Aus einer anderen Zeit

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Freitag, 02.09.2011 | 14:49 Uhr
Miroslav Klose schoss in 110 Länderspielen für die deutsche Nationalmannschaft 61 Tore
© Getty
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Mit dem Wechsel zu Lazio Rom beginnt für Miroslav Klose der letzte Abschnitt seiner Karriere. Einer Laufbahn, die aus dem Raster fällt und heute in der Form unmöglich wäre.

Wenn Miroslav Klose spricht, legt sich lediglich ein leiser Klangteppich in den Raum. Dann erscheint er schüchtern, seine Präsenz ergreift nicht sofort die Oberhand. Das wirkt auf viele farblos, ist aber in Wirklichkeit ein ganz normaler Schutzmechanismus.

Miroslav Klose ist schon zu lange im Geschäft, als dass er sich noch aus der Reserve locken lassen würde. Er war schon immer ein leiser Vertreter seiner Zunft und wird das in den letzten Jahren seiner Karriere auch nicht mehr ändern.

Klose wieder einzige Spitze

Seine forsche Überzeugung, er würde immer spielen, wenn er fit sei, darf für Klose-Verhältnisse deshalb schon als kleine Kampfansage in Richtung Mario Gomez gewertet werden. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es anders kommt", legt er deshalb noch nach.

Wenn Deutschland heute Abend gegen Österreich (20.15 Uhr im LIVE-Ticker) die Qualifikation für die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine auch rechnerisch klarmachen will, wird Klose wieder als einziger Angreifer auf dem Platz stehen.

Klose ist der Spieler in der deutschen Jugendgruppe mit den meisten Einsätzen, er hat schon fast alles gesehen und so immer noch mehr Erfahrung als fünf, sechs seiner Mitspieler zusammen. Eine Sache hat aber auch er mit den Kollegen gemeinsam: Er ist noch ohne Titel auf internationaler Bühne. Weder im Klub, noch auf Verbandseben hat es bisher geklappt.

Nur noch zwei Chancen

Das Problem: Klose ist als einziger in den 70ern geboren, vor wenigen Wochen hat er seinen 33. Geburtstag gefeiert. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, genau genommen maximal noch zwei Turniere, die EM im nächsten Jahr und unter Umständen auch noch das Weltturnier 2014 in Brasilien.

Der "Makel" der frühen Geburt hat Klose nicht - wie fast alle seiner Kollegen - in eines der reformierten DFB-Förderprogramme gespült. Seine Jugend und sein erstes Jahr im Herrenbereich hat er beim SG Blaubach-Diedelkopf gespielt, in der Bezirksliga Westpfalz. Bundesligaluft schnupperte Klose damals allenfalls auf der Westtribüne im Fritz-Walter-Stadion, als Fan.

Als der DFB im Jahr 2000 nach dem krachenden Aus bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden endlich seine Jugendausbildung umkrempelte, war Klose mit damals 22 Jahren den enger gesponnenen Netzen längst entwachsen.

Trotzdem schaffte er es innerhalb von drei Jahren aus der Bezirksliga in die Nationalmannschaft. Heute ist ein derartiger Sprung definitiv nicht mehr zu realisieren. Die großen Klubs greifen die Jugendlichen ab, stecken sie in ihre Ausbildungszentren und spucken mittlerweile Talente fast wie am Fließband aus.

Klose: "Möglichkeiten größer, als zu meiner Zeit"

Klose ist ein Spieler aus einer anderen Zeit, er hat nicht die Ausbildung genossen wie seine jungen Kollegen. Das mag auf den ersten Blick ein großer Nachteil sein. "Ich war nie in einem Nachwuchsleistungszentrum eines Bundesligisten oder einer U-Nationalelf wie die Spieler heute", sagt er. "Sie bringen viel mehr Rüstzeug mit und sind technisch viel weiter als wir damals. Die Möglichkeiten, ein großer Fußballer zu werden, sind größer als zu meiner Zeit."

