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In Deutschland geboren, überall gespielt

SID
Zwei deutsche Türken aus dem Pott - Nuri Sahin und Hamit Altintop spielen für die Türkei
© Getty

Ein Deutsch-Niederländer fühlte sich überall als Ausländer, ein gebürtiger Dortmunder spielte für Österreich und traf doch für Deutschland und ein mittelmäßiger Stürmer wurde auf einer Urlaubsinsel zum Helden. Wenn Deutsche für andere Nationen spielen.

Jermaine Jones und Kevin-Prince Boateng werden nach ihren geplanten Wechseln zu den Nationalmannschaften der USA und Ghanas nicht die ersten Fußballer sein, die in Deutschland geboren wurden und dann für ein anderes Land spielen.

Genauer gesagt gab es vor ihnen bereits 38. Ein ganz markantes Datum war der 8. Oktober 2005. Da verlor die deutsche A-Nationalmannschaft mit 1:2 in der Türkei gegen vier Deutsche: Die Brüder Hamit und Halil Altintop, beide in Gelsenkirchen geboren. Den in Herne auf die Welt gekommenen Yildiray Bastürk. Und Nuri Sahin, der in Lüdenscheid das Licht der Welt erblickte.

Der Türk-Pottler Sahin

Sahin fasste seine Liebe zu beiden Ländern einmal schön zusammen und bezeichnete sich als "Türk-Pottler". Wie groß die Zerrisenheit und der Druck von Eltern, Freunden oder gar aus der Politik sein können, musste Adil Chihi erfahren.

In Düsseldorf geboren, spielte er mit 17 bei der U20-WM für Marokko. Im Herbst 2006 verkündete er, künftig für Deutschland spielen zu wollen - und widerrief dies zwei Monate später auf Wunsch des Vaters. Sogar der marokkanische Botschafter soll bei Chihi vorgesprochen haben, der bis heute übrigens immer noch kein A-Länderspiel absolviert hat.

Der Vater stand der Ente im Weg

Auch im Fall von Willi Ente Lippens durchkreuzte der Vater die Pläne, für Deutschland zu spielen. "Er hat mir gesagt, dann bräuchte ich nicht mehr nach Hause kommen", sagte der 1945 im Grenzland geborene Lippens, der nach eigenen Angaben "in Deutschland kein richtiger Deutscher und in Holland kein richtiger Holländer" war.

In seinem einzigen Länderspiel für die Niederlande beim 6:0 gegen Luxemburg 1971 fühlte er sich von den Mitspielern geschnitten: "Ich bin rauf und runtergerannt, aber die anderen ignorierten mich."

Wo die Wurzeln liegen

Die Wege in ein anderes Nationalteam sind jedoch vielfältig. Die meisten entschieden sich bewusst für das Land, in dem ihre Wurzeln lagen. Neben vielen türkisch-stämmigen Spielern zum Beispiel das bosnische Trio Zvjezdan Misimovic, Ivica Grlic (beide in München geboren) und Zlatan Bajramovic oder das in Berlin geborene kroatische Brüderpaar Robert und Niko Kovac.

Manche erinnerten sich ihrer ausländischen Vorfahren, als sie keine Chance mehr auf einen Einsatz im DFB-Team sahen. Wie der in Bechhofen in der Pfalz als Sohn eines stationierten US-Soldaten auf die Welt gekommene Tom Dooley, der bei der WM 1998 sogar zum Kapitän des US-Teams aufstieg. Und manche kamen erst durch ein Gastspiel im Ausland auf die Idee, auch für das betreffende Land zu spielen.

Der unglückliche Krauss

Wie der gebürtige Dortmunder Bernd Krauss, der nach sechs Jahren bei Rapid Wien die österreichische Staatsangehörigkeit annahm, gegen Deutschland debütierte und dabei ein Eigentor schoss. Rainer Rauffmann war eigentlich nur ein mittelmäßiger Stürmer.

