"Viel von Romario abgeguckt"

Von Für SPOX in Südafrika: Stefan Rommel
Freitag, 11.06.2010 | 08:23 Uhr
So sehen die deutschen Fußballfans Nationalmannschaftsstürmer Cacau am liebsten
© Getty
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Er war arbeitslos und ohne Perspektive, dennoch setzte sich Cacau durch - und träumt nun vom Stammplatz bei der WM. Der Stürmer des VfB Stuttgart im Interview über sich, das Leben im Slum und die integrative Kraft des Fußballs.

Frage: Cacau, was muss ein kompletter Stürmer können?

Cacau: Es gibt nicht viele davon. Er muss technisch sehr stark sein, kopfballstark und sehr schnell. Und er muss gut dribbeln können.

Frage: Wo soll er denn stehen - vorn im Sturmzentrum?

Cacau: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. (lacht)

Frage: Der Name Klose fiel doch noch gar nicht. Gibt es denn ein Vorbild für Sie?

Cacau: Früher hab ich mir immer viel von Romario abgeguckt. Unglaublich, wie cool und selbstbewusst er vor dem Tor agiert hat und wie er die Tore gemacht hat. Auch Ronaldo war fast perfekt, bis auf sein Kopfballspiel.

Frage: Bundestrainer Löw hat sie geholt, weil er glaubt, Sie passen gut zu seiner Philosophie vom Spiel. Wie lang hat es gedauert, bis Sie die verinnerlicht hatten?

Cacau: Er hat mich tatsächlich geholt, weil meine Spielweise in dieses Team passt. Das war anfangs nicht leicht zu vermitteln, noch nach der Asienreise im letzten Sommer haben viele gefragt: Warum hat er den denn geholt? Aber Löw hat mir und meinen Fähigkeiten vertraut. Das Spiel der Mannschaft kommt mir entgegen: viele Doppelpässe, der Ball immer am Boden.

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Frage: Sie wirken stets sehr gelassen, müssen im Spiel ja aber auch kämpferisch sein. Wie kriegen Sie diese Balance hin?

Cacau: Ja, das ist schwierig, auch im Spiel. Da muss man einerseits die Spannung hochhalten, darf das aber nicht übertreiben, denn sonst reißt der Spannungsfaden und man will zu viel. Nur locker und gelassen darf man aber auch nicht sein, sonst fehlt einem die nötige Spannung. Für diese Balance braucht es viel Erfahrung, aber ich bin ja mit 29 Jahren einer der Ältesten in der Mannschaft. Mir fällt es jetzt leichter als noch vor zwei oder drei Jahren, da den Mittelweg zu finden.

Frage: Im DFB-Team spielen elf Profis mit ausländischen Wurzeln, nur drei WM-Mannschaften haben einen höheren Anteil an Migranten. Was sagt das über den Fußball und über Deutschland?

Cacau: Die Nationalmannschaft spiegelt die Gesellschaft wieder. In Deutschland leben viele Ausländer und Zuwanderer, die sich durchgesetzt und integriert haben - und so ist das auch in der Nationalmannschaft. Das ist ein sehr gutes Zeichen für den Fußball und für das Land. Das zeigt mir, dass Deutschland ein Land ist, das einem Chancen gibt - auch wenn das viele anders sehen. Wer die richtige Einstellung hat, kann es schaffen, man sieht es in jedem Bereich, in der Wirtschaft und im Fußball.

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Frage: Sie sind bekanntlich ein tief religiöser Mensch. Wie können Sie hier im Mannschaftshotel Ihren Glauben ausüben?

Cacau: Ich lese in der Bibel und bete - ganz normal, wie wenn ich zu Hause bin. Es ist nicht wichtig, wo man ist, sondern wie man es macht. Und für mich ist es selbstverständlich, es gehört zu meinem Leben.

Frage: Beten Sie mit anderen Spielern gemeinsam?

Cacau: Nein, das mache ich allein.

Frage: Sie haben im Leben ja einige Rückschläge erlitten. In Brasilien bekamen Sie keinen Profivertrag, der Anfang in Deutschland war schwer. Haben diese Erfahrungen im Alter zwischen 16 und 19 den Fußballer Cacau geprägt, oder definiert sich der Mensch Cacau über den Fußball?

Cacau: Alles, was mir im Leben widerfahren ist, nicht nur im Fußball, hat mich geprägt. Der Anfang war wirklich schwer, in München bei Türk Gücü habe ich zeitweise kein Gehalt bekommen - wenn man von Gehalt sprechen kann - oder musste mit anderen schwierigen Situationen umgehen. Das zu lernen und durchzustehen, hat mich geprägt.

Frage: Hatten Sie sich vor der WM schon mit Südafrika beschäftigt?

Cacau: Ich hatte dies und das gelesen, mich aber noch nicht intensiv mit dem Land beschäftigt. Aber jetzt ist es wichtig, sich mit dem Land auseinanderzusetzen und seine Geschichte zu lernen. Ich weiß mittlerweile, wie viel diese Menschen hier zu erleiden hatten.

Frage: Sie trainieren hier jeden Tag in einem Township, einer Armensiedlung. Würden Sie da, um mehr zu erfahren, gern einmal hineingehen?

Cacau: Ich weiß, wie es da aussieht - ich bin schließlich in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen. Das ist für mich nicht neu. Ich könnte da sogar allein hineingehen, und ich bin hundertprozentig sicher, dass mir da nichts passieren würde. Man muss hinter die Kulissen der Armut sehen - und entdeckt dann auch dort Menschen, die glücklich sind. Obwohl ich zugebe: So möchte ich nicht mehr leben. Wenn wir da jetzt vorbeifahren, fühle ich mich ein bisschen wie zu Hause, da kommen viele Erinnerungen hoch.

Frage: Wenn der gut bezahlte Fußballprofi Cacau hier in Südafrika quasi auf seine Vergangenheit blickt, was überwiegt dann bei ihm: der Stolz, es geschafft zu haben, oder die Dankbarkeit, das Glück gehabt zu haben?

Cacau: Die Dankbarkeit.

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