Noch kein Verteidigungsminister

Von Für SPOX in Südafrika: Stefan Rommel
Dienstag, 22.06.2010 | 23:29 Uhr
Per Mertesacker bestritt bei der WM 2006 in Deutschland sechs Spiele
© Getty
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Per Mertesacker kommt bei der WM nur sehr schwer in Tritt. Sein Partner Arne Friedrich hinterlässt bisher den besseren Eindruck. Aber noch ist es nicht zu spät.

Joachim Löw wollte erst gar keine großen Diskussionen aufkommen lassen. Wer denn nun am Gegentor gegen die Serben die Schuld trage, wurde der Bundestrainer gefragt.

"Es war eine Fehlerkette, nicht ein einzelnes Fehlverhalten", antwortete Löw ebenso diplomatisch wie schlüssig. Holger Badstuber war offenkundig als einer der möglichen Delinquenten auserkoren. Und Per Mertesacker.

Der Bremer hatte, nachdem Badstuber die Flanke von Milos Krasic nicht verhindern konnte, das entscheidende Kopfballduell gegen Nikola Zigic verloren. Dessen Ablage nutzte Milan Jovanovic zum einzigen Tor des Spiels.

Noch nicht bei der WM angekommen

Zu jenem Tor, das die deutsche Mannschaft jetzt ins Endspiel gegen Ghana zwingt und vermutlich einen Sieg einfordert, um doch noch den Einzug ins Achtelfinale der WM 2010 zu schaffen.

Nur war Mertesacker in dieser Szene wahrlich kein eindeutiger Fehler zuzuordnen. Im Rückwärtslaufen hatte er keine Chance gegen den lauernden Zigic, der zudem noch vier Zentimeter größer gewachsen ist.

Trotzdem bleibt nach den Erfahrungswerten einer langen Vorbereitung und zweier WM-Gruppenspiele der leise Verdacht, dass die feste Größe Mertesacker noch immer nicht ganz angekommen ist in diesem Turnier.

Korsettstange im Mannschaftsgefüge

Der Auftakt gegen harmlose Australier war kein echter Gradmesser, gegen Serbien erwischte er einen schwachen Tag. Auch die Vorbereitungsspiele gegen Ungarn und Bosnien-Herzegowina waren für Mertsackers Verhältnisse eher unterdurchschnittlich.

Vor Beginn des Turniers war Merte eine der Korsettstangen einer Mannschaft in der Selbstfindungsphase.

Zusammen mit Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Miro Klose bildet er nicht nur eine Gemeinschaft innerhalb des Mannschaftsrats, sondern auch die Achse, an der sich der Rest des jungen Teams orientieren sollte.

"Jeder von uns Älteren muss noch etwas mehr Verantwortung übernehmen, wir müssen jetzt gemeinsam mit den Jüngeren da durch", hatte er vor dem Turnier und nach den vielen prominenten Ausfällen im Team der Deutschen gesagt.

Friedrich hinterlässt den besseren Eindruck

Die Mannschaft hat sich mittlerweile gefunden. Nur hat sich im Umkehrschluss Mertesackers Leistungsvermögen in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Als unumstrittene Nummer eins in der deutschen Innenverteidigung startete Mertesacker ins Turnier.

Unumstritten ist er noch immer. Die Nummer eins nicht mehr unbedingt. Arne Friedrich, zuvor eher als Notlösung neben dem gesetzten Mertesacker empfunden, hat bisher den stabileren Eindruck hinterlassen. Er wirkt frischer, spritziger und gedankenschneller.

Der Berliner hat die besseren Zweikampfwerte und ist vor allen Dingen sicherer im Passspiel. Mertesacker wird schneller fahrig, wenn er mit dem Ball am Fuß unter Druck gerät. Die Folge sind relativ unkontrollierte Befreiungsschläge, die nur selten den Mitspieler finden.

Jene unerschütterliche Sicherheit, die man sonst vom Bremer gewohnt ist, lässt Merte bisher noch vermissen. Sein Partner Friedrich sieht noch keinen Grund zu großer Besorgnis.

"Kein Sicherheitsproblem"

"Wir haben jetzt kein riesen Sicherheitsproblem. Da gibt es bei der WM bisher ganz andere Mannschaften. Wir haben zwei Spiele gespielt und erst ein Gegentor bekommen."

Vielmehr hinterfragt Friedrich das Abwehrverhalten der gesamten Mannschaft: "Es ist nicht nur die Abwehr gefordert, sondern auch die Mittelfeldspieler und die Stürmer. Und wir dürfen die Räume zwischen der Viererkette und unserem Mittelfeld nicht zu groß werden lassen."

Den Chefposten in der Innenverteidigung will Friedrich aber nicht beanspruchen - so er denn je existent war. Mertesackers Status war längst klar, als Boss oder Senior-Chef hat sich der Bremer aber nie gesehen. "Arne und ich geben beide den Ton an."

Immer noch leichte Abstimmungsprobleme

So ganz stimmt die Abstimmung aber noch nicht. Ein Problem stellt das neue Lieblingssystem der WM-Teilnehmer mit nur einer Sturmspitze dar. Feingliedrige Absprachen unter den beiden Innenverteidigern und den defensiven Mittelfeldspielern sind notwendig.

"Der Zehner muss gedeckt sein, aber wir dürfen in der Innenverteidigung nicht die Ordnung verlieren. Wir dürfen uns nicht zu früh aus der Viererkette nach vorne locken lassen", nennt Mertesacker das Anforderungsprofil.

Das Ghana-Spiel als Brustlöser

Für ihn sollte sein drittes großes Turnier auch eine Art Plattform sein, um sich zu präsentieren. In letzter Zeit denkt er immer häufiger und öffentlicher über einen möglichen Wechsel ins Ausland nach. Eine ganze Reihe angeblicher Interessenten soll schon Schlange stehen.

Jetzt muss Mertesacker aber aufpassen, dass das Turnier nicht schon vorbei ist, bevor es für ihn erst so richtig begonnen hat. Und bevor er hat zeigen können, dass er ein Weltklasse-Innenverteidiger ist.

"Der Druck gegen Ghana ist jetzt enorm. Es ist ein absolutes K.o.-Spiel, ein vorgezogenes Sechzehntelfinale", sagte er unmittelbar nach der Niederlage gegen Serbien. Die wahren Helden eines Turniers werden nicht in den Vorrunden geboren, sondern dann, wenn es um Alles oder Nichts geht.

Für Per Mertesacker ist die Eingewöhnungsphase vorbei. Ab jetzt zählt nur noch Spitzenleistung.

Neuer im Interview: "Ich strahle Ruhe aus"

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