Adler und eine vergessen geglaubte Spezies

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Montag, 12.10.2009 | 08:58 Uhr
Rene Adler ist auf dem besten Weg, bei der WM die deutsche Nummer eins zu werden
© Getty
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Nach neun von zehn Spielen in der WM-Qualifikationsgruppe 4 hat sich Deutschland vorzeitig das Ticket für die WM 2010 in Südafrika gesichert. SPOX blickt in zwei Teilen auf die Höhen und Tiefen, die Gewinner und Verlierer und die Lehren der letzten 13 Monate zurück. Teil 2: Gewinner, Verlierer und Lehren.

Als es los ging, komprimierte sich die große weite Fußball-Welt auf ein 6000-Mann-Stadion im verschlafenen Vaduz.

Die deutsche Nationalmannschaft war 70 Tage zuvor Vize-Europameister geworden, als Anfang September der Auftakt zum nächsten großen Ziel gegen den Zwerg aus Liechtenstein anstand.

Über ein Jahr ist seitdem vergangen, neun Qualifikationsspiele hat die DFB-Auswahl seitdem gespielt und sich am Samstag durch das 1:0 beim einzig verbliebenen Rivalen Russland für die Welttitelkämpfe im kommenden Jahr in Südafrika qualifiziert.

Es war der vorzeitige Höhepunkt eines mitunter turbulenten Jahres und einer nicht immer einfachen Qualifikationsrunde.
SPOX blickt zurück auf die Höhen und Tiefen, die Gewinner und Verlierer und die Lehren der letzten 13 Monate.

Gewinner und Verlierer

Rene Adler nutzt sein Schicksal

Als dritter Torhüter schnupperte er bei der EM noch in die Nationalmannschaft rein - gut ein Jahr später ist er die neue Nummer eins. Rene Adler wusste sein "Schicksal Russland" gleich zweimal perfekt zu nutzen, als er aufgrund von Robert Enkes Ausfall ins Tor gegen die Sbornaja rückte und zweimal eine Weltklasseleistung bot.

Vor allem die zweite Partie in Moskau verschaffte dem Leverkusener unheimlich viel Vorsprung auf die Konkurrenten Enke, Tim Wiese und Manuel Neuer, so dass Adler bei normalem Verlauf bei der WM als deutsche Nummer eins im Tor stehen wird.

Mesut Özil bringt Kultur ins Spiel

Ganz heimlich stahl sich Mesut Özil im unwürdigen Testspiel gegen Norwegen (0:1) ins deutsche Team. Der Bremer entschied sich erst nach langem Hin und Her für Deutschland zu spielen und sollte sich damit als wahrer Glücksfall für den DFB entpuppen.

Özil ist mit seiner Spielanlage der Typ Spieler, der Löw immer fehlte. Als echter Spielmacher bringt er die Struktur vor allem ins Offensivspiel, die Ballack auf Grund seiner defensiveren Rolle nicht geben kann.

Auch Joachim Löw ein Gewinner

Der Bundestrainer hatte über viele grenzwertige Randerscheinungen zu richten - ganz neben seinem Job als letzte Instanz für Kadernominierung, Aufstellung, Weiterentwicklung der Spieler, Einbauen neuer Spieler und Schaffen neuer Strukturen im Hintergrund.

Löw hat seinen Job unaufgeregt und gegen viele Widerstände - vor allem aus der Bundesliga - gut gemeistert. Zwei Siege in den Spitzenspielen gegen Russland und die vorzeitige Qualifikation geben ihm in seinen Entscheidungen Recht.
Gomez läuft hinterher

Mario Gomez hat ein Problem

Neben dem aussortierten Kuranyi muss auch Mario Gomez als Verlierer gelten. Seit der verkorksten EM im letzten Jahr läuft Gomez im Nationaldress seiner Form hinterher und hat sich bis auf wenige Ausnahmen, etwa mit vier Toren gegen die VAE auf der sportlich unwichtigen Asienreise, nicht mehr im Sturm positionieren können.

