Fussball

Ein schönes Übergangsjahr

Von Stefan Rommel
Mittwoch, 08.06.2011 | 20:16 Uhr
Die deutsche Nationalmannschaft ist noch auf der Suche nach ihrer Stammelf
© Imago

Die deutsche Nationalmannschaft hat die Saison nach der Weltmeisterschaft bravourös gemeistert. Bundestrainer Joachim Löw hat den Spagat zwischen den nackten Ergebnissen und einer gewissen Experimentierfreude gut geschafft, trotzdem bleiben im Hinblick auf die Europameisterschaft 2012 noch einige Fragen. Nicht nur die nach Michael Ballacks Zukunft.

Die Zahlen

Zwölf Spiele hat die deutsche Nationalmannschaft in der Post-WM-Saison bestritten, sieben davon in der EM-Qualifikation. Hier ist die Bilanz blitzsauber, mit sieben Siegen aus sieben Spielen - die beste in Europa.

In den Testspielen blieb es fast schon traditionell durchwachsen. Erst gegen Uruguay gab es vor einigen Tagen den ersten und einzigen Sieg. Dazu spielte die Mannschaft dreimal remis und verlor im März zu Hause gegen Australien mit 1:2. Was zählt sind aber natürlich die Pflichtspiele: Die Qualifikation für die Endrunde im nächsten Jahr ist praktisch geschafft.

"Wir haben in sieben EM-Qualifikationsspielen 21 Punkte geholt und sind zu 98 Prozent für die EM qualifiziert. Damit konnte man nach der WM so nicht rechnen. Man muss der Mannschaft ein großes Kompliment machen. Ich denke, wir haben in dieser Saison Großartiges geleistet", sagt Löw deshalb.

Die Spielweise

Das Highlight der Saison war sicherlich der Vergleich gegen die Türkei im Rahmen der EM-Qualifikation. Hier zeigte die Mannschaft viel von jenem Glanz, den sie bei der WM ausgestrahlt hatte. Auch in den Testspielen gegen Italien und Uruguay war das Niveau teilweise auf dem Level, das sich Löw wünscht.

Das Team zeigte gegen die starken Gegner seine beste Leistung, in so manchem Testspiel aber oft auch Dienst nach Vorschrift - allerdings auch dadurch bedingt, dass unzählige Umstellungen ein reibungsloses Zusammenspiel nicht möglich machten.

Grundsätzlich stimmt die Richtung aber: Selbst in schwächeren Partien gerät die Spielweise der Mannschaft nicht so aus den Fugen, dass es gefährlich werden könnte. Bei der WM zeigte die Mannschaft hervorragenden Konterfußball. Für die absolute Weltspitze reicht das alleine aber nicht.

Löw ist deshalb auf dem Weg dahin, der Mannschaft auch gegen tiefstehende Teams einen Plan mit auf den Weg zu geben. Erste Ansätze sind hier zu sehen, am Ziel ist Deutschland dabei aber noch lange nicht. Vom Nonplusultra Spanien trennt die Mannschaft noch ein gutes Stück, was Dominanz und Spielkontrolle anbelangt.

Die etwas schleppende Weiterentwicklung der Mannschaft ist natürlich auch der Tatsache geschuldet, dass das erste Jahr nach einem Großereignis davon bestimmt ist, nackte Zahlen und Ergebnisse zu liefern. Die Qualifikation für das nächste Turnier steht dann über allem.

Insofern hat Löw den Spagat zwischen nüchterner Leistung und einer gewissen Experimentierfreude einmal mehr hervorragend hinbekommen und kann jetzt im Hinblick auf das Turnier im nächsten Sommer früher experimentieren.

"Gut ist, dass wir in der neuen Saison in der Lage sind, die EM-Qualifikationsspiele nicht mehr mit dem ganz großen Druck bestreiten zu müssen. So kann ich zum Beispiel in der Türkei oder gegen Belgien und Österreich das ein oder andere ausprobieren und sehen, wie die jungen Spieler in einem Pflichtspiel zurechtkommen. Ich muss den EM-Kader erst im kommenden Mai benennen, bis dahin haben wir noch einige Zeit. Wichtig ist, dass die Mannschaft im Kern eingespielt ist", sagt Löw.

Die Auf- und Absteiger

Zum ersten Testspiel nach der WM in Dänemark berief Löw unter anderem in den Kader: Andreas Beck, Christian Schulz, Serdar Tasci, Marcel Schäfer, Thomas Hitzlsperger, Christian Gentner, Patrick Helmes, Marko Marin und Aaron Hunt.

Die meisten von ihnen spielen knapp ein Jahr später kaum noch eine Rolle. Vom WM-Kader sind dazu noch Marcell Jansen, Piotr Trochowski und Stefan Kießling derzeit ziemlich weit entfernt vom Kader, Jörg Butt hat seine Karriere beim DFB beendet.

Den größten Absturz haben wohl Trochowski und Marin hinter sich, die bei der WM noch als Teilzeitkräfte im Einsatz waren, seit einem halben Jahr aber keine Einladung mehr erhalten. Auf der anderen Seite rückten dafür von unten immer neue Talente nach, die den Etablierten die Plätze streitig machten.

Mats Hummels war schon vor der Saison mehr als nur ein Geheimtipp, der Dortmunder kratzt an der Schwelle zum Stammplatz in der Innenverteidigung. Toni Kroos hat sich von einer Ergänzungslösung zu einer ernsthaften Alternative im defensiven Mittelfeld entwickelt.

