Fussball

Ein Sieg der mentalen Stärke

Von Für SPOX in Moskau: Stefan Rommel
Joachim Löw und seine Assistenten können nach der geschafften WM-Qualifikation durchatmen
© Getty

Wenn es noch eines Beweises bedurfte hätte, wie wichtig diese eine Partie im Luschniki-Stadion für den Deutschen Fußball-Bund war, Joachim Löw hätte ihn pflichtbewusst erbracht.

93 Minuten lang ging der Kampf von Moskau um den Fahrschein nach Südafrika und Löw nutzte den bequemen Sitz, den ihm die Russen ans Ende der Ersatzbank gestellt hatten, im Prinzip gar nicht.

Löw stand. Und während er stand, gestikulierte und fuchtelte er wild mit den Armen. Ein untypischer Löw, der sonst sehr spärlich seine Anweisungen auf die Wiese ruft.

"Druck" war ein sehr beliebtes Wort in den letzten Tagen. Er war spürbar und machte dem einen oder anderen Außenstehenden auch ein bisschen Angst. Aber für die Mannschaft war er ganz offenbar mehr Vehikel als Belastung.

Als die Hymnen im Betonklotz Luschniki-Stadion erklangen, musste man fast schon das Schlimmste befürchten. Die russischen Fans sangen ihre Hymne nicht, sie brüllten sie.

Deutschland unbeeindruckt von Fans und Kunstrasen

Aber schnell war zu sehen, dass es nicht die Deutschen waren, die Probleme mit Nerven und Konzentration hatten - sondern die Gastgeber.

Die deutsche Mannschaft fand schnell ihren Rhythmus, erlangte Ball- und Passsicherheit. Trotz des Hexenkessels Luschniki, trotz 70.000 fanatischer Russen, trotz des ominösen Kunstrasens und trotz der Gewissheit im Hinterkopf, dass bei einer Niederlage die Playoffs winken würden.

Vor der Partie hatte Löw sich nicht auf die Systemdiskussion einlassen wollen. Er betonte stattdessen immer wieder, dass nicht Taktik oder Schemata entscheidend sein würden, sondern eine hohe Konzentrationsfähigkeit. Und die legte seine Mannschaft in großen Teilen an den Tag.

"Ich war schon die ganze Woche überzeugt, dass die Mannschaft die Konzentration mitbringt und die Konsequenz, auf Sieg zu spielen. Wir haben sie so eingestellt, dass wir die Hand am Ticket haben, wenn wir hier gewinnen", sagte Löw nach dem Spiel.

Adler und Özil mit Bestnoten

Deutschland funktionierte im Kollektiv so gut wie lange nicht mehr. Aber es funktionierte vor allem deshalb so gut, weil die Gäste gedanklich schneller und auch flexibler waren als die Russen.

"Unsere mentale Stärke war der Garant für den Erfolg heute", sagte Torhüter Rene Adler, neben Vorlagengeber Mesut Özil der überragende deutsche Spieler.

Neben den augenscheinlichen Fertigkeiten, die zum Basisrepertoire gehören und sich in zahllosen Statistiken sehr eindeutig belegen lassen, waren es vor allen Dingen die "weichen Fähigkeiten", die den Unterschied ausmachten.

"Es war vor allem für den Kopf ein sehr anstrengendes Spiel, auch in den Tagen davor schon. Man beschäftigt sich permanent damit. Aber wir haben heute nach dem Hinspiel gegen Russland das beste Spiel der Qualifikationsrunde gemacht. Daran sieht man auch, dass sich die Mannschaft entwickelt hat und mit dem Gegner wächst", pflichtete ihm Kapitän Michael Ballack bei.

Russland scheitert an den alten Fehlern

Deutschland hat seinen Ruf, seine besten Leistungen in engen Spielen abzurufen, erneut untermauert. "Wir sind mit dem Druck gut klar gekommen. Wir haben die entscheidende Chance genutzt", sagte Torschütze Miroslav Klose.

Und im selben Maß, wie die Deutschen fähig sind, sich auf den Punkt zu konzentrieren und an ihrer eigenen Legende zu arbeiten, sind die Russen mal wieder an ihrer alten Mentalität gescheitert sind.

"Wir haben ein gutes Spiel gemacht, aber wir waren nicht effektiv. Wir haben zu viele Möglichkeiten vergeben. Und Deutschland macht aus einer halben Chance ein Tor", haderte Trainer Guus Hiddink.

Es sind jene Zutaten, die sehr gute von sehr erfolgreichen Mannschaften unterscheiden. "Ich habe gespürt, dass jeder das Sieger-Gen in sich hat", meinte Löw, der aber auch zugeben musste, dass "wir in einigen Situationen auch etwas Glück hatten."

Adler: "Emotional total erschöpft"

Eine unnötige Baustelle machte sich der Bundestrainer dabei selbst auf, als er den bereits mit einer Gelben Karte belasteten Jerome Boateng in dessen erstem Länderspiel überhaupt auf dem Platz ließ - und der Schuss völlig nach hinten los ging.

Boateng sägte dem pfeilschnellen Bystrow erneut in die Beine und flog gut zwanzig Minuten vor dem Ende vom Platz.

Aber selbst diese heikle Phase überstand Löws Mannschaft und brachte den Russen die erste Heimniederlage der WM-Qualifikation überhaupt bei.

"Ich bin jetzt emotional total erschöpft", gestand Adler nach dem Spiel in der Mixed Zone. "Das Spiel hat enorm viel mentale Kraft gekostet." Vielleicht war er aber auch schon ein wenig beseelt von "dem Bierchen", das sich die Mannschaft direkt nach dem Spiel in der Kabine gönnte.

RUS - GER: Das deutsche Team in der Einzelkritik

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