Ein tragisch-schöner Tag

Von Für SPOX in Südafrika: Stefan Rommel
Samstag, 12.06.2010 | 12:04 Uhr
"Must haves" bei der WM: Brillengestelle im XXL-Format und Vuvuzelas (nicht im Bild)
© Getty
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Der erste Vorgeschmack wurde bereits am Freitagabend serviert. Auf der Kreuzung direkt vor unserem Hotel zeigte Südafrika, wie es den Fußball im Allgemeinen und diese WM im Speziellen zu kredenzen gedenkt: Laut, fröhlich und ziemlich gaga.

Aus dem Nichts formierte sich eine Masse von ca. 1000 Leuten, natürlich jeder mit der Vuvuzela bewaffnet. Web-2.0-Freaks würden jetzt einen verabredeten Flash-Mob vermuten. Aber das hier war einfach nur das zufällige Produkt von ein paar wenigen, die irgendetwas Verrücktes machen.

Wie zum Beispiel mitten auf der Kreuzung zu stehen und die Autos mit 60 km/h an sich vorbeirauschen zu lassen. Oder die Raupe: Dutzende setzen sich auf den Boden und hoppeln zentimeterweise nach vorne.

Innerhalb weniger Minuten hatten die Wegelagerer die Kreuzung in Besitz genommen. Autos durften nur noch durch, wenn sie sich mit einem anständigen Wheelie verabschiedeten, wobei mindestens drei oder vier Typen am oder auf dem Auto hingen.

Als die Polizei die Gruppe langsam durchfuhr, wurden kurzerhand die Wagen der Gesetzeshüter geentert, plötzlich fanden sich Menschen auf Motorhaube oder dem Dach wieder. Bis ca. 3 Uhr ging das so, beinahe fünf Stunden lang. Dann kehrte einigermaßen Ruhe ein und die Fans bereiteten sich zu Hause auf den großen Tag vor.

Video: Pretoria-Sunnyside-Freak-out

Alles perfekt organisiert

Samstag, 11. Juni 2010, Eröffnungsspiel in Johannesburg: Um 10 Uhr machten wir uns zu fünft im Auto von Pretoria auf den rund 60 km langen Weg nach Jo-burg. Vor dem Verkehr waren wir gewarnt. Sowohl vor dessen Intensität (Staugefahr), als auch vor dessen Unberechenbarkeit. Erst später sollten wir auf tragische Weise erfahren, was dahinter steckt.

Bereits eine Stunde später kamen wir am Stadion an und schmuggelten uns quasi auf einen Parkplatz in Abstoßweite vom Medienzelt. Das hatte die Größe eines Bierzelts auf der Wiesn, drinnen gab es ein McCafe, unzählige Informationsdesks und natürlich die Ausgabe der Match Tickets.

Davor die guten alten Dixie-Toiletten oder Container mit sanitären Einrichtungen. Alles in die karge Steppe vor dem Stadion gebaut, auf staubigen Sand und verwelktes Gras. Sah alles aus wie am letzten Tag eines großen Festivals. Aber: Es war alles perfekt organisiert!

"The Dream has come through"

Die Ticketvergabe lief reibungslos, Internet zwar nicht, aber es hat ja jeder auch nen Surfstick dabei. Um 13.30 Uhr gingen wir rüber zur Eröffnungsfeier. Die Nachricht vom tragischen Tod von Nelson Mandelas Ur-Enkelin drückte ein wenig auf die Stimmung. Sehr überraschend waren große Lücken auf den Tribünen auszumachen.

Die Feier war bunt und fröhlich, so wie es zu erwarten war. Leider mischte sich darunter der ebenfalls zu erwartende Schmalz-Vortrag von Joseph Blatter, der am Tag zuvor beim Kickoff-Konzert mit seinem schwarzen Anzug und dem weißen Schal aussah wie Danny de Vito als Pinguin in Batman. Das Highlight: "The dream has come through." Aber das nur am Rande.

