Deutschland - England: Die Duelle

Ritter und Katastrophen

Von Andreas Lehner
Sonntag, 27.06.2010 | 10:45 Uhr
Wer entscheidet das Duell Deutschland gegen England? Klose und Özil oder Rooney und Gerrard?
© spox
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Deutschland trifft im Achtelfinale auf England (15.45 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY). Die Three Lions kommen mit einem Unterwäschemodel im Tor, einem geadelten Kapitän und Schweinsteigers Vorbild.

Manuel Neuer vs. David James

Ein Duell, das Deutschland allein aus Tradition nicht verlieren kann. Neuer ist eines der größten Talente Europas, wurde bei dieser WM aber nur selten gefordert. Gegen Ghana war er aber in den wichtigen Eins-gegen-eins-Duellen zur Stelle. James dagegen hat mit 39 Jahren seiner Karriere schon fast hinter sich.

Fand sich wie schon bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 zu Beginn des Turniers auf der Bank wieder, wurde aber von Robert Green praktisch ins Tor gebeten. Hat seinen Spitznahmen Calamity-James (Katastrophen-James) nicht von ungefähr. Ist in jedem Spiel für einen dicken Bock gut. Stieg in dieser Saison mit dem FC Portsmouth aus der Premier League ab. Sieht dafür immer gut aus, wenn er für Armani oder H&M - gern auch mal in Unterwäsche - modelt.

Per Mertesacker/Arne Friedrich vs. Wayne Rooney/Jermain Defoe

Deutsche Verteidiger und Vorstopper waren jahrelang auf der ganzen Welt aufgrund ihrer Härte und Kompromisslosigkeit gefürchtet. Mertesacker und Friedrich gehören nicht zu dieser Sorte. Mertesacker spielt bisher eine unterdurchschnittliche WM, Friedrich überzeugt dagegen als solider und zuverlässiger Zweikämpfer.

Richtig geprüft wurden beide aber in der Vorrunde nicht. Rooney und Defoe sind eine andere Qualität als Zigic und Gyan. Auch wenn Rooney in den ersten beiden Spielen nicht richtig fit und ausgelaugt wirkte, gehört er einfach zu den Besten der Welt auf dieser Position. Zudem zeigte er sich gegen Slowenien deutlich verbessert.

Vor allem die Explosivität und Wendigkeit der beiden eher kleingewachsenen Stürmer könnte insbesondere Mertesacker große Probleme bereiten - zumal Rooney zusammen mit Gerrard oft über halblinks angreift. Am Boden sind die Engländer klar im Vorteil, in der Luft dagegen chancenlos.

Philipp Lahm/Thomas Müller vs. Ashley Cole/Steven Gerrard

Deutschlands Sahneseite gegen Englands Prunkstück. Cole ist einer der besten Linksverteidiger der Welt, Gerrard einer der besten Mittelfeldspieler der Welt und Lahm einer der besten Außenverteidiger der Welt. Dazu Shootingstar Thomas Müller, der in der Nationalmannschaft mit derselben Unbekümmertheit auftritt wie beim FC Bayern.

Der Vorteil der Deutschen: Lahm und Müller kennen sich bestens aus München und funktionieren auch in der Defensive als Pärchen auf dem Flügel. Das passt bei den Engländern nicht. Gerrard ist zwar der Skipper des Teams und von der Queen schon zum Ritter geschlagen worden, aber er ist sicher kein Flügelspieler. Wegen seiner Disharmonie mit Lampard im Zentrum muss er aber auf Außen ausweichen. Trotzdem zieht es ihn immer wieder zur Mitte, bis zur Grundlinie geht er eigentlich gar nicht.

Da er trotzdem sehr offensiv ausgerichtet ist, leiden die Defensive und Coles Vorwärtsdrang darunter. Der Chelsea-Verteidiger hält sich betont zurück und überquert die Mittellinie ungewohnt zaghaft. Lahm und Müller müssen Cole im Verbund bearbeiten, in direkten Duellen ist er kaum zu bezwingen.

