SPOX-Meinung zu Löws England-Nominierung

Lücken im Leistungsprinzip

Von Kommentar: Stefan Rommel
Donnerstag, 13.11.2008 | 17:50 Uhr
Joachim Löw ist seit Juli 2006 Trainer der deutschen Nationalmannschaft
© Imago
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Joachim Löw und die deutsche Nationalmannschaft werden auch vor dem letzten Länderspiel des Jahres gegen England nicht müde, weiter fleißig Schlagzeilen zu produzieren. Ein Kommentar von SPOX-Redakteur Stefan Rommel.

Nach den mittlerweile beigelegten Streitereien des Bundestrainers mit Michael Ballack und Torsten Frings überraschte Löw am Donnerstag bei der Nominierung des Kaders für das Freundschaftsspiel gleich mit drei Neulingen.

Mit Marvin Compper, Tobias Weis (beide 1899 Hoffenheim) und Marcel Schäfer vom VfL Wolfsburg berief Löw drei Novizen in den 20-Mann-Kader.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Joachim Löw gerne mit dem Vorwurf konfrontiert, er hielte zu lange an alten Gewohnheiten und bewährtem Personal fest.

Warnschuss für Frings

Der Bundestrainer musste sich in letzter Zeit ja an vielen Fronten standhaft zeigen, wurde teils kritisiert, teils gelobt für seine Linie im Streit mit den Führungsspielern Ballack und Frings und manchmal schien es, als fände er gar keine Zeit, den eigentlichen Anforderungen des Bundestrainer-Jobs nachzukommen.

Hinter dem Rauch, den die größeren und kleineren Knalleffekte der Streitereien verursachte, hielt Löw aber weiter unverdrossen an seiner Marschroute auf dem Weg zur WM 2010 in Südafrika fest. Nach der EM hatte Löw mutig und betont laut das Leistungsprinzip ausgerufen und eine härtere Gangart bei möglichen Härtefällen angekündigt.

Christoph Metzelder, David Odonkor oder Kevin Kuranyi - wenn auch selbstverschuldet - fielen dem bisher zum Opfer. Frings‘ Nichtberücksichtigung darf zumindest als Warnschuss gedeutet werden.

Schäfer-Nominierung war überfällig

Stattdessen wagt der Bundestrainer vor dem Prestigeduell gegen England mit seiner Kader-Wahl einen nächsten Schritt. So naheliegend die Nominierung von Marcel Schäfer war, so überraschend werden die beiden Hoffenheimer Marvin Compper und Tobias Weis am Sonntagabend zum ersten Mal zum DFB-Tross stoßen.

Nach den Ausfällen der Linksverteidiger Philipp Lahm, Marcel Jansen und Christian Pander lag Schäfers Berücksichtigung auf der Hand. Der Wolfsburger spielt seit über einem Jahr auf einem konstant hohen Niveau und entwickelt sich unter Trainer Felix Magath prächtig. Für viele war Schäfers Nominierung längst überfällig.

Weis "absolut überrascht"

Ganz anders verhält es sich bei Compper und Weis. Innenverteidiger Compper durchlief immerhin bis zur U 20 die Jugend-Nationalmannschaften des DFB, ist insofern also kein unbeschriebenes Blatt.

In den letzten Wochen fiel der Name Compper immer mal wieder im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft. Dass sich der 23-Jährige aber schon nach zwölf soliden Bundesligaspielen auf eine mögliche Premiere in Schwarz und Weiß freuen darf, kommt überraschend.

"Das ist eine große Ehre für mich. Auf diese Einladung bin ich wirklich stolz", sagte Compper am Donnerstag. Fast schon verdutzt reagierte sein Hoffenheimer Kollege Weis: "Ich war absolut überrascht und bin überglücklich."

Für den respektablen Aufsteiger Hoffenheim ist es eine Premiere, noch nie stand ein Spieler der TSG im Kader der deutschen A-Nationalmannschaft. "Das ist auch eine Anerkennung für unsere Arbeit und der gesamten Mannschaft", sagte Trainer Ralf Rangnick.

Hoffenheims offensive Spielausrichtung und -philosophie waren für Löw in der Entscheidungsfindung sicherlich ein Hauptkriterium, die technische und taktische Weiterentwicklung von Compper und Weis unter Rangnick ebenfalls.

Löw beweist Mut

Löw beweist mit der Zusammenstellung des Kaders Mut, besonders gegen einen Gegner wie England. "Wir wollen das letzte Spiel des Jahres noch einmal dazu nutzen, um das eine oder andere auszuprobieren und für das neue Jahr entsprechende Eindrücke zu gewinnen", sagte er.

So bleiben nur zehn Spieler, die auch bei der EM 2008 mit dabei waren. Vom Stamm-Mittelfeld, das über Jahre hinweg das deutsche Spiel prägte, ist lediglich Bastian Schweinsteiger dabei.

Ballack musste kurzfristig absagen, Frings bekommt eine Pause und der langzeitverletzte Bernd Schneider ist im Moment im DFB-Team überhaupt kein Thema. Löw treibt den Wechsel weiter voran und versucht, die Übergänge so fließend und weich wie möglich zu halten.

Natürlich sind einige seiner Entscheidungen aus der Not geboren, weil etliche Stammspieler verletzt sind oder nach Verletzungen noch nicht in Form. Dass Löw seinem Prinzip des Experimentierens treu bleibt, muss man ihm zugute halten.

Es bleiben Fragen

Auf der anderen Seite bleiben aber einige Fragen unbeantwortet. Vor allem die, ob hinter den Entscheidungen des Bundestrainers ein durchdachtes Konzept steckt, oder ob er in den Testspielen jetzt gegen England und im nächsten Februar gegen Norwegen einfach ein paar Spieler ins kalte Wasser werfen will.

Denn richtig schlüssig ist Löws Argumentationskette nicht. Spieler wie Gonzalo Castro oder Stefan Kießling warteten vergeblich auf eine Nominierung, obwohl beide in dieser Saison nachweislich durch starke Leistungen auf sich aufmerksam machen und in ihrem Verein etablierte Kräfte sind. Ebenso Wolfsburgs Christian Gentner.

Folgt alles einem Plan?

Dagegen ist Tobias Weis bisher ein steter Wanderer zwischen Startelf und Ersatzbank, den prägnanten Zusatz "Bundesliga-Stammspieler" konnte sich der 23-Jährige trotz teilweise überzeugender Auftritte noch nicht erarbeiten.

Mannschaftskollege Andreas Beck dagegen schon. Nominiert wurde der Rechtsverteidiger aber nicht, stattdessen darf sich Andreas Hinkel über eine Einladung freuen. Und das passt nicht zu dem, was Löw sich selbst auf die Fahnen schreibt.

Der Bundestrainer stellte bisher rein sportliche Beweggründe heraus, die für eine Nominierung der drei Neuen sprechen. Alles fußt auf der derzeitigen Form der drei Berufenen, die für diese eine Partie als gute Vertreter der Etablierten dienen sollen.

Ob seine Entscheidungen dabei aber auch einem großen Plan folgen? Löws langfristige Absichten und Ziele sind bisher jedenfalls nur zu erahnen.

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