Fussball

Drei Gewinner und neue Probleme

Von Für SPOX bei der Nationalmannschaft: Stefan Rommel
Die deutsche Nationalmannschaft liegt derzeit an der Spitze der WM-Quali-Gruppe 4
© Getty

Am Ende waren doch alle zufrieden. In einer Saison, in der sich aus Sicht der Nationalmannschaft alles auf das Spiel der Spiele im Oktober in Russland konzentriert, sind es gerade die kleinen Unwägbarkeiten und Gegner, die zum Stolperstein werden können.

Nicht umsonst lautete die Mission vor den beiden Dienstreisen nach Leipzig (gegen Liechtenstein) und Cardiff (gegen Wales) sechs Punkte. Die Tabelle hat Priorität vor der Art und Weise, wie die Mannschaft ihre Spiele bestreitet.

Insofern hat die DFB-Auswahl bei zwei Siegen mit sechs eigenen und keinem Gegentor ganze Arbeit geleistet. "Wir wollten die sechs Punkte haben und jetzt haben wir sie auch. Ich denke, man kann durchaus von einer gelungenen Woche reden", sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Und trotzdem gab es auch Aufs und Abs, einige Spieler spielten sich in den Vordergrund, andere nutzten ihre Chancen nur halbherzig. Und natürlich bleibt die Diskussion über den Ballack-Podolski-Streit. Eine Bestandsaufnahme.

Die Ausgangslage: Die sechs Punkte waren ungeheuer wichtig, dessen war sich das Team offenbar auch bewusst. Der vermeintlich satte Vorsprung vor den Russen ist trügerisch, im Grunde hat die deutsche Mannschaft beim 3:3 in Finnland schon gepatzt - die Russen in den heimlichen Spitzenspielen gegen eben jene Finnen und Wales noch nicht. Allerdings läuft es auch beim schärfsten Konkurrenten nicht wirklich rund, wie das knappe 1:0 der Sbornaja in Liechtenstein zeigt.

Die spielerische Komponente: Das von Löw propagierte Offensivspiel fand in beiden Partien nur in Ansätzen statt. Spielerisch waren wenig Fortschritte zu erkennen, weil vor allen Dingen das Passspiel sehr zu wünschen übrig ließ. Gegen beide Gegner hielt die DFB-Elf zudem nicht konsequent die Außen im Mittelfeld und stand sich so in der Mitte häufig selbst im Weg. Immerhin sitzt die eine oder andere taktische Variation schon ganz gut und funktioniert ohne Reibungsverluste, siehe das überraschend aus dem Hut gezauberte 4-2-3-1 gegen Wales.

Die T-Frage: Mit drei gleichberechtigten Keepern traf sich der Tross am Sonntag vergangener Woche in Leipzig. Nach den 180 Qualifikationsminuten darf sich Robert Enke als Gewinner des Dreikampfs fühlen. Rene Adler stoppte eine Ellbogenverletzung, der Leverkusener hatte somit aus gesundheitlichen Gründen keine Chance zur Bewährung. Und Tim Wiese zog im Wettstreit mit Enke aus sportlichen Gesichtspunkten den Kürzeren.

Der Bremer war darüber verärgert, allerdings beschied Enke durch zwei tadellose Auftritte keine Ansatzpunkte für Kritik und bestätigte die Entscheidung des Trainerstabs. Momentan hat Enke wieder die Nase leicht vorne. "Die Spiele waren für die Mannschaft wichtig und natürlich war es auch mal wichtig für mich, zu Null zu spielen", sagte der Hannoveraner nach dem 2:0 gegen Wales.

Der Kapitän geht voran: Michael Ballack hat die Diskussionen über seine Person vollständig abgeschüttelt und war in beiden Spielen einer der besten deutschen Feldspieler. Ballack zeigte jene Kaltschnäuzigkeit, für die die deutsche Mannschaft gefürchtet ist und erzielte beide Male das wichtige 1:0 - wie übrigens auch beim 2:1-Sieg über die Russen im Oktober letzten Jahres. Auf den Kapitän ist in kniffligen Situationen Verlass, Ballack wird einer der, wenn nicht sogar DER entscheidende Faktor auf dem Weg zur WM 2010 bleiben.

