Vorsicht vor dem großen Hype

Von Interview: Jochen Tittmar
Steffen Freund (l.) wurde mit der deutschen U 17 WM-Dritter
© Getty

Erst Vize-Europameister, nun der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft in Mexiko - die deutsche U 17 hat eine starke Saison hinter sich. Im Interview spricht Trainer Steffen Freund allerdings eine Warnung aus und erklärt das erfolgreiche Abschneiden und seine Art des Coachings. Türkeis Erdal Keser attackiert er scharf.

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Das 4:3 gegen Brasilien war der krönende Abschluss einer starken Weltmeisterschaft der deutschen U 17. Mit dem Sieg sicherte sich die DFB-Auswahl Platz drei.

"Meine Mannschaft hat wenige Tage nach der großen Enttäuschung ein fantastisches Comeback gegeben. Sie hat es geschafft, das verlorene Halbfinale im Laufe des Spiels abzuhaken. Das Spiel haben wir völlig verdient mit 4:3 gewonnen. Das Team hat eine Moral und einen Willen gezeigt, wie man es nicht oft sieht. Ich ziehe den Hut vor dieser Mannschaft", sagte Trainer Steffen Freund.

Im Interview spricht er eine Warnung aus und erklärt das erfolgreiche Abschneiden und seine Art des Coachings. Türkeis Erdal Keser attackiert er scharf.

SPOX: Herr Freund, im SPOX-Interview vor Turnierbeginn haben Sie nicht an einen mühelosen Verlauf der WM-Vorrunde geglaubt. War das bewusstes Understatement?

Steffen Freund: Ganz im Gegenteil. Ich weiß aus meiner Zeit als Fußballer, wie eng es bei Turnieren auf allerhöchstem Niveau ist und wie schnell dort Dinge passieren können, mit denen im Vorfeld keiner rechnet.

SPOX: Aber 11:1 Tore sprechen zumindest in der Gruppenphase nicht dafür, dass es dort eng zuging.

Freund: Sehen Sie, wir haben uns im letzten Moment für die WM qualifiziert. Da kann ich doch nicht den großen Sprücheklopfer geben. Zumal das dann auch unnötig Druck auf die Mannschaft ausgeübt hätte. Es hat der Mannschaft extrem geholfen und sie in der Gruppenphase auch getragen, nur von Spiel zu Spiel zu denken. Es war der richtige Weg.

SPOX: Ihr Team ist nun über mehrere Wochen zusammen gewesen. Wie haben Sie einem Lagerkoller vorgebeugt?

Freund: Ich denke, ich habe so etwas wie die nötige Lockerheit. Man muss mit einer gewissen Portion Selbstironie und Selbstkritik auch einmal über sich selbst lachen können. So erkennen die Spieler, dass man authentisch ist. Wir lachen viel miteinander, es macht unheimlich viel Spaß zusammen. Wir haben auch einiges vor Ort unternommen. Sei es ein gemeinsames Essen außerhalb des Hotels, ein Besuch bei einem sozialen Projekt oder ein Ausflug in die Stadt. Es darf für die Jungs nicht immer nur die Trainingseinheiten und das nächste Spiel geben.

SPOX: Wenn die Partien aber liefen, zeigte Ihr Team große Qualitäten in der Offensive. Darunter litt allerdings auch hin und wieder die Defensive. Ist die Suche nach der richtigen Balance die größte Schwierigkeit, wenn man Jugendteams trainiert?

Freund: Die richtige Balance zwischen Offensive und Defensive ist der Schlüssel zum Erfolg. Diese Erkenntnis und auch die Qualität der Spieler haben sich im Vergleich zu früheren Zeiten sehr geändert. Heute ist es zwingend notwendig, die Qualitäten in der Offensive nicht für die defensive Kompaktheit zu opfern. Da ist jeder Spieler gefordert. Spieler wie Samed Yesil, Marvin Ducksch, Okan Aydin oder Levent Aycicek haben das mittlerweile auch verinnerlicht und wissen nun, dass sie nicht nur für die Offensive zuständig sind.

SPOX: In welchen Bereichen steckt für zukünftige Aufgaben noch Entwicklungspotential im deutschen Team?

