Michael Ballacks bitterste Stunde

Der Blick geht ins Leere

Von Florian Bogner
Montag, 17.05.2010 | 23:00 Uhr
Michael Ballack (auf Krücken) verpasst die WM 2010 in Südafrika wegen einer Fußverletzung
© Imago
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Michael Ballack hat beim DFB zehn Jahre lang eine Ära geprägt. Diese ist nun vorbei. Soviel steht nach der für Ballack erschütternden Diagnose am Montagmorgen fest. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft verpasst die WM 2010, seine letzte Chance auf den goldenen Pokal. Und wäre es nicht so furchtbar traurig, man könnte sagen, Ballack habe einen Hang zum Drama.

"Die Enttäuschung ist natürlich groß", sagte Ballack am Montag in München nach seinem Arzt-Besuch, von TV-Kameras umringt. "Das muss man jetzt akzeptieren. Hilft nichts." Die Stimme gedämpft und brüchig, Ballack lehnt vornüber auf Krücken, im Hintergrund ein Baugerüst. Der Blick geht ins Leere, seine Karriere bleibt unvollkommen. "Es ist bitter. Aber es muss weiter gehen."

Das Jahrzehnt 2000 bis 2009 wird beim DFB in Zukunft als Ballack-Epoche gelten. Wie Lothar Matthäus, wie Franz Beckenbauer, wie Uwe Seeler und wie Fritz Walter hat er eine Dekade geprägt. Ein Titel blieb Ballack jedoch verwehrt.

Ballack steht in der DFB-Länderspielstatistik auf Rang neun. Außer den DDR-Kickern Joachim Streich und Dixie Dörner haben bis Platz 12 alle einen Titel gewonnen. Ballack nicht.

"Das ist brutal, furchtbar für Michael. Er war da voller Optimismus und wollte eine super WM spielen", kondolierte Rudi Völler. "Es gibt Spieler, die kann eine Mannschaft nur schwer ersetzen, dazu zählt ein Michael Ballack."

Seine Karriere: unvollendet

2002, bei seiner ersten WM unter Völler, verpasste Ballack das Finale, weil er sich in der Vorschlussrunde für eine Gelbe Karte opferte. Deutschland verlor das Endspiel. Über die EM 2000, Ballack war nur Ersatz, und die EM 2004 kann man getrost den Mantel des Schweigens legen.

Im August 2004 machte ihn Jürgen Klinsmann zum Kapitän. Zwei Jahre später verpasste er mit einer Wadenverletzung das Eröffnungsspiel im eigenen Land.

Ballack wollte spielen, Klinsmann ihn nicht spielen lassen. Die Verletzung war dem Capitano das gesamte Turnier über anzumerken. Einen Ballack-Stempel bekam das Sommermärchen nicht.

2008 spielte er zwar das EM-Finale, allerdings erneut an der Wade lädiert. Ballack verwaltete sich und seinen Körper mehr, als dass er agierte. Wieder verlor das DFB-Team. Später blieb vor allem Ballacks Disput mit Oliver Bierhoff nach Abpfiff hängen.

Kurz vor der WM 2010 hätte der 33-Jährige nun seinen 100. Länderspieleinsatz gefeiert. Sechs Jahre Capitano - seit Matthäus (1987-1994) hatte keiner mehr das Kapitänsamt so lange inne.

Die WM sollte sein letzter großer Aufgalopp vor einem Welt-Publikum werden. Wie sagte Ballack? "Es ist bitter."

Seine Zukunft: ungewiss

Wie es für ihn nun weiter geht, ist ungewiss. Sein Vertrag beim FC Chelsea läuft aus. Der 33-Jährige forderte bis zuletzt einen Zwei-Jahres-Vertrag, Roman Abramowitsch rückte aber nur mit einem Jahr aus.

Ballacks Verhandlungsposition hat sich nicht verbessert. Ein Wechsel weg aus London? Kaum vorstellbar.

Dass Ballack auf Vereinsebene weiter machen wird, steht nicht zur Diskussion. Nur wo? Wie lange? Fragen, die sich der Capitano nun selbst beantworten muss. Wenn der erste Schmerz weg ist. Erst in acht Wochen ist für ihn wieder an Fußball zu denken.

In punkto Nationalmannschaft hatte Ballack zuletzt immer betont, erst die WM abwarten zu wollen. Ein ruhmreicher Abgang mit dem WM-Pokal in Händen schwebte ihm vielleicht vor. Findet er nun überhaupt noch mal die Motivation, ein verjüngtes Team zur nächsten EM zu führen?

Und ob Joachim Löw oder dessen Nachfolger nach dem Turnier in Südafrika noch mit dem alternden Star plant, dessen Verletzungsanfälligkeit in den kommenden Jahren bestimmt nicht abnehmen wird, steht ebenso in den Sternen. Ballack wird sicher nicht zurücktreten. Wie sagte er? "Es muss weiter gehen."

Sein Abgang: bitter

Löws Statement zu Ballacks WM-Aus klang dennoch schon fast wie ein Abgesang. "Natürlich sind wir alle tieftraurig, weil er unser Kapitän ist und ein Weltklassespieler, der gerade in den wichtigen, in den entscheidenden Spielen, immer eine tragende Rolle bei uns eingenommen hat", sagte der Bundestrainer.

Gut möglich also, dass Ballacks Nationalmannschaftskarriere nicht mit dem langersehnten Titel, sondern mit einem Riss des Innenbandes und einem Teilriss der Syndesmose im rechten Sprunggelenk endet.

Vor acht Jahren sagte Ballack zum verpassten WM-Finale: "Das ist das Bitterste, was man als Fußballer mitmachen kann." Nun hat er die exklusive Erkenntnis, dass es noch bitterer ist, wenn man gar nicht erst dabei ist.

Ballacks Aus und die Folgen: Das große Vakuum

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