Hitzlsperger auf dem Sprung: Die Position im zentralen defensiven Mittelfeld, in Löws bevorzugtem 4-4-2 der Platz neben Ballack, ist eine der umkämpftesten Arbeitsplätze im DFB-Team. Platzhirsch Torsten Frings kommt so recht nicht mehr auf die Beine, Simon Rolfes ist solide, aber erscheint noch nicht so weit, die komplexen Aufgaben in Defensive und Offensive konstant gut zu erfüllen. Und Jermaine Jones hat seit geraumer Zeit allenfalls noch Außenseiterchancen.

So schickt sich Thomas Hitzlsperger mehr und mehr an, den vakanten und enorm wichtigen Posten nachhaltig zu bekleiden. Der Stuttgarter hat in fast allen Bereichen kleine Vorteile gegenüber der Konkurrenz und - bei Löw ein wichtiger Faktor - ein sehr gutes Standing innerhalb der Mannschaft und beim Trainerstab.

Die Problemzone Innenverteidigung: Per Mertesacker ist gesetzt. Aus dem Kronprinzen von Christoph Metzelder ist nach dessen schleichendem Abgang bereits der unumstrittene König in der Defensivzentrale geworden. Aber ähnlich wie im Mittelfeld ist auch der Platz neben Merte noch immer nicht fix vergeben.

Serdar Tasci hatte nach einem soliden Spiel gegen Liechtenstein gegen Wales enorme Probleme und ließ eine sehr große Chance liegen, sich bleibend beim Bundestrainer im Gedächtnis zu verankern. Heiko Westermann hat ein ganz anderes Problem: Im Verein darf der Schalker nicht in der Innenverteidigung ran, was ihm in seinem Anspruchsdenken sehr im Wege steht.

Bei der anstehenden Asien-Reise will Löw deshalb Robert Huth nach langer Abwesenheit wieder eine Bewährungschance geben. Beste Chancen auf den zweiten Platz im Zentrum hat aber Arne Friedrich. Der Berliner spielt auf gleicher Position im Verein eine fulminante Saison und scheint im Moment als Ideallösung in den Augen von Löw.

Der neue Konflikt: Endlich war Ruhe eingekehrt, jetzt droht erneut eine endlose Debatte über Führungskräfte und -stile. Podolskis Affront gegen Kapitän Ballack ist nach außen hin bereits wieder zu den Akten gelegt, alle Beteiligten einigten sich gleich nach dem Spiel auf einen Konsenskurs. So recht mag man den Aussagen aber noch nicht Glauben schenken - schließlich sind die Erfahrungen der Debatten um Ballack, Bierhoff, Löw, Frings, Klose, Kuranyi noch in bester Erinnerung.

Der unglückliche Spielplan: Bei der Asien-Reise wird Löw testen. Die Mannschaft kann sich dort also so gut wie gar nicht weiter einspielen. Nach Liechtenstein und Wales warten jetzt die Gegner China, Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate in den Testspielen und danach zweimal Aserbaidschan in der WM-Qualifikation.

Vor dem zum Endspiel stilisierten Spiel in Moskau gegen die Russen im Oktober wird der Bundestrainer gegen eher zweitklassige Gegner kaum genügend Erfahrungswerte über die tatsächliche Form seiner Mannschaft sammeln können. Vor allem im Defensivverhalten wird Löw gegen die VAE oder Aserbaidschan nicht viel erfahren, bevor mit den gefährlichen Russen ein echter Hammer wartet.

Der Spielplan ist sehr unglücklich für den DFB gesetzt bzw. durch die Asien-Reise - auf der nicht viele Stammspieler zu erwarten sind - selbst gewählt. Ein echter Top-Gegner als Härtetest ist nicht in Sicht. Die Antwort auf alle Fragen wird erst der Ernstfall in Moskau bringen.

WM-Qualifikation: Deutschlands Gruppe

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung