Dienstag, 24.03.2009

Talentemacher Rainer Adrion im Porträt

Der Qualitätskontrolleur

Rainer Adrion produziert beim VfB Stuttgart Talente am Fließband. Die Gründe? Ein durchgeplantes Konzept, viele Spezialisten, klare Ansagen und ein bisschen Kontrolle. Im zweiten Teil der Serie "Die Zukunft des deutschen Fußballs" stellt SPOX zusammen mit drei Nationalspielern den vielleicht besten deutschen Nachwuchscoach und künftigen U-21-Trainer vor.

Rainer Adrion hat beim VfB Stuttgart schon zahlreiche Talente zu Nationalspielern gemacht
© Getty
Rainer Adrion hat beim VfB Stuttgart schon zahlreiche Talente zu Nationalspielern gemacht

Vor acht Jahren gab es Alexander Hleb für nicht mal zehn Mark - und Kevin Kuranyi, Andreas Hinkel und Ioannis Amanatidis gleich noch mit obendrauf. Ein Schnäppchen zum Spottpreis, würde man heute sagen. Und dennoch schlug kaum einer zu.

Im Schnitt fanden damals nur rund 600 Zuschauer den Weg ins Stuttgarter Robert-Schlienz-Stadion, wo die zweite Mannschaft des VfB Stuttgart in der Regionalliga Süd ihre Heimspiele austrug. Mit Hleb, mit Kuranyi, mit Hinkel und Amanatidis.

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VfB in Nachwuchsförderung führend

Aus den Amateuren von damals sind längst gestandene Profis und Nationalspieler geworden. Für zehn Mark Eintritt, oder heute fünf Euro, bekommt man mittlerweile keinen von ihnen mehr zu sehen.

Diese Chance ist vertan, aber was soll's, schließlich spielen auch jetzt irgendwo in Deutschland neue Hlebs, Kuranyis oder Hinkels. Die Frage ist nur: Wo kann man die Stars von morgen schon heute sehen?

Wie bereits vor acht Jahren, ist der VfB Stuttgart auch aktuell ein ganz heißer Tipp. Die Schwaben sind noch immer einer der besten Nachwuchsausbildungsvereine der Republik. Und damals wie heute heißt der Verantwortliche dieser Talentschmiede Rainer Adrion. Der 55-Jährige ist vielleicht Deutschlands bester Nachwuchscoach.

Bester deutscher Nachwuchs-Coach?

Waren es um die Jahrtausendwende Hleb, Kuranyi, Hinkel und Amanatidis, die von Adrion in der zweiten Mannschaft des VfB geformt wurden und anschließend den Sprung nach oben schafften, hießen die Talente in den folgenden Jahren Timo Hildebrand, Diego Benaglio, Marvin Compper, Christian Gentner, Mario Gomez, Serdar Tasci, Tobias Weis oder Sami Khedira. Hinzu kommen dutzende Zweitliga-Spieler.

Alle von Adrion auf den Weg gebracht. Eine ähnlich qualitativ hochwertige Quote kann im deutschen Nachwuchsfußball allenfalls Bayerns Hermann Gerland vorweisen.

"Er beweist seit über einem Jahrzehnt, dass er sehr gut mit jungen Spielern arbeiten kann. Wenn man nur sieht, welche Talente bei ihm zu Profis gereift sind, zeigt das, was für ein guter Trainer er ist", sagt Hoffenheims Andreas Beck im Gespräch mit SPOX.

Pokalsieger als Co-Trainer von Löw

Seit 2004 ist Adrion wieder beim VfB, von 1996 bis 2001 war er schon einmal bei den Schwaben. Davor und zwischendurch versuchte es der dreifache Familienvater als Chefcoach bei anderen Klubs

Der ganz große Coup gelang ihm allerdings nicht. Dass er aber auch damals erfolgreich war, ist Adrion wichtig: "Mit Zuffenhausen sind wir von der Landesliga aufgestiegen, in Ludwigsburg von der Verbands- in die Oberliga. Mit Unterhaching haben wir es von der Bayernliga in die 2. Liga geschafft", betont er gegenüber SPOX. "Von daher waren auch im Seniorenbereich Erfolge da, wenngleich auch mit bundesweit eher unbekannteren Vereinen."