Er grämt sich deshalb aber nicht - weil er weiß, dass er es auf dem zweiten Bildungsweg geschafft hat. Klose hat sich im Laufe seiner Karriere selbst zu dem Profi gemacht, der er heute ist.

Löw: "Miro geht Dinge selbst an"

In ihm schlummerte lange viel unentdecktes Potenzial. Und wo er Defizite erkannte, arbeitete Klose mehr an seinen Fehlern und Schwächen als das Gros seiner Bundesligakollegen. Er schulte seinen schwächeren Fuß, studierte und analysierte Gegenspieler und Gegner, baute immer mehr Muskelmasse auf, machte sich in individuellen Trainingseinheiten fit.

"Miro wusste schon früher selbst am besten, was er zu tun hat. Er geht die Dinge selbst aktiv an. Das wird er jetzt auch in Rom so handhaben", sagt Bundestrainer Löw.

So hat er es bis heute auf fünf Teilnahmen an großen Turnieren, 110 Länderspiele und 61 Tore gebracht. Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass er die magische und lange Zeit für uneinholbar gehaltene Marke von 68 Toren von Gerd Müller bald pulverisieren wird. Mit nur einem einzigen Tor in drei Jahren in Brasilien würde er Ronaldo mit 15 Treffern bei Weltmeisterschaften einholen.

Vor ein paar Wochen hat er in München seine Koffer gepackt und ist nach Italien gezogen. Bei Lazio Rom will er seiner Karriere eine neue Wendung geben. "Ich wollte eine neue Erfahrung machen im Ausland. Und bei Lazio ist alles top. Es ist genau so, wie wir uns das gewünscht haben."

Das leichte Leben in der ewigen Stadt hat es ihm schnell angetan, hier lernt er nicht nur für den Fußball, sondern auch fürs Leben.

"Mir gefällt die entspannte Mentalität der Italiener. Ich spüre jetzt, wie gut mir das tut nach 13 Jahren Bundesliga in Deutschland. Ich war in dieser Zeit immer sehr pflichtbewusst und bin nur ein Mal zu spät zum Training gekommen. Und das auch nur, weil die Autobahn gesperrt war."

Pflichtbewusst und korrekt

Klose erfährt eine neue Facette der Gelassenheit. So ruhig und bedacht er als Persönlichkeit ist, so pflichtbewusst und korrekt war er immer als Profi. Da muss er in Italien offenbar ein wenig flexibler werden, aber er will das gerne annehmen. "Wenn um 9.30 Uhr Abfahrt ist, regt sich niemand auf, wenn ein Spieler um 9.40 Uhr kommt. Für mich ist es gut zu erfahren, dass es auch anders geht."

Bei Lazio findet er eine Nationalmannschaft in kleinerem Format vor. Trainer Edi Reja lässt im 4-2-3-1 spielen, mit Klose als Keilstürmer ganz vorne drin. Flankiert wird er von Djibril Cisse und Stefano Mauri. In Rom waren sie schnell begeistert von Klose, von dessen Fleiß und Einsatzwillen, selbst im Training. Lazio wird von den Tifosi und den Experten des Landes in dieser Saison sehr hoch gehandelt.

Klose muss nur fit sein

"Klose und Cisse ergänzen sich schon perfekt: Klose ist technisch einen Tick besser, Cisse erkennt sehr gut die freien Räume. Auf dem Platz können sie beim Gegner großen Schaden anrichten", sagt Trainer Reja.

Löw freut sich auf den wandlungsfähigen Klose. "Er kann sich schnell auf neue Dinge einstellen, auch auf die etwas andere Art von Fußball in Italien. Ich erwarte, dass er sich mit Mario Gomez im positiven Sinne bekämpft, um den Platz bei uns im Sturm."

Miroslav Klose geht den Konkurrenzkampf ganz entspannt an, wie auch sonst. Er muss nur zur rechten Zeit fit sein. Dann wird er auch immer spielen.

Miroslav Klose im Steckbrief

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