Marco Reus vor Debüt im DFB-Team

Zeit, dass jetzt was geht

Von Für SPOX in der Türkei: Fatih Demireli
Donnerstag, 06.10.2011 | 22:24 Uhr
Marco Reus (M.) steht vor seinem Debüt im DFB-Team
© Getty
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Fünf Mal wurde Marco Reus von Borussia Mönchengladbach von Joachim Löw für ein Länderspiel des DFB-Teams eingeladen. Vier Mal musste der Mittelfeldspieler absagen. Gegen die Türkei (Fr., 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) soll es mit dem ersten Länderspiel klappen, zumal Reus immer besser wird und sowohl von Löw als auch von Lucien Favre hochgelobt wird. Doch Reus hat Großes vor.

Der Bräutigam steht bereit in seinem feinen Zwirn, die Kinder, die den Ehering nach vorne tragen sollen, freuen sich auf ihren großen Auftritt und sämtliche Gäste sind in ihren schönsten Kleidern mit dabei. Selbst die Verwandten, die man nicht mag, sind anwesend und der Cousin zweiten Grades aus der Ferne auch. Jetzt fehlt nur noch die Braut, um die Zeremonie im Happyend abschließen zu können. Doch sie kommt nicht und die ganze Hochzeit ist ruiniert.

Ganz so schlimm ist die Situation in der deutschen Nationalmannschaft nicht, dass ein Fehlen von Marco Reus das DFB-Team zur Auflösung führen könnte. Aber die junge Geschichte des Mittelfeldspielers von Borussia Mönchengladbach hatte zuletzt doch etwas vom oft gesehenen Horrorszenario: "Wo ist die Braut?".

Fünf Einladungen, kein Spiel

"Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber er dürfte schon da sein", sagte Joachim Löw am Dienstag mit einer minimalen Spur von Zweifel in der Stimme. Die Journalisten fragten dennoch zur Sicherheit nach, ob es denn diesmal klappt mit dem ersten Länderspiel des Gladbachers. Dass Reus schon am Samstag im badenova-Stadion mitteilte, dass "alles okay" sei, zählte nicht. Zwischen Samstag und Dienstag ist eine lange Zeit - für Reus lange genug, erneut für die Nationalmannschaft abzusagen.

Schon fünf Mal erhielt der 22-Jährige eine Länderspiel-Einladung: Ganze vier Mal musste er wegen diversen Verletzungen und einer Erkrankung absagen. Zwischendurch schaffte er es sogar mal auf die Bank, aber gegen Brasilien saß er wie Neuling Ilkay Gündogan 90 Minuten auf der Bank.

Sicherer Einsatz

Klappt es also beim sechsten Anlauf? Reus ist fit und gehört auch zum DFB-Tross in der Türkei, auf die die deutsche Mannschaft treffen wird. Als "Neuzugang" ob der zahlreichen Absagen, fühlt er sich nicht: "Ich war ja schon mehrfach da. Und auch wenn es nur zu Behandlung war - man kennt sich ja", sagt er.

Reus setzt sich selbst nicht unter Druck: "Es ist egal, wann ich mein Debüt feiere, Hauptsache ich feiere es überhaupt." Es sei "schön, dabei zu sein" und er hoffe auf sein erstes Länderspiel. Löw wird dem Wunsch entsprechen und kündigt Reus' definitiven Einsatz in einem der beiden Länderspiele gegen die Türkei oder gegen Belgien an.

Großes Lob von Löw

"Es ist an der Zeit, dass er bei uns zum Einsatz kommt", sagte der Bundestrainer. Es ist nicht nur eine Maßnahme des Mitleids, damit Reus den Adler endlich überstreifen kann. Es ist vielmehr die Anerkennung und die logische Folge der tollen Leistungen des jungen Offensivspielers. "Er sucht immer den Abschluss, ist trickreich und kann eine Abwehr ganz alleine beschäftigen", lobt Löw.

Beim 0:1 Mönchengladbachs in Freiburg nahm Löw Reus nochmals live im Stadion unter die Lupe. Nicht, um sicher zu gehen, dass er sich nicht wieder verletzt, sondern um seinen nächsten Debütanten nochmals zu analysieren. Dass Reus in Freiburg beste Chancen vergab, ist für Löw nicht weiter schlimm: "Normalerweise kennt man seine Torgefahr."

Stark schon seit längerer Zeit

Reus' Vereinstrainer Lucien Favre sieht es ähnlich: "Er macht immer etwas auf dem Feld, ist extrem gefährlich." Der Schweizer ist überglücklich, dass sein Schützling wohl endlich für Deutschland spielen darf: "Er hat es verdient, dabei zu sein. Er ist zwar extrem jung, aber trotzdem seit drei Jahren Stammspieler bei uns."

