Freitag, 03.06.2011

Willi Ruttensteiner im Interview

"Es gibt nicht mehr viele DFB-Geheimnisse"

Am Freitagabend steigt in Wien das brisante EM-Qualifikationsspiel Österreich gegen Deutschland. Vor dem Nachbarschaftsduell spricht ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner, der auch Österreichs Spielbeobachter ist und somit die DFB-Rollen von Matthias Sammer und Urs Siegenthaler in Personalunion vereint, über die Lage des österreichischen Fußballs, Lösungsansätze für Marko Arnautovic und die Konsequenzen aus dem Platzsturm der Rapid-Ultras beim Wiener Derby.

Sportdirektor Willi Ruttensteiner (l.) arbeitet seit 2000 engagiert an seinem Konzept für den ÖFB
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Sportdirektor Willi Ruttensteiner (l.) arbeitet seit 2000 engagiert an seinem Konzept für den ÖFB

SPOX: Herr Ruttensteiner, wie viele Stunden haben Sie Deutschland studiert?

Willi Ruttensteiner: Das ist schwer zu sagen. Wir verfolgen Deutschland seit der EM 2008 sehr intensiv. Unser Teamchef hat Unterlagen vorliegen, in denen es nicht mehr sehr viele DFB-Geheimnisse gibt.

SPOX: Was beeindruckt Sie am DFB-Team?

Ruttensteiner: Ganz klar die spielerische Entwicklung der Mannschaft. Allein mit Mesut Özil einen Spieler zu haben, der bei Real Madrid spielbestimmend ist, sagt alles im spielerischen Bereich aus. Wir haben großen Respekt vor Jogi Löws Arbeit, es wurde sehr viel entwickelt. Der DFB hat ein klares Konzept mit klaren Strukturen und Top-Leuten, die das umsetzen. Es ist sehr beeindruckend, wie er von 2004, damals noch mit Jürgen Klinsmann, und dann alleine dieses Team entwickelt hat.

SPOX: Was schaut man sich in Österreich vom großen Bruder Deutschland ab?

Ruttensteiner: Wir sind ständig auf der Suche und beobachten, wie man den österreichischen Weg punktuell verbessern kann. Unser Blick geht da nicht nur nach Deutschland. Außerdem reicht es nicht, nur zu kopieren - alleine schon, weil das vom Budget her gar nicht möglich ist. Wir versuchen gute Dinge zu reflektieren und in unser Konzept einzufügen und es so zu verbessern. Das ist ein ständiger Prozess.

Die Meister der europäischen Ligen 2010/2011
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SPOX: Zuletzt hat der österreichische Fußball mit erschreckenden Bildern vom Derby in Wien für negatives Aufsehen gesorgt.

Ruttensteiner: Ich habe es am Fernseher erlebt und war natürlich sehr betroffen. Als Konsequenz hat unser ÖFB-Präsident Leo Windtner einen Spitzengipfel im Innenministerium initiiert. Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die daran arbeitet, dass derartiges nicht noch einmal passiert. Mit Spezialisten soll geklärt werden, was solche Situationen verhindern kann.

SPOX: Die Frage bleibt, wie es überhaupt so weit kommen konnte?

Ruttensteiner: Dem ist mit dieser Arbeitsgruppe auf den Grund zu gehen und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Gegen diese Leute muss wirklich hart vorgegangen werden, sie müssen mit drastischen Strafen vom Fußball ausgeschlossen werden. Wir wollen das im Stadion nicht haben und uns den Fußball von solchen Leuten nicht zerstören lassen.

SPOX: Machen Sie sich als ÖFB Sorgen um die Außendarstellung des österreichischen Fußballs?

Ruttensteiner: Ja klar, wahnsinnig große. Diese Bilder sind um die Welt gegangen. Ich war kürzlich zu Gast beim spanischen Verband, natürlich wird man darauf angesprochen. Das ist bedauerlich, sehr ärgerlich und gibt ein schreckliches Bild über unseren Fußball ab.

SPOX: Sportlich gesehen hat das ÖFB-Team eigentlich gute Voraussetzungen. Mit Pogatetz, Fuchs, Alaba oder Harnik gibt es einige Leistungsträger in der Bundesliga, dazu kommt mit Scharner ein Premier-League-Spieler, mit Dag einer in der Türkei und mit Janko ein Holland-Legionär. Die Arbeit der letzten Jahre hat Früchte getragen.

Ruttensteiner: Auf alle Fälle. Als wir das Konzept im Jahr 2000 gestartet haben, hatten wir nur zwei Legionäre. Das zeigt, dass die Ausbildung dazu geführt hat, dass so ein Weg überhaupt möglich ist.

SPOX: Allerdings hat das ÖFB-Team trotz dieser guten Voraussetzungen noch nichts Zählbares erreicht. Wie erklären sie sich das?

