Ice Age in Afrika

Von Für SPOX in Südafrika: Stefan Rommel
Mittwoch, 16.06.2010 | 16:04 Uhr
Der Ellis Park in Johannesburg bietet gerade im Winter nur begrenzten Komfort
© Getty
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Wir wurden ja im Vorfeld schon gewarnt. Der Ellis Park in Jo-burg grenzt direkt an Soweto, das härteste Township des Landes. Bisher hatten wir die Elendsviertel in Pretoria und Atterdigeville gesehen, aber Soweto ist dann doch noch eine andere Liga.

Ellis Park, Schauplatz der Partie Brasilien gegen Nordkorea, liegt anders als Soccer City in der Stadt und erwartungsgemäß empfing uns Jo-burg mit einer Rush Hour, die sich gewaschen hatte. Im Umkreis des Stadion brach nach und nach die komplette Verkehrsanarchie aus, wer schon mal nachts auf Bayern3 die Dauerschleife "Kreuzung in Neu Delhi" gesehen hat, wird ein ungefähres Bild davon vor Augen haben.

Aus allen Richtungen fuhren Autos, Mini-Busse und große Straßenkreuzer auf einen zentralen Punkt zu, Polizei und Organisationskräfte führten zwar lustige Tänze beim Einweisen auf, die Lage im Griff hatte aber niemand mehr.

"Parking safe" in zerstörten Seitenstraßen

Was sich für die Bewohner des Bezirks als sehr praktisch erwies. Rund anderthalb Stunden krochen wir Zentimeter um Zentimeter nach vorne, begleitet von einer Masse an Menschen, die uns ständig irgendwelche dubiosen Parkmöglichkeiten in einer der Seitenstraßen anbieten wollten.

Auf Papptafeln wurde uns "Parking inside" oder "Parking 1 minute" oder auch sehr beliebt "Parking safe" angeboten. Ein Blick in die dunklen und teilweise völlig zerstörten Seitenstraßen verwarf jedoch jeden noch so kleinen Gedanken an diese Option.

Zumal bis jetzt noch nicht so recht klar ist, wie diese noch nicht gänzlich ausgereifte Geschäftsidee praktisch vonstatten gehen soll. Schließlich war man eingequetscht in eine Lawine aus Blech, ohne Möglichkeit zu entkommen. Und einen Platz im Auto konnte sich jetzt keiner der Street Walkers ernsthaft erwartet haben.

Begrenzter Wohlfühlfaktor

Das besonders Doofe an dem Stau war auch, dass niemand mehr mitbekam, wie die Temperatur draußen von 15 auf allenfalls noch ein oder zwei Grad gefallen war. Als wir endlich am für uns vorgesehenen Parkplatz ankamen, gab es einen ersten Vorgeschmack darauf, was uns die nächsten Stunden erwarten würde. Der Wind pfiff nur so durch die Straßengassen.

Das Stadion hat seinen ganz eigenen Charme, mit steilen Tribünen und einer altmodisch-englischen Bauweise. Ein bisschen so, wie viele Stadien in Südamerika sind. Das ist toll anzuschauen und ergibt einen mächtigen Sound im Inneren.

Aber der Wohlfühlfaktor hielt sich doch sehr in Grenzen. Dadurch, dass die vier Seiten in den Ecken nicht geschlossen sind, wirbelte der Wind über die Tribünen und in jedem einzelnen Gesicht auf den Rängen war zu sehen, wie die Kälte langsam in die Glieder kroch.

Ellis Park ein Winter-Katalysator

Das ist also der südafrikanische Winter. Mein lieber Scholli, das knallt aber mal richtig. So sehr, dass rund eine Viertelstunde vor Spielende über ein Drittel der Plätze im Stadion leer war.

Allerdings muss man auch sagen, dass Ellis Park bei kaltem Wetter quasi als Katalysator dient und es zum Beispiel in Pretoria, das ja nur ca. 60 Kilometer entfernt ist, nachts nicht ganz so kalt wird. Und in Durban immer noch lässig auf der Promenade geschlendert wird.

Auf jeden Fall gibt's das nächste Mal dort für mich noch einen dritten Pullover. Und vielleicht kauf' ich mir ja doch noch so 'ne Südafrika-Perücke. Die sollte ein bisschen wärmen.

Tagebuch, Teil 4: Auslandsreise

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