Die Entwicklung des Marco Reus ist in der Tat rasant: Zwar spielt der Außenbahnspieler schon seit geraumer Zeit auf einem hohen Niveau, so auch in der vergangenen Saison, als Borussia lange Zeit Letzter war und erst die Relegation zum Klassenerhalt herhalten musste. Zehn Tore und neun Assists verbuchte der Youngster in der Vorsaison. Sein Leistungsniveau hat er nun aber noch einmal erhöht.

Reus hat den Ex-Gladbacher Marko Marin, mit dem er in seiner Anfangszeit noch bei jeder Gelegenheit verglichen wurde, längst vergessen lassen. Reus ist ein Art Upgrade von Marin: noch impulsiver, noch schneller, noch auffälliger: Seine großartigen Fähigkeiten und die fulminante Umsetzung auf dem Platz scheinen in der breiten Öffentlichkeit aber erst seit dem Aufschwung Borussias zu Beginn dieser Saison wahrgenommen zu werden.

"Brauche das Rampenlicht nicht"

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich Reus mit Ausnahme seiner Auftritte auf dem Platz eher zurückhält. Als Interviewpartner steht er nur selten zur Verfügung. "Das Rampenlicht brauche ich nicht. Ich bin froh, dass ich Fuß­ball spielen kann, da muss ich nicht noch ständig in der Zeitung stehen oder vor den Kameras auftauchen. Das ist nicht meine Art", sagte Reus dem "Kicker".

An den Kameras kommt er kaum noch vorbei, weil der Gladbacher immer mehr in den Fokus rückt. Seine Tempodribblings, seine Antrittsschnelligkeit und der ausgeprägte Schatz an Ideen, um für Torgefahr zu sorgen, machen Reus inzwischen zu einem der besten Spieler der Bundesliga.

Gladbachs Trainer Favre, nicht unbedingt bekannt für öffentliche Lobpreisungen, sagt: "Ich hatte ja vor kurzem davon gesprochen, dass sich Marco Reus wie die Spieler auf einer Playstation bewegt. Marco ist unfassbar gut."

Großkreutz überholt

Die Entwicklung macht jeden froh: Von Reus bis Favre, von Löw bis Max Eberl, der den Youngster 2009 von RW Ahlen verpflichtete. Reus' enger Freund Kevin Großkreutz wechselte ziemlich zeitgleich zu Borussia Dortmund.

Großkreutz feierte sein Länderspiel-Debüt schon vor langer Zeit, wurde deutscher Meister und spielt Champions League. Dies alles ist Reus bisher verwehrt geblieben, aber dennoch hat er - zumindest aktuell - Großkreutz, der keine Einladung von Löw erhielt, überholt.

Auch Reus' Marktwert ist deutlich gestiegen, was vor allem den Millionenmann selbst wundert. "Vor fünf, sechs Jah­ren dachte ich: Das wäre 'ne Sa­che, wenn ein Verein irgendwann 500.000 Euro für dich zahlen würde. Damals wäre ich auch zufrieden ge­wesen, später einmal in der dritten oder zweiten Liga aufzutauchen."

Klopp: "Ein geiler Kicker"

Ein Interesse Bayern Münchens wurde schon mal im Frühling kolportiert, auch Klopps "Reus ist ein geiler Kicker" wurde als Interesse an dem gebürtigen Dortmunder interpretiert, aber Reus spielt da noch nicht mit. Auch wenn Bayern anklopfen sollte: "Solch ein Interesse würde mich ehren, aber ich bin froh, bei Borussia Mönchenglad­bach zu spielen und ich habe einen Vertrag bis 2015. Von daher ma­che ich mir generell keine Gedanken über andere Dinge. Oder was in ein, zwei, drei Jahren sein wird."

Seinem Berater teilte er bereits mit, sämtliche Anfragen sofort zu blockieren, ohne eine Information darüber zu geben, weil sich der Youngster voll auf seinen Klub und jetzt auch auf die Nationalmannschaft konzentrieren will. "Für mich steht ein Punkt an erster Stelle: Ich muss mich wohlfühlen. Fühle ich mich wohl, kann ich meine Leistung bringen. So ein­fach ist das", so Reus.

Seine guten Leistungen werden ihn wohl in absehbarer Zeit auch offiziell zum Nationalspieler machen, aber eine dauerhafte Anstellung in der DFB-Startelf gestaltet sich bei namhafter Konkurrenz wie Thomas Müller, Mario Götze oder auch Andre Schürrle äußerst schwierig.

Dennoch macht sich Reus Gedanken um seine Zukunft - in dieser liegt auch die EURO 2012, zu der er unbedingt fahren möchte: "Die EM bleibt mein Ziel. Welcher Fußballer möchte denn nicht mit der Nationalmannschaft an einer EM oder WM teilnehmen? Ich muss meine Leistung bringen, dann schauen wir, ob es reicht."

Zumindest für einen Einsatz gegen die Türkei oder gegen Belgien wird es schon einmal reichen. "Es wäre eine Erleichterung", sagt Reus über sein bevorstehendes Debüt. Es wird Zeit, dass jetzt was geht...

Die deutsche Gruppe in der EM-Quali

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