belastungen eigentlich gut weggesteckt. So lange es keine Verletzung an den Beinen oder Füßen ist wie bei ihm und man nicht bedenken haben muss, ob er die Schnelligkeit wieder findet, ist man zumindest nicht todtraurig darüber, dass es zu dem Zeitpunkt der Saison passiert ist. Anders wäre es, wenn er ohne Spielpraxis in ein Turnier ginge. Ich habe das Gefühl, dass die Bayern dieses Jahr ins Champions-League-Finale kommen. Es gibt bis auf Barcelona keine Mannschaft, die sie fürchten müssen. Und dann wird es eine sehr lange Saison und man schaut darauf, welche Belastung unsere Nationalspieler hatten. Deshalb ist man auch nicht traurig, wenn ein Spieler mal eine Pause bekommt. Wobei es natürlich schöner wäre, wenn sie gesetzt wird und nicht wegen einer Verletzung erfolgt.

SPOX: Ein großes Thema der vergangenen Woche war der anstehende Wechsel von Marco Reus von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Bierhoff: Das freut mich für ihn und ich denke, es ist die richtige Entscheidung. Marko ist jemand, dem das Umfeld sehr wichtig ist. In Dortmund findet er eine unglaubliche Konstanz in der Führungsebene vor und einen Verein, der große Ambitionen hat - dabei aber auch sehr familiär wirkt. Dazu kommt sein privates Umfeld, er hat da das Behütete, was ihm sicherlich hilfreich ist. Und wenn man sieht, wie sie diese Saison wieder spielen muss man davon ausgehen, dass sich Dortmund auch in den kommenden Jahren konstant oben festsetzt.

SPOX: Verstehen Sie den Wechsel auch als Zeichen?

Bierhoff: Wenn Hummels verlängert hat, ein Götze noch bleibt... Es tut der Liga gut, ein Gegengewicht zu schaffen. Die Bayern sind weiterhin dominant, man muss sich da nur die Zahlen anschauen. Aber man merkt, dass mit Dortmund ein Konkurrent angekommen, der auf einigen Ebenen mithalten kann: Die Stimmung im Stadion, die Kontinuität in der Führung, viele junge deutsche Spieler im Kader. Das sieht man auch von außen, dass man sich als Spieler in dieser Mannschaft gut zurechtfinden kann. Das ist schon ein Statement.

Das ist Oliver Bierhoff

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