"Wir brauchen mehr unangepasste Spieler"

Von Interview: Kevin Bublitz / Mark Heinemann
Freitag, 15.05.2009 | 09:00 Uhr
Matthias Sammer arbeitet seit dem 1. April 2006 als DFB-Sportdirektor
© Getty
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Für den deutschen Fußball stehen ereignisreiche Monate an. Momentan kämpfen die U-17-Talente um den Titel bei der EM-Endrunde. Für die WM im Oktober in Nigeria haben sie sich bereits qualifiziert. Im September steigt die U-20-WM in Ägypten. Schon im Juni greift die U 21 bei der EM in Schweden nach dem Cup.

Das große Highlight bleibt aber die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Als Sportdirektor kennt sich Matthias Sammer mit allen DFB-Auswahlteams bestens aus.

Im SPOX-Interview spricht der 41-Jährige über Defizite in den Junioren-Teams, Ebert und Boateng, die Prinzipien der deutschen Nachwuchsförderung und verrät, welches Land einen Vorbildcharakter für den DFB hat.

SPOX: Die U 17 hat sich bei der Europameisterschaft im eigenen Land in den engsten Favoritenkreis gespielt. Wie sehen Sie die Titelchancen des Teams von Marco Pezzaiuoli?

Matthias Sammer: Der Trainer hat die Mannschaft akribisch auf die EM vorbereitet und das Team hat sich bisher hervorragend präsentiert. England beispielsweise mit vier Toren Unterschied zu schlagen, damit hätte ich persönlich nicht gerechnet. Aber wir haben hohe Ziele definiert und sind von unserem Weg überzeugt.

SPOX: Worauf kommt es jetzt an?

Sammer: Wir müssen jetzt aufpassen und die Spannung hochhalten. Gute Fußballer konzentrieren sich immer auf die nächste Aufgabe.

SPOX: Für die U 21 steht im Sommer die EM in Schweden an. Welche Chancen hat sie bei den Gruppengegnern Spanien, Finnland und England?

Sammer: Wir haben eine qualitativ gute Mannschaft mit großartigen Individualisten. Aber das Team hat sein großes Potenzial noch nicht unter Beweis gestellt. Die größte Herausforderung für Horst Hrubesch ist es nun, die Stärken zu bündeln und aus dieser Gruppe eine homogene Einheit und echte Mannschaft zu formen. Wenn dies gelingt, kann unser Team um den Titel mitspielen.

SPOX: Was zeichnet die deutsche Nachwuchsförderung aus?

Sammer: Sie ist einzigartig. Dieses in sich geschlossene System mit Stützpunkten, Eliteschulen und Leistungszentren der Profiklubs bietet hervorragende Voraussetzungen für die Entwicklung unserer Talente.

SPOX: Trotzdem werden die Talente in Deutschland nicht wirklich ins kalte Wasser geworfen, wie in England, Spanien oder Italien. Warum eigentlich?

Sammer: Wir achten bei der Nachwuchsförderung darauf, die Spieler nach ihren Charakteren unterschiedlich einzustufen, etwa als Teamspieler, Individualisten oder sogar Führungsspieler. Ein Problem bei diesem Thema ist, dass am Übergang vom Jugend- zum Profibereich die Verantwortlichkeiten nicht optimal geklärt sind. Ich denke, dass die Entwicklung an dieser Schnittstelle noch besser geplant und gesteuert werden kann.

SPOX: Warum ist in Deutschland stets so schnell die Rede von einem Toptalent? Tut man den Spielern damit einen Gefallen?

Sammer: Es gibt viele äußere Einflüsse, die letztlich mitentscheidend dafür sind, ob sich ein Spieler durchsetzt. Wir als DFB und die Vereine stehen in der Pflicht, den Talenten charakterliche Impulse zu geben, um sie in ihrer Entwicklung zu fördern. Zu den äußeren Faktoren gehören aber auch Berater oder Medien, die diese Entwicklung kurzfristig beeinflussen. Unsere Zielsetzung ist langfristig angelegt. Erfolge wie beispielsweise der Gewinn der U-19-Europameisterschaft im vergangenen Jahr wecken in den Spielern die Gier nach Erfolg. Wer einmal oben auf dem Podest stand, der will immer wieder dorthin. Doch die Talente müssen dem Druck auch gerecht werden können, den diese Voraussetzungen aufbauen.

