Guus Hiddink vs. Joachim Löw: Vorteil Russland

Von Für SPOX in Moskau: Stefan Rommel
Guus Hiddink (l.) und Joachim Löw: unterschiedliche Wege zum Erfolg
© Getty
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Die Philosophie:

Guus Hiddink, das Chamäleon. Allein als Nationaltrainer hat er schon vier verschiedene Stationen in der Vita stehen. Und überall hatte er Erfolg. Sein Erfolgsgeheimnis: "Ich lasse jeder Mannschaft ihre Stärken und arbeite lieber an den Schwächen." Im Klartext heißt das: Hiddink krempelt ein Team nicht um. Er belässt Strukturen, er ist flexibel und ändert lieber eigene Gewohnheiten und Ansichten.

Sein Fitness-Trainer Raymond Verheijen beschriebt es so: "Guus ist einzigartig. Er passt sich seiner Umgebung und den Spielern an."

Diese Anpassungsfähigkeit auf der einen und seine natürliche Autorität auf der anderen Seite machen ihn zu einem der begehrtesten Trainer der Welt. Im konkreten Fall hat er den Überwachungswahn des russischen Verbands gekappt, der seine Spieler mehr oder weniger auf Schritt und Tritt verfolgte.

"Wir haben jetzt viel mehr Freiheiten bei ihm", schwärmt Andrej Arschawin. "Im Training und im Spiel verlangt er Disziplin, aber außerhalb werden wir nicht mehr ständig kontrolliert."

Simple, aber nachhaltige Psychologie

Die Spielfreude der Russen stopfte Hiddink behutsam in ein ausgewogenes taktisches Korsett, das auf der Balance zwischen Defensive und Offensive beruht. Und sehr stark auch auf technisch anspruchsvollem Konterfußball mit schnellem Umschalten von Defensive auf Offensive. In der Beziehung ist er längst dort angekommen, wo Jogi Löw noch hin möchte.

Hiddink steht für eine simple, aber offenbar auch nachhaltige Psychologie. Mittelfeldspieler Igor Semschow: "Hiddink hat uns beigebracht, auf unsere Kräfte zu vertrauen. Er sagt immer: 'Ihr seid stärker. Geht raus und habt keine Angst.'"

So wie Hiddink jetzt die Russen, hat er auch schon Südkorea, Australien und seine Niederländer nach vorne gebracht. Und das immer mit völlig unterschiedlichen Spielausrichtungen. In einer Zeit, in der sich jeder Trainer gerne seine spezielle "Philosophie" auf die Fahnen schreibt, eine unglaubliche Leistung.

Löw bleibt seiner Linie treu

Ganz anders ist der Fall bei Löw. Der hat in der kleinen Schweiz sein Handwerk gelernt, zu einer Zeit, in der sich Deutschland und seine Trainer noch im Glanz des WM-Titels von 1990 suhlten und Entwicklungen schlicht verschliefen.

Nach dem Blitz-Start in Stuttgart erlosch sein Stern schnell wieder, seine Spielauffassung blieb über die Jahre aber immer dieselbe. Wenn auch in mittlerweile leicht angepasster Form.

"In Stuttgart hatte ich noch kein klares Bild davon im Kopf, wie ich spielen lassen wollte", sagt Löw. "Heute glaube ich, dass ich das Gesamtsystem vor Augen habe. Ich weiß jetzt, was man alles braucht, um erfolgreich schönen Fußball zu spielen."

Der Löw-Fußball ist immer ein technisch anspruchsvoller, der auf Agieren basiert und nicht auf Reagieren. Und er basiert auf dem Zusammenspiel des Kollektivs. Er will keinen reinen Athletik- und Kampf-Fußball, wie ihn Deutschland jahrzehntelang erfolgreich praktizierte. Er führt das Klinsmann-Erbe fort und krempelt weiter um.

Ein entscheidender Nachteil ist dabei aber, dass Löw, anders als Hiddink, auch hinter der A-Nationalmannschaft Strukturen weiterführen und erneuern soll. Zwar nicht im Alleingang, aber als erster Trainer des Landes doch als Speerspitze einer Gilde.

"Meine Ziele für 2009 sind: Die WM-Qualifikation schaffen, junge Spieler einbauen, die Infrastruktur verbessern, Nachwuchsarbeit optimieren. Es gibt schon noch Bereiche, wo wir neue Maßstäbe setzen können und wollen". so Löw.

Der Spezialkniff:

Hiddink hat in unzähligen Schlachten bewiesen, dass er ein unberechenbarer Fuchs ist. Mit Südkorea gegen Italien und Spanien (2002), mit Eindhoven in den CL-Halbfinals gegen Milan (2005), mit Australien gegen Italien (2006), mit den Russen gegen die Niederlande (2008) und zuletzt mit Chelsea gegen den FC Barcelona.

Auch wenn sich der Erfolg nicht immer einstellte, beziehungsweise in letzter Sekunde zerstört wurde, war er mit dem jeweiligen Außenseiter immer das bessere Team.

Hiddink hatte für den jeweiligen Gegner das richtige Rezept parat und dürfte so auch gegen Deutschland neben dem Kunstrasen für die größten Ängste sorgen. Der Niederländer hat seine Taktik "schon im Kopf", wie er dem russischen Fernsehen etwas geheimnisumwittert erzählte.

Scolari ausgecoacht

Löw dagegen hat bisher erst einmal bewiesen, dass er ein Spiel auch von der Bank aus mitentscheiden kann. Im EM-Viertelfinale gegen Portugal düpierte er Felipe Scolari. Allerdings musste er beim selben Turnier auch herbe Niederlagen einstecken: Gegen Kroatien und gegen die Spanier, als beide Gegner den Deutschen klar überlegen waren.

In Moskau deutet fast alles darauf hin, dass sich der Bundestrainer für das 4-2-3-1 entscheidet, das in den letzten beiden Spielen gegen Aserbaidschan und Südafrika einstudiert wurde. Hoffentlich hat Guus Hiddink nicht schon längst das Gegengift dafür gefunden...

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