Stilsicher und fair

Von Stefan Rommel
Montag, 10.10.2011 | 18:29 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft hat bisher alle Spiele in der EM-Qualifikation gewonnen
© Getty
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Die deutsche Nationalmannschaft will die EM-Qualifikation mit einem Sieg gegen Belgien abschließen. Nicht nur des Rekords wegen, sondern weil die Mannschaft den Schwung des Jahres mitnehmen will. Und weil der Konkurrenzkampf im Team auch kaum noch Nachlässigkeiten zulässt.

Die letzte Stippvisite in Düsseldorf war eigentlich komplett zum Vergessen. An einem nass-kalten Abend im Februar 2009 versuchte sich die deutsche Nationalmannschaft vergeblich am norwegischen Beton. Am Ende siegten die Skandinavier nach 73 Jahren wieder auf deutschem Boden, zuletzt gelang ihnen das bei den Olympischen Spielen von Berlin.

Schlechte Erinnerungen an Düsseldorf

Bastian Schweinsteiger, damals noch ein Spieler auf der deutschen Außenbahn und auch in einigen Aussagen noch nicht auf dem Niveau von heute, gab danach relativ freimütig zu, die Mannschaft hätte mit gebremstem Engagement gespielt. Schließlich hatte die Partie nur Testspielcharakter. Schweinsteiger war mit seiner Sicht der Dinge nicht der einzige im DFB-Team.

Die 45.000 Zuschauer in der Arena durften sich ein wenig verschaukelt vorgekommen sein, viele vor den Fernsehgeräten fühlten sich bestätigt: Es war ein leider zu oft auftretendes Phänomen, dass sich eine deutsche Mannschaft in einer Partie ohne großen sportlichen Wert gehen ließ.

Es könnte dem Fan Böses schwanen mit dem Blick auf die Partie am Dienstag gegen Belgien. Die deutsche Mannschaft ist längst für die Europameisterschaft qualifiziert, einige wichtige Spieler sind angeschlagen und drohen auszufallen.

"Wir sind stilsicherer geworden"

Nur sind die Vorzeichen diesmal andere. Besonders seit der Weltmeisterschaft im letzten Jahr hat die Mannschaft eine Entwicklung nicht nur im rein sportlichen Bereich genommen, die Bundestrainer Joachim Löw mit einem glücklichen Lächeln zur Kenntnis nimmt.

"Ich muss meiner Mannschaft ein Kompliment machen, was sie zuletzt in der Türkei an Einstellung, Einsatzbereitschaft und Mentalität auf den Rasen gebracht hat", sagte Löw am Montag auf der letzten Pressekonferenz vor dem Spiel in Düsseldorf.

Natürlich sind ihm auch die Fehler von Istanbul nicht verborgen geblieben, "uns sind die ganz klare Ordnung, die Konsequenz und die unbedingte Intensität abgegangen. Deshalb war ich auch nicht vollumfänglich zufrieden."

Und trotzdem weiß Löw sehr gut, dass er sich in den grundlegenden Dingen schon längst auf den Charakter seiner Mannschaft verlassen kann. "Wir sind in den Basisaufgaben sicherer geworden. Wir haben die Dinge noch mehr verinnerlicht seit der WM, sind selbstbewusster. Und: Wir sind insgesamt stilsicherer geworden in den letzten Monaten."

Australien als Ausnahme

Eine Ausnahme gab es in diesem Jahr, beim Test gegen Australien. Den nutzte Löw allerdings zu einem großen Individual-Casting, tauschte die Startelf auf insgesamt acht Positionen auf. Das Vorspielen der vielen Kandidaten endete in einem 1:2.

"Daran erinnere ich mich kaum noch, das ist schon so lange her", witzelte Löw. "Es ging damals darum, dass einzelne Spieler Erfahrungen sammeln sollten. Es stand der Einzelne im Vordergrund bei diesem Spiel", so Löw weiter. Und nicht, wie sonst immer, das Kollektiv.

