Mehr Demokratie wagen

Von Für SPOX in Eppan: Stefan Rommel
Donnerstag, 27.05.2010 | 19:25 Uhr
Philipp Lahm (FC Bayern München) gilt als Favorit auf die Kapitäns-Nachfolge von Michael Ballack
© Getty
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Philipp Lahm steht offenbar kurz davor, als Kapitän Nachfolger von Michael Ballack in der Nationalmannschaft zu werden. Am Freitag will Bundestrainer Joachim Löw seine endgültige Entscheidung bekanntgeben. Mit der Ernennung des neuen Kapitäns steht die Mannschaft auch vor einer Umstrukturierung ihres innerbetrieblichen Machtgefüges und vor der Bildung einer neuen Hierarchie.

Der Deutsche Fußball-Bund hätte sich der nervigen Diskussion schon längst entledigen können. Am Mittwochabend berichtete die "Bild", dass sich Joachim Löw unter anderem auf Philipp Lahm als neuen Kapitän der Nationalmannschaft festgelegt habe.

Auf der Pressekonferenz am Donnerstag aber wies der Verband die Meldung als "reine Spekulation" aus, eine endgültige Entscheidung werde erst am späten Abend gefällt und dann am Freitag verkündet.

Also erhält die Diskussion um den Nachfolger von Michael Ballack noch einen Tag Galgenfrist, auch wenn vieles in der Tat auf Lahm als neuen Kapitän hindeutet.

Aber wie wichtig ist diese Personalentscheidung eigentlich? Welche Anforderungen werden dem kommenden Kapitän gestellt und wie verändert sich das Gefüge innerhalb der Mannschaft?

SPOX beantwortet die dringlichsten Fragen.

Wie sieht die Rolle des DFB-Kapitäns aus? Ballacks Einfluss war sehr groß. Er saß mit der sportlichen Leitung vor wichtigen Spielen zusammen und diskutierte System und Spielausrichtung. Auch in Personalentscheidungen mischte sich der 33-Jährige mit ein. Manchmal strapazierte Ballack damit nicht nur Löws Geduld, sondern auch die seiner Mitspieler.

Der Chemnitzer entwickelte sich seit seiner Inthronisierung durch Jürgen Klinsmann vom anerkannten Führungsspieler (2004) über den unumstrittenen Anführer (2006) zu einer Art kleinem Diktator (2008). Ballacks Machtfülle im Team war bei der EM vor zwei Jahren enorm, gestärkt durch seinen Helfer Torsten Frings bestimmte er die Marschrichtung - auch gegen den Willen der Mehrheit.

Damit eckte er bei seinen Mitspielern auch oft genug an, wie nach der Vorrunde-Niederlage 2008 gegen Kroatien. Oder beim Führungsstab, wie nach der Finale-Niederlage gegen Spanien, als er noch auf dem Platz mit Teammanager Oliver Bierhoff aneinander geriet.

Ballacks Stil war bisweilen sehr herrisch und schroff, auf dem Platz aber blieb er trotz aller Nebenkriegsschauplätze Löws verlängerter Arm - auch wenn sein Einfluss mehr und mehr schwand und seine Mannschaft sich weniger Nörgelei wünschte.

In der Art wird sich der neue Kapitän so schnell nicht in seiner Rolle einrichten können. Dafür fehlt schlicht die Zeit. Bei allen Kandidaten sind die grundlegenden Eigenschaften, Fähigkeiten und das Standing innerhalb der Mannschaft vorhanden. Einen echten Führungsanspruch kann man sich aber nicht einfach über den Arm streifen, man muss ihn sich eher nach und nach erarbeiten.

"Kapitän-sein" ist ein organischer Prozess, man wächst nach und nach in die Rolle hinein. Insofern ist die kommende Entscheidung für die WM auch eine Art Übergangslösung, die danach aber zur Dauerlkösung werden könnte.

Bildet sich jetzt eine ganze Gruppe von Anführern? Aus dem Mannschaftsrat bleiben nach Ballacks Ausfall noch Lahm, Bastian Schweinsteiger, Arne Friedrich, Miroslav Klose und Per Mertesacker übrig. Die werden auch jetzt die Mannschaft anführen - ganz egal, wer neuer Kapitän wird.

Lahm will sich für den Fall, dass er tatsächlich neuer Kapitän wird, immer eng mit seinen Kollegen aus dem Mannschaftsrat besprechen. Im Gegenzug gehen diese auch davon aus, dass sich der neue Leitwolf nicht über den Rest stellt und wollen ihrerseits unterstützend eingreifen.

"Man muss nicht unbedingt die Kapitänsbinde tragen, um Verantwortung zu übernehmen. Wir haben eine sehr junge Mannschaft, da ist es gerade an den älteren Spielern, voranzugehen", sagt Friedrich im Gespräch mit SPOX. Er ist neben Heiko Westermann der einzige im Team, der die Aufgaben eines Kapitäns auch im Verein ausüben darf.

Friedrich weiß also, wovon er spricht. "Man muss Präsenz auf dem Platz zeigen, außerdem verbal aktiv sein, auch außerhalb des Platzes mit Mitspielern sprechen. Das sind die Aufgaben, die ein Kapitän zu erledigen hat. Da versuche ich, meine Aufgaben zu erfüllen."

