Löw sorgt für Konfusion

Von SPOX
Sonntag, 27.06.2010 | 00:08 Uhr
Joachim Löw hatte im Gruppenspiel gegen Serbien kein Glück mit seinen Einwechslungen
© Getty
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Deutschland braucht im Klassiker gegen England (15.45 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY) einen Leader wie Michael Ballack. Jogi Löw sollte auf zwei Stürmer umstellen. Fabio Capello ist der bessere Trainer. Diese Thesen diskutieren Patrick Strasser, Klaus Bellstedt, Raphael Honigstein und Stefan Rommel.

These: Die Mannschaft braucht einen Leader wie Michael Ballack

von Patrick Strasser (AZ München)

Natürlich wäre ein gesunder Michael Ballack in Top-Form eine Stütze für diese junge Mannschaft, keine Frage. Doch die Gegenfrage lautet: Wäre ein Weiterkommen gegen England dann garantiert? Sicher nicht.

Es wird in dieser Partie darauf ankommen, die Mittelfeld-Hoheit zu gewinnen. Spielerisch, physisch und vor allem psychologisch. Mag ja sein, dass die Herren Lampard, Gerrard und Barry etwas mehr Respekt vor Ballack gehabt hätten, weil sie ihn aus der Premier League kennen.

Doch das Gegenargument liegt auf der Hand: Ballacks Spielweise ist den Engländern bestens bekannt, gerade Ex-Teamkollege Lampard kennt ihn auswendig. Die Spielweise Ballacks ist berechenbar und durchschaubar - auch wenn seine Zweikampf- und Kopfballstärke ein Trumpf ist.

Das Duo Schweinsteiger/Khedira hat bewiesen, dass es Ballack vertreten kann. Und bei Khedira passt der Sommermärchen-Kabinenbrüller von Klinsmann: "Die kennen unseren Sami noch gar nicht".

Als "Herz und Motor" der Mannschaft bezeichnet Joachim Löw Bastian Schweinsteiger und zwei Wochen zuvor als "emotionalen Leader", hat er das jemals über Ballack gesagt?

Es ist nicht von Nachteil, Kompetenzen und Autorität innerhalb der Mannschaft zu verteilen. Philipp Lahm ist der Kapitän, Per Mertesacker der (schwächelnde) Abwehrchef, Schweini der Emo-Leader und Mesut Özil der "Mr. Schussinsglück".

Ein großer Trainer des FC Bayern, aktuell im Amt, sagte einmal: "Die Besten sind immer die, die spielen." Treffender geht's nicht.

These: Deutschland braucht die Umstellung auf 4-4-2

von Klaus Bellstedt

Das bewährte 4-2-3-1-System umzustellen, nur weil Bastian Schweinsteiger gegen England möglicherweise ausfällt, wäre falsch. Vielleicht wäre es sogar fatal. Die Innenverteidigung, und dort vor allem Abwehrboss Per Mertesacker, spielt bis jetzt eine schwache WM.

Davor braucht die deutsche Mannschaft zur Absicherung zwingend zwei defensive Mittelfeldspieler. Sami Khedira gehört zwar zu den Jungen im Team, der U-21-Europameister verfügt aber dennoch über genügend internationale Erfahrung, um den potenziellen Schweinsteiger-Ersatzleuten Kroos oder Aogo an seiner Seite genügend Sicherheit zu verleihen.

Bei einem Wechsel zum 4-4-2-System ohne Raute müsste der Bundestrainer einen zentralen Mittelfeldspieler heraus nehmen. Aber der Mann der Stunde, Mesut Özil, ist kein Spieler, der gern auf den Außen spielt. Der Bremer weicht zwar gerne auf die Flügel aus, hat das Spiel aber am liebsten zentral vor sich, um dann Podolski, Klose oder Müller mit Pässen in die Tiefe zu füttern. Das muss so bleiben!

Und noch etwas spricht für die Beibehaltung des Systems: die Form der deutschen Stürmer. Bis zu seiner Herausstellung gegen Serbien spielte Miro Klose gute bis sehr gute 127 WM-Minuten. Cacau ist eigentlich immer nur dann gefährlich, wenn er von der Bank kommt. Der perfekte Joker quasi. Siehe Australien. Gegen England fällt er ohnehin aus.

Mario Gomez wurde zweimal eingewechselt und geisterte jeweils wie ein Schreckgespenst im gegnerischen Strafraum herum. Von Stefan Kießling spricht in diesen Tagen nicht mal mehr Joachim Löw.

