England mit der besseren B-Elf

Von Florian Bogner / Sebastian Steegmüller
Mittwoch, 19.11.2008 | 23:24 Uhr
Das 0:1: Englands Upson drückt den Ball zwischen Compper und Schweinsteiger ins Tor
© Getty
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Die deutsche Nationalmannschaft hat das letzte Länderspiel des Jahres gegen England mit 1:2 (0:1) verloren. Beim Test in Berlin, den Bundestrainer Joachim Löw zu zahlreichen Experimenten nutzte, zeigte das DFB-Team die schlechteste Leistung des gesamten Jahres und unterlag verdient.

Vor 74.244 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion ging der Erzrivale, der ohne acht Stammspieler antrat, nach 23 Minuten verdient in Führung. Rene Adler war nach einer Ecke am Ball vorbei geflogen, Verteidiger Matthew Upson staubte ab.

Anschließend hatten die Gäste weitere Möglichkeiten, das Ergebnis auszubauen, wurden in der 63. Minute aber eiskalt bestraft. Nach einem katastrophalen Abstimmungsfehler zwischen Abwehrchef John Terry und dem zur Pause eingewechselten Torhüter Scott Carson schob der ebenfalls eingewechselte Patrick Helmes zu seinem ersten Länderspieltor ein.

England-Kapitän Terry machte seinen Fehler in der 84. Minute wieder gut, als er sich im Strafraumduell mit Heiko Westermann durchsetzte und zum 2:1-Siegtreffer einköpfte.

"Die Engländer waren die bessere Mannschaft, wir haben einen schlechten Tag erwischt", resümierte Löw. "In der zweiten Halbzeit haben wir wenigsten ein Stück weit zurückgefunden ins Spiel. Aber insgesamt haben wir verdient verloren."

Debüt für Compper, Schäfer und Wiese

In Abwesenheit von Philipp Lahm, Torsten Frings und Michael Ballack nutzte Löw den Test für zahlreiche Experimente: So kamen der Hoffenheimer Marvin Compper und später der Wolfsburger Marcel Schäfer auf der linken Abwehrseite, sowie Torhüter Tim Wiese (spielte die zweite Halbzeit) zu ihren ersten Länderspiel-Einsätzen.

Auch Englands Trainer Fabio Capello experimentierte fleißig und stellte eine bessere B-Elf auf, nachdem ihm u.a. Rio Ferdinand, Steven Gerrard, Andy Cole, Joe Cole, Frank Lampard, Wayne Rooney und Theo Walcott absagten.

England nahm damit erfolgreich Revanche für die 1:2-Niederlage im Wembley-Stadion im August 2007. Bizarr: Deutschland ist gegen England außerhalb des Fußball-Mutterlandes seit 1993 kein einziger Sieg mehr gelungen.

Aufstellungen:

Deutschland: Adler (46. Wiese) - Friedrich (68. Tasci), Mertesacker, Compper (77. Schäfer), Westermann - Rolfes, Jones (46. Marin) - Schweinsteiger, Trochowski - Klose (46. Helmes), Gomez (57. Podolski).

England: James (46. Carson) - Johnson, Upson, Terry, Bridge - Carrick, Barry - Wright-Phillips (90. Crouch), Downing - Agbonlahor(77. Young), Defoe (46. Bent).

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Anpfiff: Das DFB-Team im klassischen 4-4-2 mit Doppel-Sechs, Jones spielt dort erstmals von Beginn an. Compper kommt links hinten überraschend zum Debüt, dort hatten viele mit Schäfer gerechnet. Trochowski und Gomez erhalten den Vorzug vor Marin und Helmes.

England angesichts acht fehlender Stammspieler mit einer experimentellen Rumpfelf, ebenfalls im 4-4-2 mit Doppel-Sechs. Agbonlahor gibt im Sturm sein Debüt.

9.: Trochowski zieht von der linken Außenbahn nach innen. Sein Schuss aus 23 Metern aufs lange Eck klatscht James vor die Füße von Schweinsteiger, doch der rutscht weg und kommt nicht an den Ball.

23., 0:1, Upson: Adler wird bei einer Ecke von Defoe leicht behindert und segelt am Ball vorbei. Der Nutznießer ist Upson, der den Ball mit links über die Linie schiebt. Sein erstes Länderspieltor im sechsten Spiel.

26.: Freistoß Trochowski von links, "Calamity" James faustet den Ball weit aus der Gefahrenzone.

34.: Schweinsteiger mit einem Freistoß von rechts. Westermann kommt zum Kopfball, doch der geht weit über das Gehäuse.

45.: Doppel-Chance für England. Erst pariert Adler Downings Schuss, allerdings genau vor die Füße von Wright-Philipps, der aus 20 Metern knapp verzieht.

46.: Wechselarie zur Pause. Löw wechselt drei Mal, Wiese feiert im Kasten sein Debüt. Marin kommt für den schwachen Jones, Schweinsteiger rückt dafür in die Mitte. Auch Capello wechselt den Keeper, dazu kommt Bent im Sturm zu seinem ersten Länderspiel.