Freund: Die Spieler müssen sich in allen Bereichen kontinuierlich verbessern und weiterentwickeln. Die Erfahrungen bei der EM und WM haben die Jungs jetzt noch einmal ein Stück näher an den letzten Schritt gebracht, den Sprung in den Profibereich schaffen zu können. Das gilt sowohl für die sportliche Stärke, als auch für die charakterliche Weiterentwicklung. Dennoch müssen wir vorsichtig sein.

SPOX: Warum?

Freund: Die Spieler entwickeln sich in diesem Alter extrem schnell. Das Problem ist, dass im gesamten Umfeld der Einfluss von Beratern, Freunden oder Familie immens groß wird. Auch die Medien sind teilweise zu überschwänglich. Ein oder zwei gute WM-Spiele und ein Samed Yesil soll zum Beispiel plötzlich der zukünftige Torjäger von Bayer Leverkusen sein? Damit tut man dem Jungen keinen Gefallen. Junge Spieler werden so mit einer Situation konfrontiert, der sie gar nicht gewachsen sein können. Wir müssen unseren Talenten das richtige Umfeld geben und die Zeit, sich Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Dann werden wir noch viel Freude an ihnen haben.

SPOX: War das aber nicht schon immer so oder zumindest ähnlich?

Freund: Zu meiner Zeit musste man in der Bundesliga über einen längeren Zeitraum konstant gute Leistungen zeigen, damit Berti Vogts eventuell mal zum Hörer gegriffen hat. Meine Spieler sind auf einem guten Weg, es in die Bundesliga zu schaffen. Bis dahin sollte man aber nicht aufgrund irgendwelcher Schlagzeilen meinen, man hätte bereits etwas erreicht. Und wenn es eines Tages zum ersten Bundesligaspiel kommt, dann ist das erst der Anfang. Das müssen die Spieler verinnerlichen, damit sie den Blick aufs Wesentliche nicht verlieren.

SPOX: Ist das für Sie auch ein Grund dafür, weshalb sich DFB-Sportdirektor Matthias Sammer kürzlich so vehement über Erdal Keser und die angeblichen Abwerbungsversuche der Türkei beschwert hat?

Freund: Herr Keser hat sich schon des Öfteren zu Wort gemeldet. Ich nehme ihn nicht ernst. Unsere Spieler haben sich bewusst für Deutschland entschieden und sind mit ganzem Herzen dabei. Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wir schaffen beim DFB außerdem Bedingungen, die die Spieler weiterbringen - und das wissen unsere Jungs sehr zu schätzen. Das alles trägt dazu bei, dass sich die Spieler beim DFB zuhause fühlen.

SPOX: Unmöglich, dass später einmal ein Spieler den Verband doch noch wechselt, ist es aber nicht.

Freund: Klar, Spieler mit Migrationshintergrund können noch einmal den Verband wechseln. Sollten sie es tun, können sie laut FIFA-Regeln aber nicht mehr zurück zum DFB kommen. Ein Wechsel im Jugendbereich wäre also unsinnig. Und wenn ein Spieler es schlußendlich nicht in die Deutsche Nationalmannschaft schafft, dann finde ich es legitim, wenn er andere Möglichkeiten in Betracht zieht. Diese Frage stellt sich aber erst in einigen Jahren. Jetzt ist das kein Thema.

SPOX: Das Spiel gegen Brasilien war Ihr letztes auf der Bank der U 17, zur kommenden Saison arbeiten Sie eine Altersklasse tiefer. Gab es nicht die Überlegung, noch eine Weile länger als U-17-Trainer zu arbeiten?

Freund: Die Überlegung, die Mannschaft nächstes Jahr in der U 18 weiter zu betreuen wurde kurz diskutiert, da noch nicht hundertprozentig feststeht, welcher Trainer das Team in der kommenden Saison übernimmt. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hat dann entschieden, einen neuen Trainer mit der Mannschaft arbeiten zu lassen. Ich finde auch, das ist der richtige Weg. Man darf da nicht egoistisch sein. Die Spieler müssen lernen, mit verschiedenen Trainern zu arbeiten. Ein neuer Coach kann auch wieder neue Impulse geben und Reize setzen. Ich freue mich schon riesig auf meine Aufgabe in der kommenden U 16, mit der ich mich wieder für die U 17-EM und WM 2013 qualifizieren möchte.

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