Deutschlands neue Charakterzüge

Von Andreas Lehner
Samstag, 10.10.2009 | 22:08 Uhr
Und schon ist er weg: Mesut Özil entwischt dem Russen Igor Denissow
© Getty
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Mesut Özil bringt dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft eine Qualität, die man zuletzt mit Bernd Schuster hatte. Özil steht für Inspiration und Kreativität. Dadurch werden auch andere Spieler besser.

Die russischen Fans waren bedient. Als Mesut Özil in der 72. Minute ausgewechselt wurde, mischten sich Pfiffe unter das Dauergedröhne im Luschniki-Park von Moskau. Der 20-jährige Deutsch-Türke war mit seiner bis dahin überragenden Leistung verantwortlich, dass die deutsche Nationalmannschaft auf dem Weg zum entscheidenden Sieg in der WM-Quali in Russland war.

Das Spiel in der Analyse

Die Pfiffe der Russen hatte er sich also redlich verdient. Vor dem Siegtreffer von Miroslav Klose hatte Özil mit einer Körpertäuschung gegen Igor Denissow eine recht verworrene Situation auf der linken Außenbahn aufgelöst, einen starken Doppelpass mit Lukas Podolski gespielt und Klose dem Ball praktisch auf den linken Fuß geschossen.

Wie schon vor fünf Wochen bei seinem ersten Startelfeinsatz im Freundschaftsspiel gegen Südafrika zeigte Özil auch in einem so bedeutungsvollen Qualifikationsspiel, dass er dem deutschen Spiel völlig neue Charakterzüge verleihen kann, die man im Ausland nicht unbedingt mit Deutschland verbindet: Inspiration und Kreativität.

Mit allen Freiheiten ausgestattet

Bundestrainer Joachim Löw hatte Özil in seinem 4-2-3-1-System mit allen Freiheiten ausgestattet. Der Bremer war das Bindeglied zwischen Mittelfeld und dem Ein-Mann-Angriff Klose. Er holte sich seine Bälle entweder im Zentrum oder auf den Außen ab, war aber fast in jeder Situation anspielbar und kurzum die perfekte Waffe gegen die Russen.

Durch seine technische Klasse sicherte er viele Bälle in der gegnerischen Hälfte, ließ seinen Kameraden damit Luft und Zeit, um nachzurücken und den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Russland hatte durch die hohe Ballsicherheit der Deutschen nur wenig Möglichkeiten, seine große Qualität im schnellen Umschalten zu zeigen und lief so oft den deutschen Angriffen hinterher.

Özil hebt das Team auf ein anderes Niveau

Da Özil im Mittelfeld von Defensivaufgaben nahezu befreit war, konnte er sich seine Kräfte für seine Offensivaktionen sparen. Dabei schlich er sich oft in den Rücken von Igor Denissow und war so von den Russen im Raum zwischen Mittelfeld und Verteidigung kaum zu greifen. Zudem war er im Eins-gegen-Eins nicht zu stoppen.

Özil besitzt im Dribbling und im Passspiel Fähigkeiten, die eine deutsche Nationalmannschaft schon seit ewigen Zeiten nicht mehr hatte. Zuletzt vielleicht durch Bernd Schuster oder Hansi Müller. Und somit hebt er auch das Spiel des kompletten Teams auf ein anderes Niveau.

Seine Qualitäten im Abschluss deutete er kurz vor seiner taktisch bedingten Auswechslung auch noch an, als er Syrjanow aussteigen ließ und den Ball aus knapp 30 Metern auf die Latte donnerte.

Ballack und Schweinsteiger profitieren

Nicht nur Özil selbst ist eine Bereicherung für das Team. Durch die Position hinter den Spitzen, die Löw extra für ihn geschaffen hat, können sich auch andere Spieler besser entfalten. Dank Özil kann sich Bastian Schweinsteiger auf rechts beispielsweise mehr auf seine Stärken im Spielaufbau und im Zweikampf konzentrieren. Das kommt ihm wie schon bei den Bayern auch in der Nationalmannschaft zugute.

Und auch Michael Ballack wird dadurch entlastet. Der Kapitän muss nicht alle defensiven und offensiven Aufgaben auf seinen Schultern tragen.

Welchen Stellenwert Özil und seine Fähigkeiten im Team genießen, machte auch die Art und Weise von Ballacks Spiel klar. Das sonst so dominante Alpha-Tier stellte sich in den Dienst der Mannschaft, riss unglaublich viele Meter runter und bestach durch seine Zweikampfstärke.

Natürich profitiert auch Özil davon, so erfahrene und spielstarke Spieler wie Ballack und Schweinsteiger in seinem Rücken und an seiner Seite zu haben. Gegen Russland zeigte er trotz seines Alters keinerlei Anflug von Nervosität und ließ sich von der feindseligen Kulisse nicht beeindrucken. Auch bei seiner Auswechslung nicht.

Note 1 für Özil: Deutschland in der Einzelkritik

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