Konkurrenzkampf sorgt für Druck

Jetzt gegen Belgien läuft für den Trainer und seine Spieler längst die Vorbereitungsphase auf das Endturnier. Löws Pool an Kandidaten steht, der Bundestrainer hat trotz schlummernder Talente wie Nürnbergs Philipp Wollscheid oder dem Schalker Julian Draxler nicht die Absicht, den Kreis noch zu erweitern.

Lieber widmet er sich mit kleinen Sticheleien gegenüber einzelnen Spielern dem tobenden Konkurrenzkampf. Löw kann keinen seiner Spieler damit verletzen, er muss die Dinge nur in einem überschaubaren Rahmen ihren Gang nehmen lassen.

In den letzten Wochen lobte er ungefragt und überdurchschnittlich häufig Toni Kroos. Sami Khediras Antwort folgte zunächst verbal, am Freitag mit einer etwas übertrieben eifrigen Leistung auch auf dem Rasen.

"Ich favorisiere als Trainer immer die Konkurrenzsituation im Kader. Wir müssen in Deutschland wegkommen vom Gedanken an elf Stammspieler und zehn anderen dahinter. Das Thema Stammspieler ist für mich passe."

Sechs Plätze sind umkämpft

Die Reisen zur Nationalmannschaft wurden früher von den etablierten Spielern gerne auch als willkommene Erholungsreise vom Stress im Klub wahrgenommen. Ohne den nötigen Druck aus der zweiten Reihe konnte man sich gerne auch mal ein behäbigeres Länderspiel erlauben.

Die Zahl derer, die sich momentan ähnlich sicher fühlen dürfen, ist relativ gering. Gesetzt sind Torhüter Manuel Neuer, Kapitän Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Mesut Özil und Thomas Müller. Die restlichen sechs Plätze im Team sind derzeit offen.

Rekord nur als Beiwerk

In den letzten Tagen wurde immer wieder jener eigenartige Rekord vorgeschoben, der die Spieler zu höchsten Leistungen anstacheln soll. Diese zehn gewonnen Qualifikationsspiele, die vorher noch keine andere deutsche Mannschaft geschafft hat. Viele Medien bauschen diese nutzlose Bestleistung hoch, die Spieler nehmen die einfache Fragestellung natürlich dankend an.

Dabei geht es letztlich vor allen Dingen darum, den Schwung und die Euphorie des Jahres mit hinüberzunehmen in das neue, das entscheidende Spieljahr.

Anders als in den letzten beiden Kampagnen, als die letzten Pflichtspiele nach erfolgter Qualifikation gegen Tschechien und Finnland abgeschenkt und die deutschen Fans bitter enttäuscht wurden. Der Rekord ist da nur eine beiläufige Randnotiz.

Aus Gründen der Fairness

Und natürlich steht die Mannschaft auch bei den Türken im Wort. Deren Trainer Guus Hiddink erwartet von Deutschland gegen den Konkurrenten um Platz zwei nichts anderes als einen Sieg, "die Deutschen sind hochprofessionell und werden das auch gegen Belgien zeigen."

Es klang dabei zwar auch ein bisschen wie das Pfeifen im Walde, vom Grundsatz her dürfte Hiddinks Hoffnung aber berechtigt sein.

Bei der Partie damals gegen Norwegen gab es neben den vielen Enttäuschungen aber auch eine nachhaltige positive Nachricht.

Mesut Özil entschied sich unwiderruflich für Deutschland und gab sein Debüt im Dress der deutschen Nationalmannschaft.

Bis Dienstag soll seine Achillessehnenverletzung auskuriert sein, Özils Einsatz ist fest eingeplant. Dann kann er dem Land seiner Väter ja vielleicht auf diesem Weg noch einen nützlichen Dienst erweisen.

Ergebnisse & Tabelle: Die Ausgangslage in der Gruppe A

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