DFB-Sportdirektor Matthias Sammer im Interview

Sammer: "Vorsicht vor dem Jugendwahn"

Von Interview: Daniel Reimann
Montag, 15.11.2010 | 11:45 Uhr
DFB-Sportdirektor Matthias Sammer bei seiner Rede im Landheim Schondorf (bei München)
© spox
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DFB-Sportdirektor Matthias Sammer spricht im Interview mit SPOX über die Zusammenarbeit mit den Bundesliga-Vereinen, die Shootingstars aus Mainz und Dortmund und die Leiden seines Ex-Klubs VfB Stuttgart. Außerdem erklärt Sammer, weshalb sich Mehmet Ekici für die Türkei entschieden hat - und legt Wert auf einen gesunden Altersschnitt auf den deutschen Trainerbänken.

Im Landheim Schondorf, einem angesehenen Internat in der Nähe von München, hielt DFB-Sportdirektor Matthias Sammer eine Rede mit dem Titel: "Ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung für unsere jungen Fußballer." SPOX traf den Europameister von 1996 und Meistertrainer vor Ort.

SPOX: Herr Sammer, Sie sprachen gerade als DFB-Sportdirektor über das Thema Persönlichkeitsentwicklung bei jungen Spielern. Versuchen Sie, diese Philosophie auch Bundesliga-Teams näher zu bringen?

Matthias Sammer: Selbstverständlich. Wir kommunizieren viel mit den Leistungszentren und den jeweiligen Nachwuchsbereichen der Vereine. Als DFB-Sportdirektor bin ich für die gesamte Nachwuchs- und Eliteförderung mitverantwortlich. Die bisherige Struktur in den Nachwuchszentren ist in meinen Augen noch nicht optimal, aber wir tauschen uns aus und versuchen, unsere Philosophie weiter zu transportieren, um gemeinsam für die Talente beste Bedingungen zu schaffen.

SPOX: Auf welches Bundesliga-Team würden die angesprochenen Werte wie Anspruchsdenken, Teamgeist, Leidenschaft und Identifikation am besten zutreffen? Wären Mainz und Dortmund passende Beispiele?

Sammer: Ja, durchaus. Der Mainzer Erfolg ist ein gutes Thema, auch Dortmund ist unheimlich stark. Man muss anerkennen, dass diese Mannschaft zur Zeit einen guten Fußball spielt. Aber die entscheidende Phase der Saison kommt noch, dann geht es um Nervenstärke. Und die Meisterschaft ist ein Marathon-Lauf, wir befinden uns erst bei Kilometer zwölf.

SPOX: Mainz hängt im Augenblick etwas durch, aber in der U 21 überragten zuletzt Tuchels Shootingstars. Im letzten Spiel, beim 2:1 gegen die Ukraine, traf Andre Schürrle doppelt, Lewis Holtby bereitete ein Tor vor und machte ein klasse Spiel.

Sammer: Schürrle hat zwar gegen die Ukraine die beiden Tore gemacht. Aber überragend war in dem Spiel Lewis Holtby. Von seiner tollen Partie hat dann auch Schürrle profitiert. Fakt ist, dass die beiden den Unterschied ausgemacht haben.

SPOX: Bundestrainer Joachim Löw hat nun beide in die Nationalmannschaft berufen...

Sammer: Es ist unser Ziel, dass U-21-Nationalspieler dauerhaft den Sprung in die A-Nationalmannschaft schaffen. Aber man darf auch eines nicht außer Acht lassen: Sie müssten dort an Leuten wie Mesut Özil, Marko Marin, Thomas Müller oder Toni Kroos vorbei. Sich konstant in der Nationalmannschaft zu behaupten, ist mittlerweile nicht so einfach.

SPOX: Stichwort deutsche U 21: Mehmet Ekici ließ im SPOX-Interview verlauten, dass ihn Guus Hiddink gerne in der türkischen Nationalelf sehen würde. Vom DFB kam laut Ekici zu diesem Zeitpunkt aber noch kein Signal in diese Richtung. Nun hat sich der Nürnberger für die Türkei entschieden

Sammer: In unserer Situation können wir Mehmet Ekici mit der A-Nationalmannschaft nicht konfrontieren. Das wäre vollkommen unrealistisch. Wir müssen darauf achten, dass die jeweiligen Trainer sehr realistisch mit den Spielern umgehen und ihnen dementsprechend immer ihre Perspektive aufzeigen. Natürlich kommt der Spieler ins Grübeln, wenn plötzlich eine andere A-Nationalmannschaft lockt. Aber deswegen werden wir die Spieler nicht hier festhalten oder ihnen irgendeinen Unsinn erzählen.

SPOX: Zurück zur Bundesliga: Auch Sie wurden nach der Entlassung von Christian Gross mit dem VfB Stuttgart in Verbindung gebracht. Wie besorgt verfolgen Sie die Lage bei Ihrem Ex-Klub?

Sammer: Ich weiß um die Substanz dieses Vereins. Der Klub darf die Situation nicht unterschätzen, das ist aber auch nicht der Fall. Man muss fairerweise sagen, dass die Teams in der Tabelle alle sehr eng beieinander stehen. Ich glaube, dass der Abstieg noch ein, zwei Vereine treffen wird, die jetzt noch überhaupt nicht damit rechnen. Damit meine ich allerdings nicht den VfB.

SPOX: Etwa Schalke 04?

Sammer: Nein, die auch nicht.

SPOX: Mit Jens Keller wurde kein neuer Star-Coach verpflichtet, sondern der Co-Trainer befördert. Nach seinem holprigen Start beim VfB: Trauen Sie ihm zu, die Wende in Stuttgart noch zu schaffen?

Sammer: Ja, warum nicht?! Entscheidend ist doch die Struktur innerhalb des Vereins, dass der Trainer das Vertrauen des Vorstands spürt und dass er einen guten Start hat. Das ist ihm auf jeden Fall zuzutrauen.

SPOX: Als möglicher Nachfolger wurde auch Christoph Daum gehandelt...

Sammer: Ich habe unter Daum von 1990 bis 1992 beim VfB Stuttgart gespielt, da war er ein überragender Coach. Aktuell kann ich nicht einschätzen, inwieweit dieser Job für Daum interessant ist.

SPOX: Etabliert sich mit jungen Typen wie Thomas Tuchel, Jürgen Klopp und Co. nicht ohnehin eine neue Trainer-Generation?

Sammer: Nein, diese Diskussion hatten wir auch schon 2006. Wir brauchen eine gute Mischung und die haben wir. Routinierte, erfahrene Trainer, dazwischen ein paar im mittleren Alter wie Armin Veh und Thomas Schaaf und dazu eben ein paar junge Trainer. Aber Vorsicht vor dem Jugendwahn! Die richtige Mischung macht's!

Theo Zwanziger schließt Sammer-Rücktritt aus

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