Und niemand schreit "Schlaaand"

Gut eine halbe Stunde vor Spielbeginn füllte sich die Riesen-Schüssel. Und jetzt kamen sie, in einer gefühlten Auflage von zehn Millionen Stück: Die Vuvuzelas.

Neben der verachtenswert lauten Stadionregie, die die Fans mit Werbung und handverlesenen vier Songs dauerbeschallte, dröhnten die Tröten dermaßen am Trommelfell, dass selbst die Kommunikation mit dem Nebenmann zu einem unmöglichen Unterfangen wurde.

Endlich lief das Spiel, die Leute flippten aus. Aber sie feuerten die Mannschaft nicht an. Nicht in der Art, wie man sie in Europa, Südamerika oder Asien gewohnt ist. Hier gibt es keine Schlachtrufe, kein "Schlaaand". Noch nicht mal Fluchen oder Aufstöhnen. Nichts. Nur "möööööööööhhh". Gelegentlich brüllten die großartigen Mexikaner auf den Tribünen die Vuvuzelas aus dem Stadion.

Elefanten, Bienen, Ententanz

Wenn sich Südafrika dann aber doch mal über die Mittellinie wagte, hatte sie quasi eine Elefantenherde im Rücken. Oder einen unfassbar großen Schwarm Bienen. Oder mit was auch immer man das durchdringende Geräusch der Tröten umschreiben will.

Lustig für das europäisch konditionierte Fan-Auge sind aber die vielen kleinen Nebenkriegsschauplätze, die die Fans in Afrika immer wieder auftun. Auf der Tribüne hinter dem südafrikanischen Tor machten es sich 30 bis 40 Fans zur Tagesaufgabe, keine Sekunde vom Spiel mitzubekommen.

Mit dem Rücken zum Rasen tanzten sie nach vorne gebückt einen Ententanz, selbst die vielen Großchancen der Mexikaner störten da nicht. Die ziehen ihr Ding durch, wie irgendwie jeder hier so sein Ding durchzieht. Dann sieht das alles aus wie ein großer Haufen Ameisen, in dem jeder zwar für sich ist, das Gruppenbild am Ende aber doch stimmt.

Seth hatte Recht

Nach dem 1:0 schien die Riesen-Schüssel von Soccer City beinahe zu zerbersten, vom Krach der Vuvuzelas. Hatte mich Taxi Driver Seth nicht neulich noch gewarnt, mir würde es das Gehirn rausdonnern? Wohl noch niemals vorher hatte jemand mehr Recht als der gute Seth.

Wie wohl die Nacht verlaufen wird, wenn die das Ding hier wirklich gewinnen? Bereits am Abend zuvor vermochte das niemand so richtig vorauszusagen. Nur so viel: An Schlaf zu denken, wäre in etwa so abwegig wie an einen stabilen Internetzugang.

Rafa Marquez machte den schlimmsten Befürchtungen ein Ende. Und tatsächlich war von der ganz großen Euphorie nach dem Abpfiff nur noch wenig zu sehen. Die Vuvuzelas hatten sich schlafen gelegt, das Stadion war innerhalb von fünf Minuten so gut wie leer.

Die Tragödie ist immer dabei

Nach zwei Stunden auf der Pressekonferenz und im Medienzelt ging es zurück auf den Heimweg. Auch hier: Kein Stau, keine Probleme. Leider hielt das gute Gefühl nicht lange an. Nach gut einer halben Stunde Fahrt wurde uns bewusst, wie gefährlich der Straßenverkehr besonders bei Nacht hier wirklich ist.

Innerhalb von zehn Minuten erlebten wir drei schwere Verkehrsunfälle. Zwei auf unserer Spur, einer davon direkt vor unseren Augen. Ein dritter auf der Gegenfahrbahn. Auf die schlimmen Einzelheiten will ich nicht weiter eingehen.

Leider waren offenbar zwei Todesopfer zu beklagen.

Es scheint das Schicksal dieses Landes, dass sich in große Freude und Überschwänglichkeit auch immer gleich die Tragödie mischen muss.

Wer spielt gegen Australien? Klose oder Cacau?

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