62.: Bent taucht alleine vor Wiese auf, der Bremer Schlussmann bekommt die Finger dazwischen, Bent wird abgedrängt und schießt am leeren Tor vorbei.

63., 1:1, Helmes: Unerklärlicher Aussetzer von Terry und Carson. Die beiden Spielen an der Sechzehnergrenze "Nimm ihn Du, ich hab ihn sicher", Helmes geht dazwischen, tunnelt Carson und schiebt lässig ins leere Netz ein.

66.: Agbonlahor geht rechts in den Strafraum und zieht aus acht Metern ab, doch Wiese verkürzt das kurze Eck geschickt und muss nicht mal eingreifen. Der Ball geht knapp am Tor vorbei.

79.: Wright-Phillips zieht aus zentraler Position ab, doch Wiese lenkt den Schuss aus 25 Metern an den rechten Außenpfosten. Klasse Schuss, gute Parade!

84., 1:2, Terry: Westermann zahlt gegen Terry Lehrgeld. Nach einem Freistoß zieht Terry den Schalker Verteidiger kurz am Arm und verschafft sich so den Vorteil, um ins rechte lange Eck einzuköpfen.

So lief das Spiel: England mit giftigem Pressing bis weit in die deutsche Hälfte hinein. Die Three Lions schafften es durch effektives Verschieben im Mittelfeld, immer zwei Mann gegen den ballführenden Spieler zu stellen. Derart gestört gab die DFB-Elf früh die Bälle ab, spielerisch konnte man sich nur selten befreien. England war optisch überlegen, hatte nach vorne aber auch keine zündenden Ideen. Knapp 25 Minuten passierte gar nichts, dann griff Adler - von Defoe leicht behindert - daneben und Upson staubte ab. Auch anschließend brachte die DFB-Elf im Offensivspiel nur Stückwerk zustande. Chancen gab es, wenn überhaupt, nur nach Standardsituationen.

Der zweite Durchgang begann nach den vielen Personalwechseln im Leerlauf. England verlor ein bisschen seine Linie, sofort bekam die DFB-Elf zumindest einen Zeh in die Tür. Bis zum Ausgleich aus heiterem Himmel warteten die Zuschauer allerdings vergebens auf eine echte Chance der Hausherren, dann stellte Helmes seinen guten Torriecher unter Beweis. Der Rest der Partie wurde von weiteren Wechseln zerfurcht, Deutschland gestaltete die Partie etwas offener, ohne zu überzeugen. Als alles mit einem Unentschieden rechnete, gelang Terry der Siegtreffer für England.

Der Star des Spiels: Wenn überhaupt einer, dann Patrick Helmes. Der Leverkusener nutzte neben Wiese als einziger der DFB-Elf seine Chance und empfahl sich mit seinem Tor für einen Startelfeinsatz - auch weil Mario Gomez einmal mehr eine erschreckend schwache Leistung zeigte.

Die Gurke des Spiels: Der Klassiker, der keiner war. 74.244 Zuschauer im Stadion und mehrere Millionen vor den Bildschirmen freuten sich auf ein gutes Spiel zweier Erzrivalen - und bekamen von zwei Mannschaften, die wohl nie wieder so spielen werden, einen billigen Abklatsch serviert. Sorry, liebe FIFA und lieber DFB: So eine Testspiel-Ansetzung Mitte November braucht kein Mensch. Dann noch lieber ein "hässliches" Quali-Spiel gegen Aserbaidschan. Pfiffe nach dem Abpfiff waren die Quittung für die dämliche Ansetzung und den müden Kick auf dem Platz.

Die Lehren des Spiels: Aufgrund der vielen Experimente: sehr wenige. Was man aber sagen kann: Mit der geschickten Raumaufteilung der Capello-Elf kam das DFB-Team überhaupt nicht zurecht und bot die schwächste Leistung seit dem 0:3 in München gegen Tschechien im letzten Oktober, wo man sich wenigstens selbst ein paar Chancen erarbeitete.

Im Mittelfeld hatte die DFB-Elf zu keiner Zeit ein Übergewicht, vor allem Trochowski und Rolfes, die beide einen Stammplatz beanspruchen, versanken im Mittelmaß. Die Liste könnte man beliebig vorführen - kaum ein Akteur im DFB-Trikot erreichte Normalform. Die Debütanten Compper und Schäfer blieben blass, einzig Wiese nutzte seine Chance zwischen den Pfosten und zeigte ein paar gute Paraden.

Bei England muss man trotz aller Ausfälle sagen, dass Capello der Mannschaft vor allem im taktischen Bereich zu Riesenfortschritten verholfen hat. Das Mittelfeld gibt kaum Räume preis - früher ein Kardinalproblem der Three Lions - und vorne verfügt der Italiener über eine Fülle an guten Angreifern. Im zweiten Durchgang spielte mit Bent und Crouch quasi der C-Sturm.

Mehr Informationen zum DFB-Team

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