Das 4-2-4-System beim DFB?

Aufruhr im Angriff

Von Stefan Rommel / Haruka Gruber
Donnerstag, 22.09.2011 | 10:52 Uhr
Miroslav Klose mit seinen "Nachfolgern" Mesut Özil und Mario Götze
© Getty
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Das 4-2-4-System feiert seine leise Rückkehr auf die Bühne. Auch beim Deutschen Fußball Bund gilt die Variante als mögliche Lösung für die Zukunft. Bei der U 20 wird bereits mit vier offensiven Spielern und ohne "echten" Mittelstürmer experimentiert.

Jahrzehnte lang hatte es sich der deutsche Fußball gemütlich gemacht. Er hat gewiss viele Titel gewonnen, je drei Welt- und drei Europameisterschaften. Aber er ist irgendwann auch träge und bequem geworden.

Deutschland war nie der Reformator des Welt-Fußballs, keine der vielen taktischen Errungenschaften der letzten einhundert Jahre hatte ihre Keimzelle irgendwo im größten Sportfachverband der Welt. Die Evolution des Spiels haben deutsche Mannschaften kaum einmal beeinflusst; neue, aufregende Ideen und Konzepte wurden woanders entwickelt.

Zu bequem gelebt

Das muss keine zwingend schlechte Eigenschaft sein, immerhin haben der Verband und seine Klubs immer sehr gut die Ideen anderer adaptiert und schließlich gaben die zahllosen Erfolge vielen Generationen auch Recht.

Seit 15 Jahren wird dieser entscheidende Indikator aber nicht mehr gefüttert. Bayern München hat seitdem noch einmal die Champions League gewonnen, mehr nicht. Kein Triumph mehr bei Welt- oder Europameisterschaften, keine UEFA-Cup-Siege.

Vereine aus Russland, Portugal, den Niederlanden, der Türkei und der Ukraine dagegen schon. Spanien, davor 40 Jahre lang ohne Titel auf Verbandsebene, hat die Europa- und die Weltmeisterschaften gewonnen.

Klose, Gomez - lange nichts

Vor ein paar Jahren ist der DFB aufgewacht und hat die Defizite erkannt. Seitdem richtet er sich im Rahmen seiner Möglichkeiten innovativ aus. Es wird entwickelt und experimentiert, der Weg ist das Ziel, wobei das Ziel trotz guter Ansätze in den letzten Jahren aber auch immer wieder verfehlt wurde.

Miroslav Klose wird eine relativ neue Entwicklung auf seiner Jagd nach dem Jahrhundertrekord wohl nichts mehr anhaben können. Klose stürmt seit zehn Jahren für die Nationalmannschaft. Längst hat er sich eingereiht in die Galerie der großen deutschen Torjäger, Morlock, Seeler, Müller, Streich, Rummenigge, Völler.

Sechs Tore fehlen ihm noch, um den Bomber einzuholen. Dann hat er wie Gerd Müller 68 Tore für Deutschland erzielt, kaum jemand zweifelt daran, dass er die Marke in naher Zukunft knacken wird. Aber Miro Klose ist mittlerweile 33 Jahre alt, vielleicht erlebt er die WM 2014 in Brasilien noch als aktiver Spieler, dann dürfte Schluss sein.

Dahinter hat der deutsche Fußball in Mario Gomez noch einen, der das Profil des klassischen Torjägers ausfüllt. Danach kommt lange nichts. Völlig gegensätzlich dazu spucken die Ausbildungsbetriebe der Bundesligavereine seit ein paar Jahren einen hervorragend ausgebildeten Mittelfeldspieler nach dem anderen auf den Markt.

Wormuth experimentiert

Unweigerlich stellt sich deshalb beim DFB die Frage, wie auf die zu erwartende Fluktuation im Angriff zu reagieren sei. Frank Wormuth, Trainer der deutschen U-20-Auswahl und Leiter der Fußballlehrerausbildung beim DFB, versucht sich dabei an einem Modell, das kaum bemerkt von einigen Mannschaften in Europa immer öfter eingesetzt wird.

In der internationalen Spielrunde der U 20 hat Wormuth seine Mannschaft in den Partien gegen Polen und die Schweiz in einem verwässerten 4-2-3-1 ohne Keilstürmer aufs Feld geschickt. Kevin Volland, Florian Trinks und Patrick Herrmann hatten leicht versetzt Lennart Thy vor sich. Vier offensiv denkende Freigeister.

"Da sind vier Typen vorne drin, die keine typischen Keilspitzen sind, sondern sich überall auf dem Platz bewegen können", erklärt Wormuth seine Idee im Gespräch mit SPOX. "Bei uns ist das jetzt eingeführt worden."