Ruttensteiner: Wir haben dieses Potenzial mit der Nationalmannschaft noch nicht umsetzen können. Mit sieben Punkten aus den ersten drei Spielen haben wir unser Plansoll erfüllt, danach kam dann aber leider eine Schwächephase. Gegen die Türkei und Belgien haben wir sehr, sehr schlecht gespielt, das wollen wir gar nicht schönreden. Mit den Testspielpleiten gegen die Niederlande und Griechenland haben wir vier Partien in Serie verloren. Es geht jetzt darum, das Ruder rumzureißen und weiter an die Mannschaft zu glauben. Aber die Spieler müssen es auf der anderen Seite auch unter Beweis stellen. Denn wenn diese Entwicklung weiter nach unten geht, wäre das nur schwer erklärbar, da die Spieler in ihren Vereinen ja gute Leistungen bringen. Aus meiner Sicht haben wir die schlechte Phase leider genau gegen die direkten Konkurrenten erwischt. Jetzt muss die Mannschaft unter Beweis stellen, dass sie wesentlich mehr kann.

2:1 gegen Uruguay: Tor-Premiere für Andre Schürrle
Deutschland - Uruguay 2:1: Premiere für Andre Schürrle. In seinem dritten Spiel im DFB-Dress erzielte der künftige Leverkusener sein erstes Tor
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Ebenfalls erfolgreich: Mario Gomez. Doch für den Bayern-Stürmer war es bereits der 16. Treffer im Trikot der Nationalmannschaft
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Auch Geburtstagskind Arne Friedrich traf ins Tor. Doch der Treffer nach seiner spektakulären Flugeinlage zählte nicht: er stand im Abseits
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Auch Mario Gomez hob ab - allerdings unfreiwillig. Zum Beispiel nach dem Foul von Martin Caceres
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Miroslav Klose erlebte keinen guten Tag. Er spielte auf der Zehn und war wie im Verein kaum ein Faktor für das deutsche Spiel
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Ganz im Gegensatz zu Luis Suarez und Diego Forlan. Uruguays Offensive brachte die deutschen Verteidiger immer wieder in Bedrängnis
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SPOX: Christian Fuchs hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass man sich in Österreich zu klein mache und hat damit das Thema Selbstbewusstsein und Auftreten auf die Agenda gebracht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ruttensteiner: Ich will das nicht generalisieren. Ich glaube, dass es z.B. in der Kunst, Kultur und auch im Sport viele Österreicher gibt, die Weltklasse-Leistungen bringen und ein gewaltiges Auftreten haben. Ich bin aber bei ihm, wenn er sagt, dass Leistung auch mit Persönlichkeitsbildung zusammenhängt. Das wird bei uns in den Nachwuchsnationalmannschaften durch die Zusammenarbeit mit Sportpsychologen forciert. Ich selber habe oft auch schon für einen Sportpsychologen plädiert, der Teamchef ist da aber nicht meiner Meinung. Ich glaube, dass mentale Betreuung im Spitzenfußball unbedingt notwendig ist.

SPOX: Dietmar Constantini hat sich dagegen ausgesprochen?

Ruttensteiner: Er hat das Angebot, jemanden ins Team mit einzubinden. Er hat aber noch nie mit jemandem aus diesem Bereich zusammengearbeitet und möchte das auch nicht.

SPOX: Fuchs stellte sich außerdem die Frage, ob man sich "nicht längerfristige Ziele setzen sollte" und sagte: "Es ist nicht befriedigend, wenn es immer so dahinplätschert." Was sagen Sie dazu?

Ruttensteiner: In meinem Verständnis ist es wichtig, sich sowohl kurz-, mittel- als auch langfristige Ziele zu setzen. Die haben wir selbstverständlich. Mit dahinplätschern kann ich nichts anfangen. Die Spieler müssen jede Stunde beim ÖFB-Lehrgang nutzen, um optimal vorbereitet ins Länderspiel zu gehen. Wie er das gemeint hat, das kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube, dass vom Trainingsbeginn bis zum Anpfiff auf höchster Qualität zu arbeiten ist. Da darf überhaupt nichts plätschern.

SPOX: Eine der positivsten Erscheinungen in dieser Saison war Martin Harnik. Was sagen Sie zu seiner Entwicklung?

Ruttensteiner: Für mich kam das nicht so überraschend wie für viele. Ich schätze den Martin ganz besonders. Ich kenne ihn von der U-20-WM in Kanada, man hat damals schon gesehen, welch Potenzial er hat. Ich habe immer gesagt, dass er es mit seiner Konsequenz und starken Persönlichkeit schaffen wird, in den höchsten europäischen Spielklassen zu spielen.

SPOX: Wohin kann Ihn sein Weg noch führen?

Ruttensteiner: Das kommt sicher darauf an, welche Ziele er sich setzt. Er ist ein Mensch, der Karriere plant, der genau weiß, was sein nächstes kurz- bzw. mittelfristiges Ziel ist und wo er langfristig landen will. Er hat einige Eigenschaften, die im internationalen Fußball sehr gefragt sind, wie z.B. seine Schnelligkeit. Ich traue ihm den Sprung zu einem absoluten Spitzenklub durchaus zu.

