Ein sanfter Ausbau

Von Für SPOX in Kopenhagen: Stefan Rommel
Mittwoch, 11.08.2010 | 13:35 Uhr
Joachim Löw mit DFB-Neuling Sascha Riether. Länderspiel als einmaliges Erlebnis?
© Getty
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Joachim Löws Mannschaft für das Spiel in Dänemark gilt als Verlegenheits-Truppe. Es sind aber auch Spieler darunter, die im Hinblick auf die EM 2012 große Perspektiven haben.

Es liegt einige Widersprüchlichkeit in diesem Test gegen Dänemark. Angefangen von den überstrapazierten Diskussionen um den Termin, der zwar schon seit Monaten bekannt war, aber erst in den letzten beiden Wochen so richtig zum Politikum wurde.

Bis hin zu der Tatsache, dass Thomas Hitzlsperger, für die WM wegen chronischer Formschwäche von Joachim Löw für aus dem Kader gestrichen, im ersten Spiel nach Südafrika plötzlich nicht nur wieder Mitglied, sondern gleich auch Anführer der 16-köpfigen Reisegruppe ist.

Hitzlsperger wird die deutsche Mannschaft heute Abend (20.15 Uhr im LIVE-Ticker) als Kapitän aufs Feld führen.

Eher Freundschafts- als Testspiel?

Vor ein paar Jahren hat die FIFA den niedlichen Begriff des Freundschaftsspiels zu den Akten gelegt, das griffigere "Testspiel" wurde stattdessen geboren. Dabei würde der Begriff heute Abend auf den ersten Blick besser passen.

So wenig wird diese Mannschaft im Parken Stadion mit der zu tun haben, die in drei Wochen in Brüssel zum ersten Pflichtspiel der Saison antreten muss, in der EM-Qualifikation gegen Belgien.

Wäre da nicht Joachim Löw. Ein Teil seiner Teilnehmer hat kaum eine Perspektive in der Zukunft. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber Spieler wie Sascha Riether oder Christian Schulz dürften heute zum ersten Mal (Riether) oder mal wieder (Schulz) mit dem Bundesadler auf der Brust auflaufen. Und dann wieder eine sehr lange Zeit nicht mehr.

Von Madlung bis Müller

Es gibt aber Spieler, für die der Test auch zum Test wird. Und es gibt Löws weitsichtigen Plan. Der Bundestrainer sieht die deutsche Mannschaft bei der WM 2014 auf der Höhe ihrer Schaffenskraft.

Davor hat die UEFA aber noch ein Turnier gelegt. Löws bisherige Arbeit zwischen großen Turnieren hat bisher große und mittelgroße Modifikationen am Kader gefördert.

39 Neulinge hat er in seiner Zeit als Chef der Nationalmannschaft bisher berufen. Von Malik Fathi bis Holger Badstuber reichte die Spanne von Gescheiteren - wie Jan Schlaudraff, Alexander Madlung, Roberto Hilbert oder Marvin Compper - bis hin zu Unverzichtbaren: Manuel Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira oder Thomas Müller.

16 Spieler in zwei Jahren

Etwa 20 Spiele liegen zwischen dem Spiel um Platz drei bei der WM und dem - die erfolgreiche Qualifikation vorausgesetzt - ersten Spiel bei der EURO 2012 in Polen und der Ukraine, 16 davon sind jetzt schon fix terminiert.

Das klingt nach viel Zeit und genügend Möglichkeiten, schlummernde Talente zu entdecken bis zum Juni 2012. Aber auch hierfür muss irgendwann ein Anfang gemacht werden. Und der wird heute Abend in Kopenhagen sein.

Löws erste "Testphase" zwischen der WM 2006 und der EM 2008 brachte nachhaltig fünf neue Spieler in den Kreis der Nationalmannschaft, im Vorfeld der jüngst gespielten WM wurden in zwei Jahren sogar 16 Akteure in den engeren Kreis eingeweiht.