Jobbeschreibung verändert

Thy spielt in Werder Bremens zweiter Mannschaft - sofern er nicht bei den Profis auf der Bank sitzt - als eine von zwei Spitzen. Dass er sich beim DFB in einer modifizierten Rolle trotzdem zurechtfindet, ist seiner sehr guten und variablen Ausbildung zu verdanken.

Der 19-Jährige mag im deutschen Fußball noch keine große Nummer sein. Seine Grundlagen entsprechen aber schon den Erfordernissen der Zukunft. Die Jobbeschreibung des Torjägers hat sich mit der rasanten Geschwindigkeit des modernen Spiels und der Verteidigung im Raum gewandelt.

Wenn früher der Mittelstürmer den Torabschluss suchte, geschah das nahezu immer aus einer zentralen Position heraus, im oder kurz vor dem Strafraum. Heute verteilen sich die Torabschlüsse einer variabel spielenden Mannschaft in der Peripherie und vor allem auf mehrere Schultern.

Van Nistelrooy: 150 Tore und trotzdem weggeschickt

Mario Gomez hat bei den Bayern in zwei Jahren lernen müssen, dass mehr dazu gehört als "nur" den Ball ins Tor zu schießen.

Ruud van Nistelrooy, einer der begnadetsten Knipser der letzten 15 Jahre, erzielte in 215 Spielen sagenhafte 150 Tore für Manchester United. Und trotzdem wurde er von Alex Ferguson nach Madrid "weggelobt": United gewann trotz der Van-Nistelrooy-Tore nur einen einzigen Titel. Davor und danach jeweils drei in Folge.

Die Anforderungen an einen Angreifer haben sich stark verändert. Reinen Spezialkönnern wie Van Nistelrooy, Gabriel Batistuta, Roy Makaay oder Pippo Inzaghi sind längst Alleskönner wie Leo Messi, Cristiano Ronaldo, Carlos Tevez oder Wayne Rooney gefolgt.

Trainer attestieren diesen Spielern gerne "polyvalente" Fähigkeiten und Fertigkeiten. Neben zahlreichen Offensivstärken arbeiten alle auch nach hinten mit.

U-20-Auswahl als Testballon

Das Angebot an solchen Spielertypen ist in Deutschland enorm, die Spielweise der Nationalmannschaft ließe ein 4-2-4 ohne weiteres zu. "Der FC Barcelona hat gezeigt, dass man ohne klassische Keilspitze hervorragend spielen kann", sagt Wormuth. Seine U 20 kann man durchaus als eine Art Testballon begreifen, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

"Derzeit kommen die Spieler noch nicht ganz so klar mit ihrer Freiheit", gibt Wormuth zu. Er nennt dann aber gleich das Beispiel des SC Freiburg, wo Ex-Trainer Robin Dutt im 4-1-4-1 von seinem Vierer-Mittelfeld zwischen Spitze und Sechserposition eine enorme Flexibilität eingefordert hat.

Ur-Form der heutigen Spielsysteme

Seinen ersten Siegeszug erlebte das 4-2-4 bereits vor über 50 Jahren, Brasilien wurde mit dem blutjungen Pele 1958 Weltmeister. Es war die Erfindung der Viererkette, weg vom WM-System (3-2-2-3) mit drei Verteidigern, die beiden Doppelschichten im Mittelfeld opferten je einen Spieler für die Defensive und die Offensive. Im Prinzip die Ur-Form aller heute gängigen Spielsysteme.

Das Spiel ohne Ball und die Beschleunigung aus dem Mittelfeld heraus sind dabei früher wie heute die zentralen Eckpfeiler der Angriffsstrategie. Durch die Besetzung der Außenlinien mit zwei Flügelspielern wird das Spiel in die Breite gezogen. Der Ball wird im Mittelfeld festgemacht, also oft gepasst.

Beschleunigung aus dem Mittelfeld

Die Auslösehandlung für die Tempoverschärfung kann erfolgen, wenn der "falsche Mittelstürmer" einen der Innenverteidiger für einen kurzen Moment aus der Viererkette herauszieht und somit in dessen Rücken die Lücke frei wird, in die einer der anderen drei Offensivspieler stößt.

Oder aber, wenn einer der Flügelspieler einläuft und der Passwinkel für das Zuspiel aus der Zentrale in die Tiefe entsteht. Unterstützt wird die Aktion durch einen der beiden Sechser. Der andere hat dabei immer abzukippen und die Grundsicherung zu wahren, die Gefahr des Konters bei einem Ballverlust im Mittelfeld wäre einfach zu groß.