Insgesamt viermal ersetzte er den verletzten Schweinsteiger in einem Pflichtspiel, gegen die Türkei zeigte er dabei sein bestes Länderspiel überhaupt. Kroos steigt damit ernsthaft in den Kampf um die Plätze hinter Schweinsteiger und Sami Khedira ein.

Für Mario Gomez verlief die Saison lange Zeit wie immer im DFB-Dress. In der Endphase nutzte er aber die Schwächephase beziehungsweise Verletzung von Miroslav Klose und schob sich im internen Ranking ganz nahe an den Routinier heran.

Dass im letzten Spiel in Baku bei Abpfiff neben Hummels auch Benedikt Höwedes, Lewis Holtby, Mario Götze und Andre Schürrle auf dem Platz standen, ist ein klares Zeichen.

Löw setzte gegen Aserbaidschan auf insgesamt fünf U-21-Europameister von 2009 in der Startelf, dazu auf Thomas Müller, Holger Badstuber und Toni Kroos, die damals auch hätten dabei sein können.

"Wichtig wird nun sein, dass die jungen Spieler in der kommenden Saison ihre Leistung bestätigen. Das können sie in der Bundesliga und vor allem auch in der Champions League, wie die Dortmunder und Leverkusener und wohl auch die Bayern. Das ist ja das Maß aller Dinge. Und sie müssen sich weiter in den Länderspielen beweisen", sagt Löw.

Die Problemzonen

Ohne jeden Zweifel sind derzeit die Torhüterposition, das defensive Mittelfeld und zwei Positionen im offensiven Mittelfeld fix besetzt. Manuel Neuer, Schweinsteiger und Khedira, sowie Özil und Müller haben ihren Stammplatz sicher und bilden das Gerüst der Mannschaft.

Auffallend viele Fragezeichen gibt es in der Viererkette. Per Mertesacker hat eine schwierige Saison hinter sich und ist nicht mehr unumstritten, ähnlich verhält es sich bei Arne Friedrich. Derzeit scheint der Kampf um die beiden Innenverteidigerstellen völlig offen.

Philipp Lahm ist selbstredend auch gesetzt - die Frage ist nur, wo. Sehr wahrscheinlich rückt der Kapitän schon bald wieder auf die linke Seite, womit dann zumindest dort ein Dauerproblem gelöst wäre.

Dadurch ergibt sich zwangsläufig aber wieder die Suche nach der Idealbesetzung rechts in der Viererkette. Höwedes hat dort gute Ansätze gezeigt, auch Jerome Boateng käme unter Umständen in Frage. Momentan gibt es viele Optionen, aber längst noch keine klare Lösung.

Im offensiven Mittelfeld hat Lukas Podolski in der Schlussphase geschwächelt. Der Kölner mag auf Schürrle noch einen guten Vorsprung haben, muss diesen Kredit in der kommenden Saison aber rechtfertigen.

Nicht umsonst hörte sich Löws Fazit in der Beziehung etwas zweideutig an. "Ich möchte niemanden hervorheben, alle haben ihre Sache gut gemacht", so der Bundestrainer. "Dass Andre Schürrle zwei Tore geschossen hat, ist natürlich positiv."

Im Angriff gilt ähnliches auch für Miro Klose. Vielleicht bringt dessen anstehender Vereinswechsel ja nochmal den entscheidenden Schub.

Die eine große Schwäche war im Zusammenspiel der Mannschaft kaum auszumachen, nur eine Sache: Deutschland ist bei seinen Standards auch nach Jahren immer noch ziemlich unkreativ. Kaum einmal eine überraschende Variante bei einem Freistoß, die Eckbälle fliegen zumeist schlicht an den Elfmeterpunkt. Dabei sind es gerade die Standards, die verhältnismäßig einfach einzustudieren sind...

Die Causa Ballack

Über ein Jahr schleppt der Bundestrainer die Frage nach Michael Ballacks Zukunft mit sich rum, schiebt eine endgültige Entscheidung immer wieder von sich weg. Jetzt soll es binnen der nächsten zwei Wochen ein offenbar finales Gespräch geben.

Das Thema kann langsam vom Tisch, egal wie sich beide Seiten einigen. Über kurz oder lang führt es sonst immer wieder zu unnötiger Unruhe innerhalb der Mannschaft.

Ein Ausblick

Löw hat es geschafft, die Mannschaft auf einem internationalen Spitzenniveau zu stabilisieren und spaziert förmlich durch die Qualifikation zur EM.

Die letzten drei Pflichtspiele dürften zu verkappten Testspielen ausarten, ohne dass der Bundestrainer dabei noch viele gänzlich unbekannte Gesichter testen muss - sondern sich ab sofort ans Feintuning machen kann.

Dazu passt die Auswahl an hochkarätigen Testspielgegnern (u.a. Brasilien, Niederlande, Frankreich) im kommenden halben Jahr, die der Mannschaft in jeder Partie den nötigen Wettbewerbscharakter vermitteln soll.

Löws große Aufgabe wird nun sein, den Kreis von derzeit etwa 40 Kandidaten bis zum Ende der kommenden Bundesligasaison auf rund 30 Spieler zu reduzieren.

"Wir werden Profile erstellen, die wir unseren EM-Kandidaten für die neue Saison an die Hand geben werden. Wir werden ihnen aufzeigen, wo sie sich noch verbessern können. Dabei können wir den größten Sprung im individuellen Bereich machen", sagt Löw.

DFB-Team in der Quali souverän

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