Jerome Boateng/Lukas Podolski vs. Glen Johnson/James Milner

Die neue Wade der Nation gehört Boateng. Ist er zu hundert Prozent fit, dürfte er wahrscheinlich wieder links hinten auflaufen. Mit seiner körperlichen Robustheit passt er gut zu Johnson und Milner.

Den 24-jährigen Mittelfeldspieler von Aston Villa kennt Boateng noch aus dem EM-Finale der U 21 im vorigen Jahr, das Deutschland 4:0 gewann. "Aber er war der Beste. Er schlägt gute Haken und Flanken, in der Liga hat er eine sehr gute Saison gespielt", wie Boateng zu berichten weiß.

Da Milner immer wieder Unterstützung vom dynamischen Johnson erhält, muss Podolski mehr und besser in der Defensive arbeiten als bisher im Turnier. Egal, wer hinter ihm spielt. Erste Alternative für Boateng wäre wohl wieder Badstuber, der der deutlich bessere Verteidiger ist als Jansen, aber in Sachen Schnelligkeit Defizite hat. Das könnte vor allem ein Problem werden, wenn Lennon ins Spiel kommt.

Gegen Jansen sprechen auch seine lange Verletzungspause und die fehlende Spielpraxis. Bei aller offensiven Gefahr, die Englands rechte Seite ausstrahlt, wirkt Johnson immer etwas hektisch und hibbelig im Spielaufbau. Leistete sich in seiner nervösen Art in allen drei Spielen jeweils in der Anfangsphase immer zwei bis drei richtig böse Fehler. Die muss Podolski nutzen.

Bastian Schweinsteiger/Sami Khedira/Mesut Özil vs. Gareth Barry/Frank Lampard

Der neue Oberschenkel der Nation gehört Schweinsteiger. Sein Ausfall wäre eine Katastrophe für das deutsche Team. Schweinsteiger ist Spielgestalter und Spielzerstörer in einer Person. Er bekommt immer den ersten Ball und ist oft Endstation für Angriffe des Gegners.

Schweinsteiger gehört bisher zu den besten Mittelfeldspielern bei diesem Turnier und ist deutlich präsenter als sein Vorbild Lampard auf englischer Seite, der sich bisher fast ausschließlich um die Offensive gekümmert und Barry so oft in der Rückwärtsbewegung im Stich gelassen hat. Die zahlenmäßige Überlegenheit des deutschen Dreier-Mittelfelds gegenüber den zwei Engländern könnte Deutschlands großes Plus in diesem Spiel werden.

Khedira und Özil müssen viel Druck auf den noch immer nicht hundert Prozent fitten Barry ausüben und so oft wie möglich in seinen Rücken kommen. Da Barry eigentlich das komplette defensive Mittelfeld der Engländer verkörpert und nicht überall gleichzeitig sein kann, ist der Abstand zu seiner Viererkette oft sehr groß. Die optimale Wohlfüllzone für Özil und ab und zu auch für den schleichenden Vagabunden Müller.

Miroslav Klose vs. John Terry/Matthew Upson

Die WM begann wie immer für Miroslav Klose - mit einem Tor im Auftaktspiel. Die übertriebene Gelb-Rote Karte im Spiel gegen Serbien hat ihn aber jäh aus dem Turnier gerissen.

Es bleibt die Frage, ob Klose durch die Pause ausgeruhter ins Spiel geht oder ob er seinen Rhythmus wieder verloren hat. Ihn erwartet auf jeden Fall ein beinhartes Duell mit der englischen Innenverteidigung.

Selbst für den kopfballstarken Klose wird in den Luftduellen nur wenig zu holen sein. Er muss deshalb den Ball in den Fuß bekommen und so gegen den in den ersten Spielen wüst durch die Gegend grätschenden Terry Fouls provozieren.

Noch ist unklar, wer an der Seite des Ex-Kapitäns verteidigen wird. Da Upson gegen Slowenien den bisher besten Eindruck der restlichen Innenverteidiger hinterlassen hat, wird er wohl beginnen. Aus deutscher Sicht wäre ein Einsatz von Carragher interessanter. Der war hektisch, übermotiviert und ungeschickt. Aber das dürfte auch Capello erkannt haben.

Deutschland - England: Die Bilanz

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