Immerhin erleichtert es aber das frühe Pressing. Die Mitte ist dichter besetzt und zieht sich schneller zu, der Ball wird früh nach außen abgedrängt oder der Gegner zu einem weiten hohen Ball gezwungen: Beides erwünschte Szenarien, um leichter Zugriff auf Ball und Gegner zu bekommen.

Angreifer als Gebrauchsgegenstand

Die Ausbildung der Spieler ist für die neue, alte Spielidee von zentraler Bedeutung. Jose Mourinho wurde in seiner Zeit als Trainer beim FC Chelsea nicht müde, das englische Ausbildungssystem scharf zu kritisieren. "Ich kann nicht verstehen, warum die Engländer ihre Spieler nicht variabler und multifunktionaler ausbilden! Jeder von ihnen lernt genau eine Position und spielt dann nur auf dieser Position", zürnte Mourinho.

"Aber für mich ist ein Stürmer nicht bloß ein Stürmer. Das ist ein Spieler, der sich viel bewegen muss, er muss Laufwege im Kopf haben, vorbereiten, Lücken reißen, Flanken schlagen."

Nicht nur der Portugiese sieht seinen Angreifer als Gebrauchsgegenstand im Kontext der gesamten Mannschaft. Die Ausnahmestellung des Mittelstürmers und dessen heldenhaften Taten sind ein Relikt aus alten Tagen.

Beckenbauer: 4-2-4 im Jugendbereich

Vor einigen Jahren aber galt auch in Deutschland noch eine ähnlich rigide Sichtweise. Sportdirektor Matthias Sammer verordnete dem deutschen Nachwuchs ein einheitliches 4-4-2, von der U 15 bis zur U 21. Mittlerweile - auch, weil die A-Nationalmannschaft seit knapp drei Jahren in einer anderen Grundaufstellung agiert - ist diese strenge Vorgabe aber aufgeweicht.

Franz Beckenbauer hat bereits vor fünf Jahren in einer seiner Kolumnen ein Plädoyer für den Individualismus im Jugendbereich gehalten. "Ich bin der Meinung, dass zumindest die Nachwuchsspieler zwischen zwölf und 17 Jahren nicht auf ein einziges System gedrillt werden sollen", schrieb Beckenbauer damals.

"Für die Kleinen empfehle ich als Alternative 4-2-4. Ja, vier Stürmer! Sollen die jungen Burschen nach vorne rennen, in die Zweikämpfe gehen, dribbeln, über die Flügel marschieren. Das lernen sie so viel besser. Sie werden noch früh genug in ein anderes taktisches Schema gepresst."

Viele Übungseinheiten nötig

Die letzten Jahre haben längst den vielseitigen Stürmer geboren, auch wenn Wormuth sagt: "Wenn man einen Gomez hat, der vorne drin steht und jedes Mal seine Tore macht, spricht nichts gegen eine Keilspitze." Allerdings: "Schon einige Mannschaften im Ausland haben gezeigt, dass das 4-2-4 ein gutes Mittel ist." Zuletzt auch 1899 Hoffenheim in der Bundesliga, zumindest phasenweise im Spiel.

Nur ist auch die Variante ohne echten Mittelstürmer für die deutsche Nationalmannschaft mit einem großen Aber versehen: Abgesehen von dem immer noch probaten Mittel, auch mal nach einem langen Schlag auf den zweiten Ball zu gehen, bedarf es sehr vieler Übungseinheiten, um aus einem positiven Chaos kein defensives Desaster werden zu lassen.

"Natürlich muss das eingespielt sein. Wir haben beim DFB die Spieler immer nur drei Tage, das reicht nicht", gibt Wormuth offen zu. Nur zahlreiche Wiederholungen schärfen das Gefühl für das das richtige Timing, einzig im Vorfeld eines großen Turniers bietet sich dafür die Möglichkeit.

"Ein 4-2-4 im Verein ist locker möglich"

Wormuth hat allerdings durchaus auch die Hoffnung auf Unterstützung aus den Vereinen. "Wenn man ein 4-2-4 aber im Verein einführen will, ist das locker möglich. So lange jedem Spieler klargemacht wird, dass er - auf welcher Position er auch immer ist - seine der Position vorgegebenen defensiven Aufgaben zu erfüllen hat!"

Das 4-2-4 ist keine bahnbrechende neue Erfindung, eher erlebt es seine Renaissance.

Es stellt eine Angriffsoption dar, die sich an den über die letzten Jahre veränderten Fähigkeiten seiner Protagonisten orientiert.

Der Deutsche Fußball Bund hat das offenbar erkannt. Vielleicht mag er in die Rolle des Vorreiters schlüpfen, dieses eine Mal.

Frank Wormuth im Steckbrief

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