"Reich wird man hier nicht"

Von Interview: Andreas Lehner
Freitag, 27.03.2009 | 19:31 Uhr
Pierre Littbarski (l., zusammen mit Dwight Yorke) spielte 73 Mal für Deutschland und erzielte 18 Tore
© Getty
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EXKLUSIV Als Spieler wurde Pierre Littbarski 1990 Weltmeister. Er war einer der besten Mittelfeldspieler seiner Zeit. Als Trainer arbeitet er meist abseits der großen Fußballbühne. Nun ist er beim FC Vaduz gelandet. Im Interview spricht der 48-Jährige über den Fußball in Liechtenstein, den Überwachungsstaat Iran und die Grundstückspreise in Yokohama.

SPOX: Herr Littbarski, Sie trainieren mit dem FC Vaduz den größten Verein in Liechtenstein und spielen in der Schweizer Super League. Wie würden Sie das Niveau des Fußballs im Fürstentum beschreiben?

Littbarski: Wir haben das Niveau einer Zweitligamannschaft aus dem unteren Tabellendrittel. Das Niveau der anderen Vereine ist noch weiter darunter anzusiedeln. Insgesamt gibt es in Liechtenstein nur sieben Vereine, ein eigener Ligabetrieb ist da nicht möglich. Deshalb spielen wir in der Schweizer Liga.

SPOX: Wo Sie gerade gegen den Abstieg kämpfen.

Littbarski: Genau. Für uns gab es schon vor der Saison kein anderes Ziel als den Klassenerhalt. Auch weil unsere finanziellen Möglichkeiten nicht so groß sind. Aber das sind noch die geringsten Probleme, mit denen man hier zu kämpfen hat.

SPOX: Sondern?

Littbarski: Das Grundproblem ist unser Status in der Super League. Wir spielen nur mit einer Sondergenehmigung in der Schweiz, die 2010 ausläuft, aber mit ziemlicher Sicherheit verlängert wird. Die Schweizer Vereine aus der 2. Liga wie St. Gallen oder Lugano sehen das natürlich sehr argwöhnisch, weil wir denen einen Platz wegnehmen.

SPOX: Das könnten auch viele Liechtensteiner über die große Anzahl an Ausländern in ihrem Kader sagen. Sie haben nur drei Einheimische in ihrer Mannschaft.

Littbarski: Das muss man relativieren. Wir wollen mit Blick auf die innenpolitische Komponente natürlich so viele Spieler aus Liechtenstein einsetzen wie möglich, aber vielen fehlt einfach die Qualität. Und wer gut genug wäre, wechselt meist ins Ausland, weil es dort mehr Geld zu verdienen gibt. Reich wird man hier sicher nicht.

SPOX: Das dürfte auch für den Trainer gelten.

Littbarski: Natürlich. Aber dafür ist das Leben hier sehr angenehm. In Vaduz wohnen 5000 Leute. Da kennt noch jeder jeden. Die Lebensqualität ist hoch, man hat wenig Stress und es ist sicher. Optimal für das Familienleben.

SPOX: Ganz anders als Ihre letzte Station im Iran bei Saipa Teheran.

Littbarski: Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Der Iran ist ein reiner Überwachungsstaat, hinter unserem Spiegel fanden wir eine Kamera. Ich habe zu meiner Frau gesagt, sie soll bloß nicht rüberkommen. Zwischenzeitlich haben sie mir auch den Pass abgenommen und ich kam nicht mehr raus aus dem Land. Erst als ich erzählte, ich würde meine Frau in Dubai treffen, bekam ich ihn wieder zurück.

SPOX: Warum sind Sie eigentlich dorthin gewechselt?

Littbarski: In Fukuoka war Schluss, dann habe ich einen Anruf aus Teheran erhalten und habe mir gesagt 'einmal muss ich das schon machen'. Ohne viel nachzudenken. Ich habe die Mannschaft im Trainingslager in Istanbul getroffen. Nach dem zweiten Spiel kam der Präsident auf uns zu und meinte, wir wären schlecht und hätten überhaupt keine Erfahrung. Wir wurden daraufhin bedroht und bekamen kein Geld mehr. Das war Wild Wild West im Mittleren Osten.

SPOX: Es war zu lesen, Sie hätten auch Probleme mit Ex-Bundesligaprofi Ali Daei gehabt.

Littbarski: Daei war bei Saipa Teheran gerade gefeuert worden und wurde mehr oder weniger auf den Posten des Nationaltrainers abgeschoben. Gleichzeitig saß er aber noch im Aufsichtsrat des Vereins. Der war also der große Mann da. Der Präsident wollte uns dann benutzen, um Daei aus dem Verein zu vertreiben. Wir waren ein Mittel zum Zweck.

SPOX: Bereuen Sie ihren Wechsel dorthin?

Littbarski: Seit dieser Erfahrung weiß man die Sachen in Europa wieder mehr zu schätzen. Die Kollegen aus Deutschland jammern auf hohem Niveau.

SPOX: Könnten Sie sich eine Rückkehr in die Bundesliga vorstellen?

Littbarski: Ich würde mir das auf jeden Fall zutrauen. Mittlerweile habe ich auch die nötige Erfahrung.

SPOX: Warum kam es noch nicht dazu?

Littbarski: Ich bin keiner, der sich auf die Tribüne setzt und sich ins Gespräch bringt, wenn mal wieder ein Coach auf dem Schleudersitz sitzt. Außerdem war in den Ländern, in denen ich gearbeitet habe, der Zyklus ein anderer. Wenn die Bundesliga Pause macht und neue Trainer gesucht werden, war ich in Australien oder Japan mit meinen Mannschaften im Spielbetrieb.

SPOX: In Sydney waren Sie Meister, mussten den Verein am Saisonende aber trotzdem verlassen.

Littbarski: Die wollten mit mir verlängern, aber der Klub hatte kein Geld mehr. Es war trotzdem eine tolle Zeit. Sydney ist eine wunderschöne Stadt und Australien ein klasse Land.

SPOX: Dort hatten Sie auch Ex-ManUnited-Profi Dwight Yorke unter Vertrag.

Littbarski: Der war klasse. Alle hatten mir vorher Angst gemacht, dass der nur Party machen würde. Aber der Typ hat abgeliefert. Der war 33, 34 Jahre alt, aber den hat man gar nicht mehr vom Trainingsplatz runtergekriegt und ist dann noch in den Kraftraum. Das ist der Unterschied zwischen normalen Spielern und klasse Spielern.

SPOX: Bisher waren Sie Trainer in Europa, Australien und Asien. Planen Sie eine Karriere a la Lutz Pfannenstiel?

Littbarski: Nein, das nicht. Bisher hat sich alles zufällig ergeben. Ich komme in allen Ländern zurecht und erkunde gern etwas Neues.

SPOX: Aber Ihre Heimat ist mittlerweile Japan.

Littbarski: Ja, ganz klar.  Mit 55, 60 Jahren will ich mit meiner Familie nach Yokohama zurück und als Lehrer an einer Sportschule für angehende Profis arbeiten. Wir werden dort das Haus meiner Schwiegereltern übernehmen und renovieren. Das ist ein japanischer Brauch, dass man den Menschen, die für einen gesorgt haben, etwas zurückgibt. Ein Haus kaufen ist in Yokohama nicht drin. Die haben Tokio bei den Grundstückspreisen fast eingeholt.

SPOX: Da hilft Ihnen auch das Steuerparadies Liechtenstein nicht?

Littbarski: Nein. Da müsste ich zuvor noch zehn Jahre Trainer bei Bayern München sein.

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