Erste Option für die rechte Seite?

Jerome Boateng: Wanderer zwischen den Welten

Von Stefan Rommel
Sonntag, 09.10.2011 | 20:00 Uhr
Badstuber (h.) ist längst aus dem Spiel - aber Boateng (r.) rettet die Situation gegegn Yilmaz
© Getty
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Jerome Boatengs Flexibilität steht dem 23-Jährigen oft im Weg. Auch bei den Bayern muss er immer wieder auf die rechte Seite ausweichen. Ein Stammplatz in der Innenverteidigung scheint erneut weit entfernt - also arrangiert sich Boateng mit der Situation. In der Nationalmannschaft punktet er als Rechtsverteidiger jedenfalls fleißig weiter.

Philipp Lahm war etwas zu weit aufgerückt, Holger Badstuber leistete sich einen seiner wenigen Stellungsfehler. Der Pass durchschnitt die deutsche Viererkette auf ihrer linken Seite, der türkische Angreifer Burak Yilmaz hatte sich im Rücken der deutschen Innenverteidigung davon geschlichen und plötzlich jede Menge freien Raum vor sich.

Doch Jerome Boateng hatte die Situation schnell erkannt. Er löste seine Position rechts in der Viererkette bereits vor dem Pass aus dem türkischen Mittelfeld in die Spitze auf, eilte quer durchs Zentrum und löste die knifflige Aufgabe wie aus dem Lehrbuch für Innenverteidiger.

Boateng drängte den Gegenspieler ab, blieb im Zweikampf stabil und bereinigte die Situation vor Manuel Neuer mit einem akkuraten Tackling. Yilmaz hatte gar keine Möglichkeit, irgendwie zu einem Torabschluss zu kommen.

Überragende Anlagen

Es ist nicht überliefert, wie Matthias Sammer diese Szene daheim auf der Couch verfolgte. Sie dürfte ihm aber zumindest ein zufriedenes Lächeln abgerungen haben.

Jerome Boateng ist seit einigen Jahren einer der Lieblingsschüler Sammers, der den gebürtigen Berliner in seiner Zeit als Sportdirektor durch die Jugendabteilungen des DFB begleitet, gefordert und gefördert hatte und der nicht müde wird, dessen überbordendes Talent zu loben.

Sammer sieht "überragende Anlagen, sowohl in der Defensive, als auch offensiv" und einen der Besten in Deutschland auf seiner Position. Aber genau das ist der Knackpunkt bei Jerome Boateng: Er ist ein Wanderer zwischen den Welten. Unfreiwillig, weil für ihn schon längst klar ist, dass seine Heimstatt auf Dauer nur in der Innenverteidigung sein kann.

Als Innenverteidiger Europameister

"Man muss Jerome gut kennen, um ihn beurteilen zu können", sagt Sammer. "Seine Bewegungen wirken mitunter etwas unruhig und staksig, und wer ihn nicht kennt, neigt dazu, in der Innenverteidigung eine vermeintlich sicherere Variante zu wählen. Aber wenn man Jerome vertraut, ist er der perfekte Innenverteidiger."

Nur steht Sammer mit dieser Einschätzung offenbar ziemlich alleine da. Boateng wurde vor vier Jahren von Hertha BSC zum Hamburger SV gelockt, Huub Stevens wollte ihn im Abwehrzentrum zu einer Größe aufbauen. Nach nur einem Jahr war Stevens weg und Martin Jol folgte.

Unter Jol erlebte Boateng eine schwere Zeit, wurde vom Niederländer kaum berücksichtigt und wenn, dann auf die rechte Seite in der Viererkette gesteckt. Nach einer überragenden U-21-Europameisterschaft schien er endlich auch die nötige Reputation zu haben.

Auf den Tribünen in Göteborg und Malmö sollen sich ausländische Scouts verwundert die Augen gerieben haben. Ob der denn immer so spiele? So kühl, abgeklärt, unaufgeregt - schlicht perfekt. Daheim in Hamburg aber wurden nach den Eindrücken aus Schweden nicht die folgerichtigen Konsequenzen gezogen.

Von Mancini enttäuscht

Unter Bruno Labbadia durfte Boateng zunächst in der Innenverteidigung ran. Dann kamen Verletzungen, die Mannschaft spielte immer schlechter, Labbadia scheute das vermeintliche Risiko und Boateng landete wieder direkt neben der Außenlinie.

Erst der Anruf von Roberto Mancini schien die Odyssee zu beenden. Manchester City sicherte sich nach einer ordentlichen Weltmeisterschaft die Dienste Boatengs, mit dem klaren Versprechen, den Deutschen auf alle Fälle und nur in der Innenverteidigung einzusetzen.

In der Realität sah das dann so aus, dass für Boateng bei den Citizens kein Platz war im Defensivzentrum. Also wieder: rechts raus, auf die Chance lauern, ruhig bleiben. Gar nicht so einfach, wenn die Versprechen der Gegenseite plötzlich nichts mehr wert sind.

"Ich habe Roberto Mancini vor dem Wechsel gesagt, dass ich nur nach Manchester komme, wenn ich innen spiele. Deshalb war es ein bisschen ärgerlich, dass ich rechts spielen musste", machte sich Boateng im SPOX-Interview zumindest ein wenig Luft.

Flexibilität als Ärgernis?