SPOX: Müssen wir denn in Sachen Nachwuchsarbeit immer noch neidisch auf Länder wie die Niederlande schauen?

Sammer: Ich sehe den Vorbildcharakter derzeit eher bei den Spaniern. Fast alle Mitglieder des EM-Kaders im vergangenen Jahr sind in den Junioren-Nationalmannschaften des Landes ausgebildet worden und haben bereits in ihrer Jugend Titel errungen. Diese Erfahrungen prägen.

SPOX: Würden Sie einem jungen Spieler früh zu einem Wechsel ins Ausland raten?

Sammer: Grundsätzlich nicht. Ein Talent sollte sich in seinem gewohnten sozialen Umfeld, in einer gewissen Geborgenheit entwickeln. Optimal wäre es, wenn die Verantwortlichkeit bei einer Person liegt, die als Ansprechpartner wirkt. Der DFB und die Klubs sind aufgefordert, die Spieler zur Professionalität zu erziehen und ihre geistige Entwicklung vor Ablenkungspotenzial zu schützen. Wenn jemand aber meint, die Chancen, die wir ihm in Deutschland bieten, auch in England oder in Spanien zu sehen, werden wir ihm diese Veränderung nicht verwehren können.

SPOX: Was unterscheidet die heutige deutsche Spielergeneration von früheren Generationen?

Sammer: Ich habe bereits die äußeren Faktoren erwähnt. Sie haben heutzutage häufig zu viel Gewicht. Ein medialer Hype, Berater-Konstellationen und eine gute Bezahlung können zu einer gewissen Zufriedenheit bei unseren Talenten führen. Das mündet dann in eine gewisse Bequemlichkeit und gegen den Instinkt, Weltspitze sein zu wollen. Das ist aber unser Maßstab.

SPOX: Sind es also nur die äußeren Einflüsse?

Sammer: Nein, es wurde auch zu lange der Fehler gemacht, sympathische und angepasste Spieler hervorzubringen. Das erzeugte flache Hierarchien in den Teams. Aber vor allem unangepasste Spieler gehen extrem kompromisslos an ihre Herausforderungen heran.

SPOX: Dann sollte man für die Zukunft also mehr Typen wie Ebert und Boateng hervorbringen? Beide fielen ja im März negativ auf, weil sie nach einer Geburtstagsfeier in Berlin zusammen Autos demoliert haben sollen.

Sammer: Wir brauchen Spieler, die sich ihrer Rolle bewusst sind und ihr Leben nach dem Beruf Fußball-Profi ausrichten. Sie haben schließlich auch eine Vorbildfunktion und eine Verantwortung, welche die beiden genannten in diesem Fall nicht wahrgenommen haben. Kevin-Prince Boateng hat in Dortmund von seiner letzten Chance gesprochen, Patrick Ebert kämpft mit Hertha um die Meisterschaft. In dieser Phase der Saison ist ein solcher Ausflug einfach unprofessionell. Wir beim DFB und die Klubs bringen den Spielern Vertrauen entgegen. Es ist einfach enttäuschend, wenn dieses Vertrauen ausgenutzt wird.

SPOX: U-21-Trainer Horst Hrubesch hat die beiden Spieler damals für die Testspiele im März gegen die Niederlande und Weißrussland aussortiert.

Sammer: Inkonsequenz hat noch nie eine Entwicklung gefördert. Horst Hrubesch ist mit der Nichtnominierung für die letzten Länderspiele vor der U-21-EM seinem pädagogischen Auftrag nachgekommen und ich hoffe, dass nun ein Lerneffekt einsetzt.

