Nach dem Ausfall von Westermann

Wird Löw jetzt doch nachnominieren?

Von Für SPOX in Eppan: Stefan Rommel
Montag, 31.05.2010 | 10:08 Uhr
Bundestrainer Joachim Löw muss bis Dienstag 12 Uhr eine schwere Entscheidung fällen
© Getty
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Heiko Westermanns Ausfall stürzt Bundestrainer Joachim Löw in die nächste Verlegenheit: Bleibt der Kader in seiner Zusammensetzung so bestehen oder soll er vor der Deadline am Dienstag um 12 Uhr doch noch einen Mittelfeldspieler nachnominieren? Die einzige echte Alternative wäre der Dortmunder Mats Hummels.

Bis vor wenigen Tagen war das Zentralkrankenhaus Bozen in Deutschland kein Begriff. Ein schmuckloser Komplex aus den 70ern, immerhin aber schön gelegen zwischen den Bergen der nördlichen Weinstraße.

Mittlerweile liegen in Bozen zwei WM-Träume begraben. Der von Christian Träsch und der Heiko Westermanns. Beides deutsche Nationalspieler und beide mit einem Freifahrtsschein nach Südafrika ausgestattet.

Jetzt sitzen sie zu Hause. Die WM erleben sie im eigenen Garten, mit Freunden am Fernseher. Und Joachim Löw wird ihnen womöglich noch die eine oder andere Träne nachweinen.

Sinneswandel bei Löw?

Dem "Südtirol-Fluch" ("Bild") wollte die deutsche Nationalmannschaft eins auswischen, so schien es. Die Mannschaft reiste zum vorletzten Testspiel extra ins entfernte Budapest. 92 Minuten lang lief alles prächtig.

Deutschland spielte eine ordentliche Partie, zwei kleine Schrecksekunden wurden ohne größere Zwischenfälle überstanden, nachdem sich erst Lukas Podolski nach einem harten Einsatz am Boden krümmte und dann in der Halbzeit Sami Khedira mit muskulären Problemen vorsichtshalber in der Kabine blieb.

Dann kam Westermanns Verletzung, zugezogen bei der letzten Aktion des Spiels. Und mit ihr kommen die nächsten Probleme - und vielleicht auch ein spät erzwungener Sinneswandel beim Bundestrainer.

HUN-GER: Das Spiel in der Analyse

Vielseitigkeit als Trumpf

"Defensivallrounder" lautet die grob umrissene Arbeitsplatzbeschreibung Westermanns. Der Schalker ist kein Spezialspieler wie Mesut Özil oder Mario Gomez, die auf ihre Positionen fixiert sind und keine Alternative für andere Planstellen bieten.

"Heiko hätte bei der WM eine wesentliche Rolle in unserem Team gespielt. Er wäre aufgrund seiner Vielseitigkeit für uns wichtig gewesen", sagte Löw am Sonntag, nachdem Westermanns Ausfall nach einer Kernspinuntersuchung im Krankenhaus von Bozen Gewissheit wurde.

Simon Rolfes, Michael Ballack und Christian Träsch mussten verletzungsbedingt absagen, Torsten Frings erfuhr seine Ausbootung bereits im Januar, Thomas Hitzlsperger bootete sich mit seinem Fehlgriff Lazio Rom selbst aus.

Vom Parade- zum Problemfeld

Westermann war eine echte Alternative für das zentrale defensive Mittelfeld, das innerhalb von drei Monaten vom Parade- zum Problemfeld der deutschen Mannschaft mutierte.

Westermann kann von allem ein bisschen was und genau das machte ihn so wertvoll für diese Mannschaft. Zumal sich Löw spätestens seit der Verletzung Träschs das Hirn zermartert über die Alternativen im defensiven Mittelfeld, das ja neben seiner gestalterischen Aufgabe auch das Spiel des Gegners zerstören soll.

Hier wäre Westermann in bestimmten Situationen eine Bank gewesen. Denn der Schalker brachte wie wenige sonst im Kader ein wichtiges, urdeutsches Element ein: Härte. Diese Mannschaft in ihrer momentanen Zusammensetzung ist vielleicht die untypischste deutsche WM-Mannschaft aller Zeiten.

Deutschland spielt Fußball, gearbeitet wird nebenbei. Früher war das anders. Da walzten sich Kampfmaschinen bis ins Finale vor, die spielerisch so armselig waren Schottland oder Uruguay.

Löw hat eine andere Mannschaft zusammen. Ein Team, das spielen will und auch kann. Aber auch ein Team, das von sich selbst noch nicht so recht weiß, ob es in kritischen Situationen nicht lieber kämpfen und grätschen soll.

Lahm als Mittelfeldoption unwahrscheinlich

Die Diskussionen um eine mögliche Nachnominierung werden sich in den letzten Stunden vor dem Ende der Nominierungsfrist überschlagen. Im Kader sind mit großen Abstrichen nur noch Jerome Boateng oder Dennis Aogo eine Option für die defensive Mittelfeldvariante - und natürlich Philipp Lahm.

Aber eine Versetzung seines Kapitäns ins Zentrum kann sich Löw nicht leisten. Zu offensichtlich sind die Mängel der anderen Außenverteidigerkandidaten, vor allem im Offensivspiel. Selbst gegen die schwachen Ungarn war Löw unzufrieden, fordert "mehr Dampf" über die Außen.

Den einzigen Dampfmacher jetzt zu opfern - wenngleich für eine wichtige Position - dürfte Löw nicht in den Sinn kommen. Dann schon vielmehr eine Nachnominierung.

Hummels als Alternative

Einige denken auch schon darüber nach, ob Löw nicht von seinem eigentlichen Ziel, sechs Angreifer mitzunehmen, abkehren sollte. Aber was soll das Streichen eines Stürmer damit zu tun haben, ob Westermann nun ersetzt werden kann oder nicht?

Wahrscheinlicher ist da schon die Variante, nun doch noch einen Spieler aus dem Wartesaal nachzunominieren.

Im Prinzip bietet sich dafür nur Mats Hummels an. Der Dortmunder ist quasi die Light-Ausgabe von Westermann. Beheimatet in der Innenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld, technisch beschlagener, aber ebenso robust im Zweikampf - dafür weniger erfahren und ohne echten Trainingsrhythmus.

Aber eben auch ein Rollenspieler, dazu reif genug für seine 21 Jahre. Hummels hat in Dortmund ähnlich wie sein Schalker Kumpel Benedikt Höwedes eine starke Saison abgeliefert. Nur ist Hummels als Mittelfeldspieler eine Spur weiter und besser ausgebildet als Höwedes. Und bestimmt keiner, der Stunk macht, wenn er bei der WM nicht spielen sollte.

Keine Klarheit bis Dienstag

Am Dienstag um 12 Uhr muss Löw die Liste der Spieler an die FIFA faxen, die er mit nach Südafrika nehmen will.

Erst danach will sich der Bundestrainer vor der Presse erklären. Bis dahin bleibt wohl noch einiges unklar.

Wie auch das Schicksal eines Journalisten. Neulich hatte der sich beim abendlichen Kick am Arm verletzt.

Nach der Voruntersuchung bei DFB-Arzt Dr. Josef Schmitt lieferte das Zentralkrankenhaus Bozen die genaue Diagnose: Bruch der Speiche im rechten Arm, sechs Wochen Gipsverband, WM-Einsatz fraglich.

Westermann: WM-Aus nach Kahnbeinbruch

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