Als dann im Sommer die Bayern einen erneuten Versuch wagten, musste er nicht lange überlegen. Und die Bayern mussten nicht lange betteln.

"Es war nicht schwer, Jerome zu überreden, da wir ihm erklärt haben, ihn auf seiner besten Position in der Innenverteidigung aufzustellen", sagte Christian Nerlinger auf der ersten Pressekonferenz etwas voreilig.

Denn bis heute halten sich Boatengs Einsätze auf "seiner besten Position" doch sehr in Grenzen. Die Gefahr, doch schon wieder verbannt zu werden auf die rechte Seite, schien mit dem Transfer von Rafinha zum Rekordmeister eigentlich gebannt.

Aber schon nach dem ersten Viertel der Saison ist klar, dass ihm seine Flexibilität und die Rotation von Trainer Jupp Heynckes einen Strich durch den schönen Plan machen.

"Ich mag es einfach, zentral zu spielen. Da habe ich das Feld vor mir und den Ball oft am Fuß. Auch meiner Größe kommt die Position mehr entgegen als auf der Außenbahn", sagt Boateng und es kann ihm dabei niemand widersprechen.

Starke Leistungen zuletzt auf rechts

Und trotzdem bleibt er der Unstete, der mal hier, mal dort eingesetzt wird. Und der in einer kleinen Zwickmühle steckt. In der Nationalmannschaft ist die Chance auf einen Platz in der Innenverteidigung durch die massive Konkurrenz kleiner - zumindest verglichen mit der, sich auf der rechten Abwehrseite eine sichere Stelle zu sichern.

Hier hat der Bundestrainer ein Problem, seit Philipp Lahm wieder nach links gewandert ist und eine dauerhafte Lösung gesucht wird. Hier ist die Konkurrenz nicht so üppig und schon gar nicht von echten Spezialisten durchdrungen. Der gelernte Mittelfeldspieler Christian Träsch wurde gegen Brasilien getestet und fiel durch.

Der gelernte Innenverteidiger Benedikt Höwedes konnte gegen Österreich nur eine Halbzeit lang mitwirken und machte gegen einen schwachen Gegner nicht den Druck nach vorne, den man sich hätte erwarten können.

Boateng ersetzte Höwedes damals und hatte gleich ein paar starke Offensivszenen, unter anderem verpasste er bei einem Schuss aus kurzer Distanz sein erstes Länderspieltor.

Lob vom Bundestrainer

Überhaupt hat er jedes Länderspiel bestritten, seit er Angestellter der Bayern ist. Davor war er verletzt, hatte die Endphase der letzten Saison in Manchester komplett verpasst. Der Meniskus streikte, im März ließ sich Boateng operieren.

Um schneller wieder den Anschluss zu finden bei seinem neuen Arbeitgeber hat er im Sommer seine Ferien freiwillig im US-Camp von Fitnesstrainer Mark Verstegen verbracht. So etwas wie die Doppelbelastung aus Ligabetrieb und europäischem Wettbewerb kannte Boateng ja kaum noch, dafür war er zu viel verletzt.

Zuletzt in Hoffenheim war er bis zehn Minuten vor Spielbeginn als Innenverteidiger neben Daniel van Buyten vorgesehen. Dann verletzte sich Rafinha beim Warmmachen und Boateng musste schon wieder auf der ungeliebten Position ran.

Nur: Auch hier zeigte er erstaunlichen Offensivgeist, kreuzte einige Male gefährlich im gegnerischen Strafraum auf. Fast scheint es so, als könne er sich langsam mit der Situation arrangieren. Die Partie am Samstag in Istanbul bestätigte diese Vermutung nur noch.

"Die Entscheidung für Jerome ist gefallen, weil er das zuletzt auch bei den Bayern gut gespielt hat. Er hat nach vorne eine große Wucht. Er muss zwar noch Dinge verbessern, hat die Aufgabe in der Türkei aber gut erledigt", lobte ihn Joachim Löw nach der Partie.

Suche nach der Defensivformel

Der Bundestrainer mag auf seiner Suche nach der perfekten Formel für die Titelkämpfe im nächsten Jahr in der Offensive schon recht weit sein. Defensiv gibt es noch einiges zu manifestieren.

Von zehn Spielen im Jahr 2011 hat Deutschland nur eines zu Null absolviert, in den letzten acht Partien setzte es wenigstens einen Gegentreffer pro Spiel.

In den letzten drei Jahren hat Löw in 44 Länderspielen acht Innenverteidiger aufgestellt und diese in 13 verschiedenen Konstellationen spielen lassen. Bis heute hat sich keiner der Kandidaten als unverzichtbar erwiesen.

Dazu betont Löw immer wieder, dass "man in Deutschland diese Idee mit elf Stammspielern jetzt mal vergessen muss. Wir brauchen Spieler, die flexibel ins Team rücken können."

Löw orientiert sich in seinen Vorstellungen an Spanien. Dort sind in der Seleccion, bei Real Madrid und in Barcelona drei der vier Positionen der Viererkette mit gelernten Innenverteidigern besetzt.

Bei offensiv ausgerichteten Mannschaften eine Notwendigkeit, wenn sich der zweite (gelernte) Außenverteidiger immer wieder mit ins Mittelfeld schiebt und für die Absicherung die Qualitäten eines Innenverteidigers gefragt sind. Ein schönes Beispiel dafür lieferte Jerome Boateng in der Türkei.

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