Lukas Podolski in der Kritik

Das Prinzip der Inkonstanz

Von Für SPOX in Köln: Stefan Rommel
Montag, 06.09.2010 | 18:41 Uhr
Der Konkurrent lauert schon: Toni Kroos sitzt Lukas Podoslki (l.) dicht im Nacken
© Getty
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Lukas Podolski steckt mal wieder in der Klemme: Die Kritik an seinem Spiel wird lauter, langsam muss er wieder Leistung bringen. Es scheint aber, als entwickle sich die Mannschaft um ihn herum schneller als er - vielleicht sogar zu schnell. Sein härtester Kontrahent Toni Kroos rückt immer näher.

Wie oft er schon in dieser Situation steckte, wird Lukas Podolski selbst auch nicht wissen. Vermutlich aber schon ziemlich oft und aus seiner persönlichen Sicht ganz sicher schon viel zu oft.

Lukas Podolski steht unter Zugzwang. Mal wieder. Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Aserbaidschan (Di., ab 20.30 Uhr im Live-Ticker) steht Podolski jetzt auch an jenem Hort, der ihm immer wieder in den letzten Jahren Unterschlupf gewährt hat, in der Diskussion und vielleicht bald auch schon zur Disposition.

Blogs@SPOX: Schluss mit der Poldi-Polemik!

In seinen schweren Zeiten als Bankdrücker in München oder wie in der vergangenen Saison in Köln, als er zwar hohe Erwartungen geschürt, aber nur sehr wenig Leistung zurückgezahlt hat, wusste er bei der Nationalmannschaft immer wieder neue Kraft und Mut zu schöpfen.

Team entwickelt sich schneller als Podolski

Die Streicheleinheiten während der DFB-Reisen waren oft genug seine Rettungsanker, hier begegnete er seinen Kritikern nachhaltig mit Toren. 40 davon hat er in 80 Länderspielen erzielt - eine unheimlich starke Quote für einen gerade einmal 25-Jährigen. Das darf man bei allem Murren und Grummeln nicht vergessen.

Aber trotzdem gibt es ein grundlegendes Problem: Die deutsche Nationalmannschaft hat ihr Spiel in den letzten fünf, sechs Jahren elementar geändert - Podolski tritt aber über weite Strecken immer noch so auf wie in seinen Anfangstagen: Unbekümmert und frech, dabei allerdings auch sehr fehlerbehaftet, ungeduldig und kopflos.

Das Kollektiv hat einen Wandel vollzogen und in ihm einzelne Spieler auch. Nicht zuletzt Podolskis Bravo-Boy-Kumpel Schweini, der heute nicht mehr Schweini heißen will, sondern Herr Schweinsteiger. Podolski will weiter Poldi genannt werden.

Keine konstanten Leistungen

Das ist durchaus charmant und bringt für die meisten Beteiligten auch immer gute Laune. Aber mit guter Laune gewinnt man keine Spiele.

Es gab Zeiten, da war es für einen Bundestrainer schlicht unmöglich, einen Sympathieträger wie Podolski nicht aufzustellen, der dazu auch noch mit einer ansprechenden Form aufwarten konnte.

Diese Form sucht Podolski nun aber schon seit über einem Jahr, dazu sind die Mannschaft und vor allen Dingen ihr Trainer mittlerweile so gestärkt, dass Löw keine hitzige Diskussion mehr entfachen würde, wenn er Podolski auf die Bank setzen sollte.

Im Gegenteil: Der streitbare Kölner polarisiert schon immer, nicht wenige halten ihn für überschätzt. Nur neigt sich die Diskussionsrichtung immer mehr ins Negative, wenn die Sprache auf Podolski und dessen Entwicklung kommt.

Es wirkt so, als brauche er in regelmäßigen Abständen einen kleinen Klaps, um sich seiner Situation bewusst zu werden und wieder einen kleinen Neuanfang zu machen. Es fehlt die Konstanz.

"Wird schwer, an mir vorbeizukommen!"

Auf der abschließenden Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Aserbaidschan am Montag wurde Podolski mit einer ganzen Reihe unangenehmer Fragen konfrontiert. Dann trat plötzlich wieder das Kämpferische aus ihm hervor.