Zudem ist er ein Opfer des Systems geworden, das im Löw'schen 4-2-3-1 nur eine echte Sturmspitze vorsieht und die in wichtigen Spielen wie zuletzt gegen die Russen Klose und nicht Gomez heißt.

Torsten Frings wird es schwer haben

Die Diskussion um Torsten Frings und die Nationalmannschaft geht jetzt seit genau einem Jahr - und ein Ende ist lange nicht in Sicht.

Seit dem EM-Finale wurde der Bremer nur noch in unwichtigen Spielen von Beginn an eingesetzt, zuletzt oft gar nicht mehr in den Kader berufen. Frings spielt derzeit wieder gut und wird für Löw wohl bis zur WM ein Härtefall bleiben.

Vorerst aber hat der Bremer gegenüber Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes gehörig an Boden und im Prinzip ein ganzes Jahr verloren. Zudem rückt von hinten auch noch Sami Khedira nach.

Die Lehren der Qualifikation

Der Mythos lebt

Das Wichtigste: Deutschland ist bei der WM dabei. Darum ging es und das hat die Mannschaft bei vorerst acht Siegen und einem Remis aus neun Spielen absolut souverän geschafft.

Damit nimmt der DFB zum 17. Mal an einer WM teil und ist seit 1954 bei allen Endrundenturnieren vertreten - was außer Deutschland nur noch Brasilien schaffte. Zudem blieb die Qualifikationsbilanz weiter furchteinflößend: Von 73 Spielen hat der DFB nur zwei verloren, auswärts in 37 Spielen noch kein einziges.

Die Deutschen haben auch in Moskau weiter an ihrer eigenen Legende gebastelt, die vorsieht, dass die Nationalmannschaft unter Druck und in wichtigen Spielen auf den Punkt da ist und die nötigen Ergebnisse erzielt.

Mesut Özil bringt Flexibilität

Sportlich hat Löw sein Repertoire neben der nüchternen Ergebnisarithmetik weiter verfeinern und ausbauen können. Zu dem gesetzten 4-4-2-System gesellt sich seit ein paar Wochen ein einwandfreies 4-2-3-1 - das allerdings in erster Linie einem Mann geschuldet ist, den unter anderem Löw mit seiner Überzeugungskraft für Deutschland gewann: Mesut Özil.

Der Bremer belebt eine vergessen geglaubte Spezies wieder, die des Spielmachers. Özil hat in nur drei Spielen schon derart markante Spuren hinterlassen, dass er für die WM gesetzt ist.

Hansi Müller, einer der letzten deutschen Weltklasse-Spielmacher, schwärmt: "Wir haben jahrelang einen Spieler wie ihn gebraucht. Jetzt haben wir ihn gefunden. Özil wird bei der WM einer unserer wichtigsten Spieler überhaupt werden."

Diskussion um Philipp Lahm hält an

Es gibt aber auch noch Baustellen im Team, die das Jahr der Qualifikation nicht hat beantworten können. Wo soll Philipp Lahm denn nun spielen? Zuletzt durfte er rechts ran und machte seine Sache ordentlich. Aber ordentlich ist für einen Weltklasse-Spieler wie den Münchener de facto ungenügend.

Gegen die Russen spielte Lahm wieder links und hatte gleich deutlich mehr Szenen in der Offensive. Löw sollte sich eher nach einem Rechtsverteidiger umsehen, denn Lahm gehört nunmal auf die linke Seite.

Wer verteidigt neben Per Mertesacker?

Auch die Position des zweiten Innenverteidigers ist seit über einem Jahr vakant. Löw probierte nach Christoph Metzelders verletzungsbedingtem Ausfall etliche Varianten, aber weder Serdar Tasci, noch Heiko Westermann, Arne Friedrich konnten nachhaltig überzeugen.

Immerhin rückt mit Jerome Boateng ein hoffnungsvoller Spieler nach - auch wenn dessen Debüt gegen die Russen auf der rechten Abwehrseite eher unglücklich war.

Hier geht's zu Teil 1: Höhen und Tiefen der WM-Qualifikation

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