Auf ganze 30 Bundesliga-Spiele für Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld hatte er es gebracht. Auf Zypern erzielte er für Omonia Nikosia dann in 152 Ligaspiele 181 Tore. 2002 erhielt er nach der Heirat einer Zypriotin die dortige Staatsangehörigkeit und spielte fortan für Zypern. Die Fans feierten ihn wie einen Helden. Bei manchen war die Geburt in Deutschland aber ein Zufall.

Forssell und Cha in Deutschland geboren

Der Finnland-Schwede Mikael Forssell wurde im münsterländischen Steinfurt geboren, weil sein Vater dort für ein finnisches Unternehmen arbeitete. Der Südkoreaner Du-Ri Cha kam in Frankfurt auf die Welt, weil sein Vater Bum-kun Cha dort als Profi spielte. Robert Prosinecki wurde in Schwenningen am Neckar geboren.

Als Sohn eines kroatischen Vaters und einer serbischen Mutter hatte er nie Ambitionen, für Deutschland zu spielen. Und schrieb durch politische Veränderungen doch Fußball-Geschichte als Doppelstarter: Er war der erste Profi, der bei Weltmeisterschaften Tore für zwei Länder erzielte: 1990 für Jugoslawien und 1998 für Kroatien.

Die Liste der Deutschen bei anderen Nationen:

  • Nuri Sahin Lüdenscheid (5. September 1988) Türkei
  • Adil Chihi Düsseldorf (21. Februar 1988) Marokko
  • Ceyhun Gülselam München (25. Dezember 1987) Türkei
  • Martin Harnik Hamburg (10. Juni 1987) Österreich
  • Sami Allagui Düsseldorf (28. Mai 1986) Tunesien
  • Marc Gouiffe a Goufan Bitterfeld (12. April 1984) Kamerun
  • Hakan Balta Berlin (23. März 1983) Türkei
  • Halil Altintop Gelsenkirchen (8. Dezember 1982) Türkei
  • Hamit Altintop Gelsenkirchen (8. Dezember 1982) Türkei
  • Zvjezdan Misimovic München (5. Juni 1982) Bosnien-Herzegowina
  • Stephan Loboue Pforzheim (23. August 1981) Elfenbeinküste
  • Mikael Forssell Steinfurt (15. März 1981) Finnland
  • Bakary Diakite Frankfurt/Main (9. November 1980) Mali
  • Du-Ri Cha Frankfurt/Main (25. Juli 1980) Südkorea
  • Ivan Klasnic Hamburg (29. Januar 1980) Kroatien
  • Zlatan Bajramovic Hamburg (12. August 1979) Bosnien-Herzegowina
  • Ersten Martin Marktredwitz (23. Mai 1979) Türkei
  • Ferydoon Zandi Emden (26. April 1979) Iran
  • Yildiray Bastürk Herne (24. Dezember 1978) Türkei
  • Ali Günes Donaueschingen (23. November 1978) Türkei
  • Abdelaziz Ahanfouf Flörsheim (14. Januar 1978) Marokko
  • Ümit Karan Berlin (1. Oktober 1976) Türkei
  • Ilhan Manziz Kempten (10. August 1975) Türkei
  • Ivica Grlic München (6. August 1975) Bosnien-Herzegowina
  • Otto Addo Hamburg (9. Juni 1975) Ghana
  • Timo Uster Berlin (22. Oktober 1974) Gambia
  • Oka Nikolov Erbach (25. Mai 1974) Mazedonien
  • Robert Kovac Berlin (6. April 1974) Kroatien
  • Tayfun Stuttgart (2. April 1974) Türkei
  • Ümit Davala Mannheim (30. Juli 1973) Türkei
  • Niko Kovac Berlin (15. Oktober 1971) Kroatien
  • Tayfur Hanau (23. April 1970) Türkei
  • Robert Prosinecki Schwenningen (12. Januar 1969) Jugoslawien/Kroatien
  • Rainer Rauffmann Kleve (26. Februar 1967) Zypern
  • Anthony Baffoe Bonn (25. Mai 1965) Ghana
  • Tom Dooley Bechhofen (12. Mai 1961) USA
  • Bernd Krauss Dortmund (8. Mai 1957) Österreich
  • Willi Lippens Bedburg-Hau (10. November 1945) Niederlande

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