"Momentan habe ich noch Rückstand, die Vorbereitung war vielleicht auch nicht optimal. Aber wenn ich wieder meinen Rhythmus finde, wird es schwer, an mir vorbeizukommen!"

Das mag von seiner Warte aus stimmen, nur vergisst er dabei, dass sich um ihn herum vieles schnell weiterentwickelt, während er mit diesem Tempo nur schwer mithalten kann und den Anschluss zu verlieren droht.

Dass er im Verein mal in der Spitze, mal etwas zurückhängend spielt, im DFB-Dress seit geraumer Zeit aber als offensiver Mittelfeldspieler auf der linken Seite, macht es nicht leichter. Im Gegenteil: Podolski ist mittlerweile einer der ganz wenigen im Kader, die in der Nationalmannschaft auf einer anderen Position spielen müssen als im Verein.

Podolski ist dafür aber nicht immer flexibel genug. Seine Defensivschwächen sind bekannt, aber er arbeitet daran und hat sich in den letzten Monaten darin schon deutlich verbessert. Im Offensivspiel liegt aber auch noch einiges brach.

Toni Kroos macht Druck

Podolski hat bisweilen eine eigenartige Körpersprache, die zwischen Lust- und Teilnahmslosigkeit pendelt. Und fußballerisch ist er längst nicht so variabel und versiert wie sein derzeit größter Konkurrent.

Toni Kroos hat sich längst verdächtig nahe herangepirscht, dem technisch hochstehenden deutschen Kombinationsspiel würde der Münchener mindestens genauso gut tun.

"Konkurrent ist jeder Spieler, der da spielt, wo ich spielen kann. Es ist kein Geheimnis, dass ich links spielen kann. Wenn man das Gefühl hat, seinen Aufgaben gewachsen zu sein, dann will man auch spielen. Es ist doch normal, dass man so ehrgeizig ist", sagte er dem "Kicker".

Auch Marko Marin lobte Bundestrainer Löw für dessen zuletzt starke Leistungen im linken offensiven Mittelfeld.

Kroos will zweite Chance nutzen

Kroos hatte ein ähnliches Problem wie Podolski: Er konnte sich bei den Bayern nicht durchsetzen.

Aber statt sich wie Podolski zurück nach Köln verkaufen zu lassen und dort für die nächsten Jahre die gemütlichere Variante ohne Doppel- und Dreifachbelastung zu wählen, beließ es Kroos bei einem Leihgeschäft mit Bayer Leverkusen und der Option, es dann doch wieder in München zu versuchen.

Der Plan ging auf, Kroos entwickelte sich in Leverkusen prächtig und wäre unter Umständen auch gerne geblieben. Aber nicht, um dem Haifischbecken bei den Bayern aus dem Weg zu gehen, sondern weil die Perspektiven beim Werksklub ebenfalls sehr ansehnlich sind - ganz zu schweigen vom immensen Konkurrenzkampf im Bayer-Mittelfeld.

Der richtige Gegner zur richtigen Zeit?

Noch bleibt der 20-Jährige aber vornehm zurückhaltend. "Lukas hat sich das erarbeitet, er hat 80 Länderspiele, eine tolle Torquote und mehrere gute Turniere gespielt. Da muss ich hinkommen, das ist meine Aufgabe für die nächsten fünf oder sechs Jahre."

So lange wird Kroos aber sicherlich nicht auf seine Chance warten. Er wird angreifen und Podolski muss sich dieser Angriffe erwehren. Dazu sollte er in Zukunft aber etwas weniger der Gefühlsfußballer sein, der er bis jetzt war.

Eine neuerliche Chance bietet sich dazu schon am Dienstag gegen Aserbaidschan. Einen jener Gegner, gegen die er angeblich immer seine Tore machen würde, wie es Uli Hoeneß einst etwas despektierlich formuliert hatte.

Und damit gar nicht so falsch liegt: Beim letzten Spiel gegen Aserbaidschan holte Podolski den Elfmeter zur frühen Führung heraus und erzielte später noch das Tor zum 4:0-Endstand.

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