Die großen Schlagzeilen schrieb der Fußball-Lehrer eher zwischen 1996 und 1998. Damals führte er den VfB an der Seite von Jogi Löw zum DFB-Pokalsieg 1997 und zog anschließend ins Endspiel des Europapokals der Pokalsieger ein.

Adrion: "VfB ist mein Verein"

"Danach", sagt Adrion, "bin ich in der Jugendarbeit beim VfB hängengeblieben."

Während Löw die Schwaben Richtung Fenerbahce Istanbul verließ, bekam Adrion das Angebot, die sportliche Leitung bei den Amateuren des VfB zu übernehmen und "ein Konzept zu entwickeln, das den VfB nach vorne bringt".

Adrion nahm an, "weil der VfB mein Verein ist", und führte die Stuttgarter im Jugendbereich mit seinen Ideen tatsächlich an die Spitze Deutschlands.

"Der Erfolg ist kein Zufall"

Der 22-malige Bundesligaspieler ließ Elite-Talente frühzeitig bündeln und gemeinsam ausbilden, um den Nachwuchs so täglich auf höchstem Niveau trainieren zu lassen. "Hinzu kamen Kooperationen mit Schulen, damit man vormittags trainieren kann und die Tatsache, das Voll-Profitum in der zweiten Mannschaft einzuführen", erklärt Adrion. "Der Erfolg ist also kein Zufall, sondern ein Produkt geplanter Arbeit."

Nach und nach wurde Stuttgarts Weg auch von der Konkurrenz kopiert. Die Person Adrion allerdings war nicht kopierbar, und so zählt der VfB in Sachen Nachwuchsausbildung auch heute noch zu den führenden Klubs.

"Ich bin nah dran, aber ich bin sicher kein ausgespro- chener Kumpeltyp." Rainer Adrion

Spezialisten als Helfer

Doch was hat Adrion, was andere Trainer nicht haben, was macht ihn so erfolgreich?

"Er weiß, wie man die Schwächen abstellt und die Stärken hervorheben kann", sagt Tobias Weis. "Er hat das richtige Gespür dafür, wie man mit einzelnen Spielern in bestimmten Situationen umgehen muss", erklärt Beck. "Er hat mich sportlich, taktisch und menschlich weitergebracht", ergänzt Serdar Tasci.

Alleine sei er dafür nicht verantwortlich, betont Adrion. Vielmehr habe er ein Team von Spezialisten: einen guten Co-Trainer, einen Torwarttrainer, einen Athletiktrainer. "In dieser Gruppe hat jeder seine Aufgabe eigenständig auf hohem Niveau zu erfüllen, aber ich bin eben der Chef, ich bin dann letztlich sozusagen der Qualitätskontrolleur", sagt er.

Adrion: "Bin kein ausgesprochener Kumpeltyp"

Kontrolliert wird auch bei den Spielern. "Ich bin nah dran, aber ich bin sicher kein ausgesprochener Kumpeltyp", erklärt er. Individuelle Aufgaben im Training müssen genauso befolgt werden wie gruppenspezifische taktische Vorgaben.

"Die Spieler können und sollen Dinge auf dem Platz selbstständig entscheiden können, bestimmte Richtlinien gebe ich ihnen allerdings vor und die kontrolliere ich dann auch", sagt Adrion.

Was der VfB-Coach nicht mag, ist, "wenn junge Talente nachlässig in der täglichen Arbeit werden und sie weniger zeigen als sie können". Dann könne der Ton auch mal schärfer werden, sagt er.

Die Spieler selbst sind Adrion dafür allerdings überhaupt nicht böse. Ganz im Gegenteil, schließlich haben es viele auch durch ihn ins Nationalteam geschafft. Er treffe immer den richtigen Ton, man habe sehr viel von ihm gelernt und ihm viel zu verdanken, sagen Weis, Tasci und Beck daher unisono.

Ab 1. Juli beim DFB

Ab 1. Juli sollen dann nicht nur Stuttgarter Talente von Adrion lernen, sondern alle hoffnungsvollen, deutschen Nachwuchsakteure. Adrion übernimmt die U 21 des DFB.

"Zu einem anderen Verein wäre ich nicht gegangen", sagt er. Zur Konkurrenz hätte ihn der VfB wohl aber ohnehin nur für sehr viel Geld gehen lassen. Denn echte Juwelen zum Schnäppchenpreis gibt's in Stuttgart längst nicht mehr.

SPOX-Serie, Teil 1: Bayerns Jugendinternat im Porträt

Daniel Börlein

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