Braucht Deutschland einen Platzhirsch wie Ballack? Der verletzte Kapitän wuchs nach und nach in die Rolle des Kommunikators auf dem Platz. Kaum eine Partie verstrich, ohne dass Ballack sich nicht mehrmals mit dem Schiedsrichter, Gegen- oder Mitspielern angelegt hätte.

Für die Mannschaft waren das wichtige Zeichen und Impulse, ein Weckruf zur rechten Zeit. Der Gegner wurde damit durchaus auch eingeschüchtert, vor allem in wichtigen Spielen gegen große Nationen ist ein Gegengewicht zum Pendant auf der anderen Seite ein wichtiger Faktor. Ebenso lassen sich auch die Unparteiischen von einem Spieler wie Ballack beeindrucken.

Mark van Bommel oder Stefan Effenberg sind - beziehungsweise waren - ähnlich gesprächig und wie Ballack die Art Spieler, die auch vor einem harten Foulspiel nicht zurückschreck(t)en, um dem Gegner die Grenzen aufzuzeigen und der Mannschaft ein Zeichen zu setzen.

Wie ändert sich die Hierarchie innerhalb der Mannschaft? Ballack interpretierte sein Amt weitgehend losgelöst vom Rest der Mannschaft, nur mit wenigen stimmte er sich ab: Mit seinen Vertrauten Frings und Bernd Schneider etwa, oder mit Jens Lehmann, dessen Wort selbst beim Capitano Gewicht hatte.

Auf der anderen Seite gab es aber auch offenkundige Gegner Ballacks. Friedrich oder Klose wendeten sich vor zwei Jahren mehr oder weniger öffentlich von ihm ab, nach dem Turnier verscherzte es sich Ballack nach einem bewusst lancierten Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auch noch mit dem Bundestrainer. Erst sein reumütiges Zurückrudern, das im Burgfrieden im Oktober 2008 endete, bewahrte ihn damals vor einem möglichen Rauswurf.

Die Hierarchie war lange Zeit eindeutig in Pyramidenform geregelt, mit Ballack an der Spitze, altgedienten Spielern wie Frings, Schneider, Lehmann darunter. Erst danach Schweinsteiger,Lahm oder Lukas Podolski.

Vor allem die vielen jungen Spieler im Kader wünschen sich jetzt aber eine deutlich flachere Hierarchie. Der Kapitän soll durchaus eine gewisse Sonderstellung genießen dürfen, trotzdem aber weiter Gleicher unter Gleichen sein.

Westermann erklärt die neue Gleichberechtigung so: "Ich orientiere mich an Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Per Mertesacker, auch wenn sie teils jünger sind. Aber als Führungsspieler schlechthin sehe ich Miroslav Klose. Er hat sehr viel Erfahrung. Und solange ich ihn kenne, gibt er immer 1000 Prozent. Miro lebt den jungen Spielern vor, wie Dinge funktionieren."

Oder, wie es Thomas Müller auf der Pressekonferenz am Donnerstag ausdrückte: "Ich denke nicht, dass jetzt als Kapitän einer aufsteht und sagt: 'Ich will jetzt, dass ihr das so oder so macht!'"

Diese deutsche Mannschaft ist nach den prominenten Ausfällen mehr denn je auf ihren Zusammenhalt innerhalb der Gruppe angewiesen. Der eine starke Mann ist mit Ballacks Verletzung zumindest für die WM Geschichte.

Der neue Kapitän soll jetzt vielmehr als feiner Sensor dienen, der sich der Probleme auf und außerhalb des Platzes annimmt und diese im Dialog zu lösen versucht.

Das Team kann mehr Demokratie gut vertragen. Am Bundestrainer und am Kapitän wird es sein, diese auch zu wagen.

Wird es neue heimliche Chefs geben? Die Spieler aus dem Mannschaftsrat werden sich die wichtigsten Aufgaben teilen. Das bedeutet - gepaart mit dem neuen demokratischen Führungsstil - aber auch, dass es keinen richtigen Häuptling mehr geben wird, dafür aber viele Indianer.

Daraus erwächst die Chance für den einen oder anderen Spieler, jetzt in die Lücke zu stoßen und das entstehende Vakuum mit zu füllen. Auch wenn Jörg Butt wohl keine Minute spielen wird, dürfte das Wort des 36-Jährigen doch von großer Bedeutung sein.

Selbst als Butt bei den Bayern nur die Nummer zwei hinter Michael Rensing war, ergriff er in den Trainingseinheiten immer wieder lautstark die Initiative.

Ähnliches gilt für Sami Khedira. Der Stuttgarter hat zwar bisher erst läppische 103 Länderspielminuten absolviert, ist in seiner Veranlagung aber der geborene Führungsspieler und auch nicht scheu, diese Rolle selbstbewusst anzunehmen.

Beim VfB und letztes Jahr als Kapitän der U-21-Europameister hat Khedira seine Qualitäten diesbezüglich schon eindrucksvoll bewiesen. Die Reife und das nötige Selbstbewusstsein bringt der 23-Jährige auf jeden Fall mit.

DFB vertagt Entscheidung über Lahm und Neuer

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