SPOX: Wird es je nach Charakter nicht auch in Zukunft immer wieder solche Aktionen von jungen Spielern geben?

Sammer: Wir müssen die Spieler in die Verantwortung nehmen. Ihnen helfen, ihre Charaktermerkmale herauszubilden und im Sinne des mannschaftlichen Erfolges einzusetzen. Zudem müssen wir unseren jungen Spielern vermitteln, dass es Hierarchien und Strukturen innerhalb einer Mannschaft gibt. Es ist wichtig, dass die Talente demütig und bescheiden Hierarchien anerkennen.

SPOX: Sie sprachen von dem Maßstab der Weltspitze.

Sammer: Im Fußball gibt es fünf Erfolgsfaktoren: Konstitution, Kondition, Technik, Taktik und Persönlichkeit. Diese Bereiche müssen im Gleichklang sein und kein Leistungsmerkmal darf vernachlässigt werden. Im sportlichen Bereich hat uns unsere Tradition einiges vorgegeben.

SPOX: Was fehlt uns derzeit noch zur Weltspitze?

Sammer: Uns fehlen die großen Führungspersönlichkeiten, die eine Mannschaft leiten und in engen Duellen den Unterschied ausmachen. Ich bin vor allem davon überzeugt, dass viele Spiele im Kopf entschieden werden. Dennoch bin ich zuversichtlich, dass dies eine vorübergehende Phase ist. Die Talente in unseren Junioren-Nationalteams entwickeln sich sehr vielversprechend. Da reift etwas heran.

SPOX: Es gibt mittlerweile viele Spieler mit Migrationshintergrund in der Nationalelf. Nicht alle singen die Hymne mit. Ist dieses Thema aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten?

Sammer: Nein, auf keinen Fall. Diese Beobachtung missfällt mir und daran arbeiten wir. Für die Identifikation eines Spielers mit dem Land, für das er Fußball spielt, sollten seine Wurzeln oder seine Hautfarbe keine übergeordnete Rolle spielen. Gemeinsam mit der Bereitschaft, für Deutschland zu spielen, muss auch der Bezug zum Land und zur Nationalhymne einhergehen.

SPOX: Dann sollte künftig also wieder jeder die Hymne singen?

Sammer: Die Talente müssen ihrem Trainer, ihrem Umfeld und der Nation zeigen, dass sie sich mit Deutschland identifizieren. Unsere Nationalmannschaft erfüllt in diesem Punkt ihre Vorbildwirkung, da singen fast alle Spieler die Hymne mit. Und auch die U 17 präsentiert sich in dieser Hinsicht hervorragend.

SPOX: Dann ist ja ein erster Schritt getan. Im nächsten Jahr steht die WM in Südafrika an. Wie schätzen Sie die bisherige Qualifikation der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw ein?

Sammer: Das Team geht aus einer guten Ausgangslage in die Endphase der Qualifikation und hat mit dem Sieg in Wales ein Ausrufezeichen gesetzt. Wir brauchen eine starke Nationalmannschaft als Flaggschiff für den deutschen Fußball.

SPOX: Was trauen Sie dem A-Kader in Südafrika zu?

Sammer: Ich bin überzeugt davon, dass wir uns für die WM 2010 qualifizieren, aber wir müssen zunächst unsere Hausaufgaben erledigen, bevor wir an den nächsten Schritt denken. Die Partie im Herbst in Russland wird unser Schlüsselspiel. Wenn wir dort nicht verlieren, können wir weiterdenken.

SPOX: Gibt es Spieler aus der U 21, die man für die WM noch auf der Rechnung haben muss?

Sammer: Jeder Spieler hat bei der U-21-Europameisterschaft und in der darauf folgenden Bundesliga-Saison die Chance, sich für die WM zu empfehlen. Die Beispiele Andreas Beck, Marko Marin, Mesut Özil und Serdar Tasci zeigen, dass der logische Weg in die Nationalmannschaft über die U 21 führt.

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