Das 4-2-3-1-System ist auch auf Klose zugeschnitten. Gegen Australien und bis zu seiner Gelb-Roten Karte im Spiel gegen Serbien hat es sich bewährt. Warum also wechseln?

Klaus Bellstedt schreibt seit fünf Jahren für stern.de und ist der Erfinder von "bellstedts ballshow", der bissigen Fußball-Show im Netz.

These: Capello ist der bessere Trainer

von Raphael Honigstein

Im Grunde ist es ja eine ziemliche Unverschämtheit, Joachim Löw überhaupt mit Fabio Capello zu vergleichen. Der 64-Jährige hat in seiner bisherigen Trainerlaufbahn fünf mal den Scudetto in Italien gewonnen (vier Mal mit dem AC Milan, einmal mit AS Rom), ist zwei Mal Meister in Spanien mit Real Madrid geworden und hat darüber hinaus 1994 mit den Rossoneri die Champions League geholt.

Der Jogi wurde 1997 DFB-Pokalsieger mit dem VfB Stuttgart. Und, das sollte man nicht vergessen, österreichischer Meister mit Wacker Tirol (2002) Zwischen diesen beiden Triumphen ist der Badener auch mal mit Karlsruhe in die dritte Liga abgestiegen, aber das zählt ja nicht als Titel, nicht mal in Stuttgart.

Löw kann, an den nackten Resultaten gemessen, in geraumer Zukunft vielleicht mal ein Capello werden. Auf gleicher Höhe begegnen sich die beiden am Sonntag in dieser Hinsicht sicher nicht.

Die Vergangenheit zählt am Sonntag nichts, könnte man an dieser Stelle einwenden, das stimmt natürlich. Löw hat der DFB-Elf ein klares Gesicht und taktisches Konzept gegeben, während Capello noch nach der richtigen Aufstellung zu suchen scheint. Vielleicht noch wichtiger als die richtige Strategie ist aber die Fähigkeit, Fehler zu korrigieren und flexibel reagieren zu können.

Capello hat mit England in den vergangenen zwei Jahren unzählige Spiele durch beherzte Spielerwechsel umgebogen. Löw dagegen verlor beim 0:1 gegen Serbien wie schon beim 1:2 gegen Kroatien völlig die Nerven und riss Deutschland mit unglücklichen Wechseln (Odonkor, Marin, Gomez) vollends in die Konfusion.

Wenn es am Sonntag tatsächlich darum geht, wer den gewiefteren Trainer auf der Bank hat, sollten wir das Spiel vielleicht vorher mit 2:0 an die Engländer abschenken - und uns alle einen schönen Nachtmittag im Grünen machen.

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Er schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung" und die britische Tageszeitung "The Guardian". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

These: Englands Innenverteidigung ist die große Schwachstelle

von Stefan Rommel

Vor ein paar Wochen wären John Terry und Rio Ferdinand vielleicht noch als die beste Innenverteidigung der Welt durchgegangen. Beide kennen sich seit Jahren, stählen das defensive Zentrum der Three Lions schon seit Jahren.

Zu dumm, das Rio wegen einer Verletzung die WM verpasst und seine bessere Hälfte alleine zurück lässt. Denn ohne Ferdinand an seiner Seite ist Terry im Nationaldress nicht mehr als ein überdurchschnittlicher Verteidiger - aber weit von Weltklasse entfernt.

In der Luft kann man dem Chelsea-Star immer noch nichts vormachen. Die ist Terry fast nicht zu überwinden, auch seine Tacklings sind durchaus beeindruckend. Das war's dann aber auch schon mit positiven Eigenschaften.

Terry hat im Laufduell nicht immer die nötige Geschwindigkeit, wenn der Ball schnell und flach in seinen Wirkungsbereich kommt, verliert er gerne die Übersicht. Von seinem Nebenmann Jamie Carragher kann er da wenig Unterstützung erwarten. Liverpools Legende ist noch langsamer zu Fuß als Terry. Nur unwesentlich mehr Speed bekommen die Three Lions mit den Alternativen Ledley King und Matthew Upson auf den Platz.

Zudem scheinen sich Terry und Carragher nicht unbedingt grün, die Abstimmung zwischen beiden könnte weitaus besser sein. Hier liegt ein Schlüssel für die deutsche Offensive: Englands Innenverteidigung ist derzeit weit davon entfernt, die beste der Welt zu sein.

Die Formkurve spricht für England

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