Fussball

Glücklich mit dem Adler

Von Stefan Rommel
Mesut Özil bestritt bereits elf U-19- und zehn U-21-Länderspiele für Deutschland
© Imago

Mit der Nominierung von Mesut Özil kann Bundestrainer Joachim Löw offenbar eine weitere Akte schließen. Zuletzt gab es immer wieder Spekulationen, ob sich Özil nicht doch für die Türkei entscheiden würde. Der Bremer aber gab sein eindeutiges Votum für Deutschland und bestätigt damit einen Trend. Bleibt nur die Frage, wo er in Löws System Platz finden kann.

In Italien hat sich vor ein paar Tagen eine Episode zugetragen, die sicherlich auch beim Deutschen Fußball-Bund für ein klein wenig Aufsehen gesorgt hat.

Es ging um Stürmer Amauri. Carvalho de Oliveira Amauri heißt der 28-Jährige mit vollem Namen und Kenner vermuten völlig zu Recht dahinter einen Brasilianer.

Amauri ist als Sohn zweier Brasilianer in Sao Paolo geboren, sein Geld als Profi hat er bis zum heutigen Tag aber nur in Italien verdient. In Neapel, Piacenza und Messina. Bei Chievo Verona, in Palermo und seit einem halben Jahr bei Juventus Turin.

Amauri als Anschauungsbeispiel

Beim italienischen Rekordmeister ist Amauri auch Brasiliens Nationaltrainer Carlos Dunga aufgefallen - und Italiens Weltmeister-Trainer Marcello Lippi. In ein paar Wochen soll Amauri einen italienischen Pass bekommen.

Da traf es sich vorzüglich, dass Dunga für das Freundschaftsspiel in ein paar Tagen sein Stürmer Luis Fabiano ausfiel. Dunga reagierte blitzschnell und nominierte Amauri nach. Juve intervenierte, die Alte Dame braucht im Titelkampf einen frischen Amauri.

Dunga hatte in der Tat eine Meldefrist nicht eingehalten und musste Amauri wieder ausladen. Quasi als Kollateralschaden bleibt der Brasilianer und Bald-Italiener somit auch für die Squadra Azzurra ein Thema.

"Nur für Deutschland"

Ganz so vertrackt war die Lage für Mesut Özil und den DFB nun nicht. Trotzdem hielt sich in den letzten Monaten hartnäckig ein zähes Tauziehen um den 20-Jährigen. Seit Donnerstag ist die Entscheidung endgültig gefallen: Özil spielt für Deutschland, die Heimat seiner Eltern geht leer aus.

Dabei war es für den Spieler selbst die ganze Zeit klar, für welches Land er spielen möchte. "Für mich war von Anfang an klar, dass ich nur für Deutschland spielen will. Aber ich konnte mich ja nicht selbst einladen. Die Türkei wollte mich auch haben, aber es gab nie ein persönliches Gespräch mit Nationaltrainer Fatih Terim."

DFB zieht die Lehren

Terim hatte zuletzt immer wieder betont, dass die Türkei um Özil kämpfen werde. Erst vor einem halben Jahr hatte sich Stuttgarts Verteidiger Serdar Tasci ebenfalls für die DFB-Auswahl entscheiden.

Jetzt folgt mit Özil der vierte Türke dem Ruf des Landes, in dem er geboren, aufgewachsen und ausgebildet wurde. Mustafa Dogan war vor zehn Jahren der erste, wobei Dogan erst im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Deutschland gezogen war. Vor Tasci durfte sich noch Malik Fathi versuchen, der es allerdings auch nur auf zwei Länderspiele brachte.

Vor ein paar Jahren noch musste der DFB bei den beiden Altintops oder Nuri Sahin, vor gut zehn Jahren bei Yildiray Bastürk den Kürzeren ziehen - aus dem der Verband aber offenbar die richtigen Lehren gezogen hat.

Özil bestätigt den Trend

Jetzt bestätigt Özil den neuen Trend, mit dem viele Verbände weltweit umzugehen haben bzw. von dem sie profitieren können: Die zweite oder dritte Generation von Einwanderern entscheidet sich immer mehr für ihr Heimatland - und immer seltener für das Land ihrer Väter und Großväter.

Im aktuellen Kader für das Norwegen-Spiel hat ein Drittel der deutschen Spieler einen Migrationshintergrund. Özils und Tascis Eltern stammen aus der Türkei, Miro Klose und Piotr Trochowski haben polnische Eltern, Andreas Beck siedelte samt Familie aus Russland nach Süddeutschland, Marko Marin hat serbische Wurzeln und Mario Gomez Vater ist Spanier.

In Horst Hrubeschs U 21 stehen für den Test nächste Woche gegen Irland sogar acht Spieler mit Migrationshintergrund.

"Keine Entscheidung gegen die Türkei"

"Wichtig und für uns entscheiden ist, dass der Spieler den Wunsch äußert, für Deutschland spielen zu wollen. Nicht wir gehen den Spieler an, der Spieler muss sich mit seinem Wunsch bei uns melden", hatte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer im Interview mit SPOX die Grundhaltung des DFB erläutert.

Özil wird nicht müde zu betonen, dass die Entscheidung für Deutschland "keine Entscheidung gegen die Türkei ist". Er fühlt sich als Person des öffentlichen Lebens mitverantwortlich für eine bessere Integration von Ausländern in Deutschland und steht im Moment als eines der Paradebeispiele dafür.

Beim Training von Werder Bremen nach seiner Berufung waren auch einige türkische Journalisten, die relativ verständnislos auf Özils Entscheidung reagierten. Dabei hatte Özil seinen türkischen Pass bereits vor zwei Jahren beim türkischen Konsulat abgegeben.

Nicht nur Stempel drauf

Wird Özil am kommenden Mittwoch gegen Norwegen eingesetzt, ist sein Fall auch für die Statuten wasserdicht. Dass er nur mit einem deutschen Stempel versehen werden soll, damit ihn der DFB für sich gesichert habe, glaubt er nicht.

"Joachim Löw hat mich angerufen und mir erklärt, wie er langfristig mit mir plant. Wenn ich gegen Norwegen zum Einsatz kommen sollte, würde ich mich freuen und richtig Gas geben."

Auch der Bundestrainer dachte nicht eine Sekunde in diese Richtung. Bereits im Dezember habe Özil ihm gesagt, "dass er sich als Deutscher fühle. Er habe stets das Gefühl gehabt, mit dem Adler zu spielen."

Wo ist Özils Position?

Mesut heißt ins Deutsche übersetzt "glücklich". Zumindest hat der 20-Jährige das ewige Hickhack jetzt hinter sich und kann sich voll aufs Sportliche konzentrieren - und dort auf den Konkurrenzkampf im linken Mittelfeld aufnehmen.

Für seine Lieblingsposition im zentralen offensiven Mittelfeld hat Löw nämlich gar keine Planstelle zu vergeben. Deutschland spielt im 4-4-2 mit einer Doppelsechs, für einen Regisseur ist dort kein Platz. Und auf links wirbelte zuletzt Trochowski, dem wiederum Marin im Nacken sitzt.

Für Özil ist der Kampf um einen Stammplatz aber noch gefühlte Lichtjahre entfernt. Zunächst zählt nur, dass er dabei ist: "Ich freue mich über die Einladung. Ich werde meine Chance in der deutschen Nationalmannschaft suchen."

Kollege Amauri von Juve muss darauf noch ein bisschen warten. Dabei hätten ihm Termin und Spielansetzung sehr zugesagt. Er hätte quasi wählen können. Gegner der Brasilianer am kommenden Mittwoch wird nämlich Italien sein.

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