Kein Umbruch, nur Ausbau

So viele werden es unter Löw in den nächsten beiden Jahren sicherlich nicht mehr schaffen, da aus der goldenen Generation der U-Mannschaften fast schon alle den Schritt in die A-Nationalmannschaft geschafft haben.

Bis auf Mats Hummels, Benedikt Höwedes oder Philipp Bargfrede, die derzeit aber noch dringlicher bei der taumelnden U 21 gebraucht werden.

Im Kader für das Dänemark-Spiel sind aber auch ohne die drei schon Spieler, die in der dezenten Umstrukturierung der Mannschaft bis zur EURO 2012 eine gute Rolle spielen könnten. Und die gegen die Dänen in Sachen Eigenwerbung erste wichtige Schritte machen können.

Es nicht darum, einen großen Umbruch einzuleiten wie in anderen Verbänden wie Italien oder Frankreich. Es geht darum, eine eingespielte Mannschaft nach und nach noch anzureichern mit Alternativen und personellen Varianten, sie weiter auszubauen auf den Positionen, die noch Handlungsbedarf verraten.

Helmes und das Sturmproblem

Im Sturm schwelt ein Problem vor sich hin, das viele noch nicht sehen. Miro Klose ist schon 32 Jahre alt und war bei der WM der einzige deutsche Stürmer, der nachhaltig Weltklasseformat hatte. Dahinter sind mit Mario Gomez, Cacau und Stefan Kießling Spieler, die bisher ihre Wettbewerbstauglichkeit im A-Team nur phasenweise belegen konnten.

Aus den U-Mannschaften kommt kaum ein echter Knipser nach, die U 21 kämpft heute in Island mit Julian Schieber als einzigen echten Stürmer um die EM-Qualifikation. Also muss sich Löw aus dem vorhandenen Reservoir bedienen.

Hier liegt die Chance für Helmes, der bei der EURO 2008 noch zu unerfahren und bei der WM in Südafrika nach seinem Kreuzbandriss nicht richtig fit war.

Kroos als Özil-Backup

Oder auf der Spielmacherposition: Mesut Özil ist derzeit unumstritten. Aber auch der Noch-Bremer wird schwächere Phasen haben. Dann werden seinem Mannschaftskollegen Aaron Hunt aber vor allen Dingen Toni Kroos sehr gute Chancen zugeschrieben, der Backup für Özil zu werden.

Beide haben sich in der letzten Saison prächtig entwickelt, jetzt muss die nächste Stufe zünden - auch in der Nationalmannschaft. Hunt und Kroos zählen zu den Spielern aus dem Dänemark-Kader, die in naher Zukunft zu ernsthaften Mosaiksteinen im DFB-Gebilde werden sollen.

Träsch vor großen Hürden

Vielleicht zählt auch Christian Träsch dazu. Der Stuttgarter hat nur das Handicap, dass auf seinen beiden bevorzugten Positionen die Konkurrenz entweder so dicht gestaffelt oder von Weltklasse-Spielern besetzt ist.

Im defensiven Mittelfeld wird auch ohne Träsch ein hitziger Kampf entstehen. Die WM-Helden Bastian Schweinsteiger und Khedira bekommen Druck von den Rückkehrern Michael Ballack und Simon Rolfes. Da wird es selbst für den Stuttgarter Senkrechtstarter der letzten Saison sehr schwer.

Und auf der rechten Verteidigerposition hat sich Philipp Lahm festgespielt. Ein Wechsel zurück nach links erscheint derzeit ausgeschlossen. Und trotzdem ist Träsch einer, der sich mit seiner Vielseitigkeit und seiner emsigen Art in Zukunft unverzichtbar machen könnte.

"Für mich wird das Spiel in Kopenhagen ein wichtiger Test", hat Löw gesagt und tief in der Baukasten der Diplomatie gegriffen.

Auf Spieler wie Helmes, Hunt, Kroos, oder Träsch trifft das aber doch zu: Für sie alle beginnt der harte Kampf um einen Platz in der Mannschaft am heutigen Abend.

Weltrangliste: Deutschland belegt Platz vier

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