DFB-Sportdirektor Matthias Sammer findet den "FC Bayern Deutschland" sehr gut
DFB-Sportdirektor Matthias Sammer findet den "FC Bayern Deutschland" sehr gut
© Getty

Matthias Sammer im Interview

Montag, 18.07.2011

Blockbildung? "Eine fantastische Entwicklung"

Sportdirektor Matthias Sammer ist so etwas wie das moralische Gewissen im DFB. Im Interview spricht der 43-Jährige über den verloren gegangenen Erfolgshunger deutscher Mannschaften und merkt leicht negative Entwicklungen in den U-Nationalmannschaften an. Zudem gibt Sammer eine Einschätzung zu Jerome Boatengs Wechsel zum FC Bayern ab. Die Blockbildung in der deutschen Nationalmannschaft bewertet er sehr positiv.

SPOX: Herr Sammer, was erwarten Sie sich von der kommenden Bundesliga-Saison?

Matthias Sammer: Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr junge Spieler auf hohem Niveau in der Liga etablieren und erkennen lassen, dass die Nachwuchsförderung greift. An der Spitze erhoffe ich mir ein spannendes Rennen. Mit Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund sehe ich starke Konkurrenten für den FC Bayern. Und ich wünsche mir mal wieder einen Titel in Europa - auf Klubebene, aber auch für die Nationalmannschaft bei der EM 2012.

Daten & Fakten

Matthias Sammer in Zahlen
Matthias Sammer, DFB

  • geboren am 5. September 1967 in Dresden
  • seit 1. April 2006 DFB-Sportdirektor

Spieler-Karriere

  • 1985-1990: Dyn. Dresden (102 Sp./39 Tore)
  • 1990-1992: VfB Stuttgart (66/21)
  • 1992: Inter Mailand (11/4)
  • 1992-1998: Borussia Dortmund (142/21)
  • 23 Länderspiele DDR (6 Tore)
  • 51 Länderspiele Deutschland (8 Tore)
  • Erfolge: U-18-Europameister ('86), 2x DDR-Meister ('89, '90), DDR-Pokalsieger ('90), 3x deutscher Meister ('92, '95, '96), Europameister ('96), Champions-League-Sieger ('97), Weltpokalsieger ('97), 2x Deutschlands Fußballer des Jahres ('95, '96), Europas Fußballer des Jahres ('96)

Trainer-Karriere

  • 2000-2004: Borussia Dortmund
  • 2004-2005: VfB Stuttgart
  • Erfolge: deutscher Meister ('02)

Matthias Sammer im Steckbrief

SPOX: Einige Gruppierungen unter den Bayern-Fans haben Manuel Neuer jetzt eine Art Verhaltenskodex aufgedrückt, an den er sich zu halten habe. Eine ziemlich bizarre Konstellation, wenn Fans den Spielern sagen, was sie zu tun und zu lassen haben.

Sammer: Bizarr ist, dass offenbar jegliche Formen des Anstands vernachlässigt werden. Das gilt auch für die Berichterstattung. Die Art, wie so etwas eine Plattform gegeben wird, grenzt für mich an Heuchelei. Zu dem Thema will ich mich auch gar nicht weiter äußern, nur so viel: Es ist die Aufgabe von Bayern München, das zu disziplinieren - auch wenn es den einen oder anderen Zuschauer kosten könnte.

SPOX: Jerome Boateng spielt ab sofort für Bayern München. Boateng ist erst 23 Jahre alt, hat aber schon für vier Vereine gespielt. Muss er jetzt endlich ankommen?

Sammer: Er bringt sportlich und charakterlich Fähigkeiten mit, die sehr gut zum FC Bayern passen. Man sollte ihm nach seiner Verletzung allerdings ein bisschen Zeit geben. Auf der anderen Seite wird Jerome den FC Bayern trotz aller Professionalität als sehr familiären Verein kennenlernen. Ich wünsche mir, dass das zu einer persönlichen Kontinuität bei ihm führen wird. Ich glaube, dass beide Seiten von diesem Transfer profitieren werden. Deshalb begrüße ich den Wechsel sehr.

SPOX: Unter Umständen stehen bei den Bayern bald sechs, sieben oder acht deutsche Nationalspieler auf dem Platz. Das dürfte fast schon mehr sein als eine Blockbildung.

Sammer: Das ist eine fantastische Entwicklung. Die Bayern stehen für allerhöchste Ansprüche. Für die Nationalspieler wird es Normalität sein, um Titel zu spielen. Das ist ein extrem wichtiges Gut. Zumal auch der FC Bayern nicht in flachen Hierarchien denkt, sondern in klar strukturierten Aufgabenverteilungen. All das wird uns in der Nationalmannschaft richtig gut tun.

SPOX: Werder Bremen, der VfB Stuttgart, Schalke 04 oder der HSV - das sind Vereine, die in den letzten Jahren neben den gut situierten Klubs aus München, Wolfsburg und Leverkusen in der 'Gelddruckmaschine' Champions League gespielt haben. Derzeit sind das aber auch die Vereine, die sich teils enormen Sparzwängen konfrontiert sehen. Was ist da schief gelaufen?

Matthias Sammers Karriere in Bildern
 

Sammer: Wenn man nur eine Saison Champions League spielt, ist das natürlich sehr gefährlich. Die Einnahmen fließen dann einmalig, die Vertragslaufzeiten der Spieler betragen aber drei oder vier Jahre - und das meist zu erhöhten Konditionen. Werder Bremen ist da ein Sonderfall, weil sie ja dauerhaft Gast in der Königsklasse waren.

SPOX: Was ist dann das Problem?

Sammer: Ich sage das jetzt bewusst flapsig: Wir in Deutschland sind ganz exzellente Verkäufer geworden. Und die Wahrheit will niemand mehr hören. Da wird oft etwas verkauft, was der Realität nicht standhalten kann. Alles ist angeblich positiv. Kritische Themen werden erst gar nicht konstruktiv angegangen, weil es uns ja kurzfristige Probleme bringen könnte. Dass aber die Schwierigkeiten dann mittel- und langfristig viel größer werden, liegt doch auf der Hand.

SPOX: Beliebt machen Sie sich mit diesen Aussagen damit nicht.

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Sammer: Was wir von unseren Jugendlichen verlangen, sollten wir als Erwachsene vorleben.

SPOX: Die U 17 hat in Mexiko ein sehr gutes Bild abgegeben. Am Ende hat es nicht für einen Titel gereicht. Was fehlte?

Sammer: Die Vize-Europameisterschaft und den dritten Platz bei der WM sollten wir als einen schönen Erfolg werten und unter der Kategorie 'gut' verbuchen. Das sollten wir auch nicht schlecht reden und ich freue mich, dass die Leute so viel Spaß mit der Mannschaft hatten. Aber wir müssen intern die Schwerpunkte neu ausrichten. Und ein Schwerpunkt ist die mentale Stärke.

SPOX: Dann heißt es gleich wieder: Ewiggestrig, veraltete Tugend.

Sammer: Das meine ich damit aber gar nicht. In unserer Gesellschaft stellt sich zu vieles als zu oberflächlich dar, und das fällt dann auch auf unsere Spieler zurück.

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Der DFB-Sportdirektor spricht über negative Trends in den U-Mannschaften und prangert fehlenden Erfolgshunger bei deutschen Teams an. Den "FC Bayern Deutschland" findet er klasse.

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