SPOX: Das entgegengesetzte Bild gibt Marko Arnautovic ab. Wie geht es mit ihm weiter?

Ruttensteiner: Er ist einer der genialsten Spieler, die ich in meinen zehn Jahren beim ÖFB gesehen habe und er kann der Nationalmannschaft und dem österreichischen Fußball unheimlich helfen. Ich glaube, dass er es von seiner Persönlichkeit und seinem Verhalten her ganz dringend nötig hat, dass man mit ihm arbeitet. Dass man sein Fehlverhalten mit ihm analysiert und ihm wirklich Hilfe anbietet. Ich hatte große Hoffnungen in Thomas Schaaf und Klaus Allofs, weil das zwei hervorragende Fachleute sind. Marko muss lernen, seine Person zu reflektieren und anderen mit mehr Respekt entgegen zu treten. Wenn er sich weiterentwickelt, hat er eine ganz große Karriere vor sich.

SPOX: Die Frage ist, wann und ob er überhaupt noch diesen Schritt macht.

Ruttensteiner: Es ist höchste Zeit, dass man ein Konzept mit ihm erstellt. Persönlichkeitsbildung kann man aber nur selbst betreiben, das kann kein Thomas Schaaf für ihn machen. Er kann ihm nur helfen und ich bin überzeugt davon, dass das gemacht wird. Vielleicht sollte man noch intensiver mit ihm arbeiten und Spezialisten hinzuziehen, die ihn auf diesen Weg bringen. Denn ansonsten wird es eng mit seiner Karriere - und es wäre wirklich furchtbar, wenn so ein großes Talent nicht zur Entfaltung käme und nicht ausgeschöpft würde. Viele solcher Spieler mit dieser Begabung haben wir in Österreich nicht.

SPOX: Wird im Rahmen des ÖFB mit ihm gearbeitet?

Ruttensteiner: Bei der Nationalmannschaft, klar. Aber ich glaube, dass hier eine speziellere Betreuung notwendig wäre - auch von unserer Seite. Das sage ich ganz deutlich und soll auch Eigenkritik sein. Da er bei uns aber nur wenige Tage im Jahr ist, sind wir allerdings limitiert.

SPOX: Zurück zum Deutschland-Spiel. Teamchef Constantini hat erklärt, dass man eigentlich keine Qualifikationschance mehr hat. Hat er den Spielern damit nicht ein Alibi gegeben?

Ruttensteiner: Ich war gerade bei der Nationalmannschaft und ich kann Ihnen garantieren, dass das Feuer im Team brennt. Da ist überhaupt keine Rede von "wir sind schon ausgeschieden". Punkten wir gegen Deutschland, können wir noch eine Rolle spielen. So bereitet sich die Mannschaft auch vor. Sollten wir Deutschland schlagen, glaube ich schon, dass wir noch eine Chance hätten, den zweiten Platz zu erreichen. Ich glaube fest daran, dass es dem Trainer in den Spielen gegen Deutschland und die Türkei gelingt, aufzuzeigen, dass wir auf diesem Niveau mitspielen und diese Teams voll fordern können.

SPOX: Die Start-Euphorie ist nach den letzten Vorstellungen und Ergebnissen allerdings verflogen. Trübt das die Entwicklung?

Ruttensteiner: Das ist die entscheidende Frage, die wir uns auch stellen. Die Anfangspartien haben gezeigt, welches Potenzial in uns steckt. Durch die letzten vier Niederlagen gab es eine Abwärtsentwicklung. Es geht jetzt darum, diese aufzuhalten und das Potenzial weiter abzurufen, dann ist nichts verloren.

SPOX: Der Teamchef ist in der Öffentlichkeit nicht unumstritten.

Ruttensteiner: Natürlich hat man es nicht einfach, wenn man vier Spiele in Serie verliert. Die Euphorie vor dem Belgien-Heimspiel war riesig, das Stadion voll und dann kommt dabei das schlechteste Spiel der letzten Jahre heraus. Das verändert natürlich die Sichtweise der Bevölkerung, das ist aber auch normal und es wäre fatal, wenn es nicht so wäre. Innerhalb des ÖFB gibt es aber in keinster Weise eine Teamchef-Diskussion. Das ist eine reine Mediengeschichte. Constantini wird bis zu seinem Vertragsende Teamchef bleiben. Wie es dann weitergeht, hängt klarerweise vom Erfolg des Projekts ab, das ist keine Frage.

SPOX: Was erwarten Sie sich vom Spiel am Freitag?

Ruttensteiner: Dass unsere Spieler zu 100 Prozent ihr Potenzial abrufen. Und natürlich auch Punkte. Beim letzten Aufeinandertreffen bei der EM 2008 war es ja sehr knapp, da hätten wir uns einen Punkt verdient gehabt. Mit etwas Zählbarem gegen Deutschland wäre die Euphorie wieder schnell da.

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Interview: Christian Bernhard

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